Trautes Patchwork im Revier
Schauspielerin Sophia Thomalla
(tsch) Gelsenkirchen ist nicht Berlin. Der Glamourfaktor tendiert gegen Null, wenn der die Gefühlslage der Stadt so stark bestimmende Fußballverein Schalke 04 nicht gerade etwas Außergewöhnliches reißt. Simone Thomalla und ihre Tochter Sophia sind vor neun Jahren in den Pott gekommen. Seitdem ist Simone mit Ex-Schalke-Manager Rudi Assauer liiert. "Ich war zehn, als wir von Berlin wegzogen", erinnert sich Sophia. "Das war schlimm, ich habe meine Freunde und meine Großeltern zurücklassen müssen. Und dann ging es auch noch nach Gelsenkirchen, nicht mal nach Essen oder Bochum. Jetzt wohne ich seit neun Jahren dort und fühle mich sehr wohl. Die Atmosphäre im Ruhrgebiet ist viel familiärer als in Berlin. Die Menschen scheinen harmonischer miteinander."
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Nun zieht die angelernte Lokalpatriotin selbst aus, um den Glanz des Ruhrgebietes zu nähren. In der ARD-Krimireihe "Commissario Laurenti" ("Totentanz", Do. 08.01, 20.15 Uhr) verkörpert die 19-Jährige Livia Laurenti, die schöne Tochter von Laurenti (Henry Hübchen). Auch abseits dieser Rolle treibt die "kleine Thomalla" leise aber mit festem Ziel ihre noch junge Karriere voran. Tipps dazu gibt's gratis von der Mutter, bei der und "Rudi" sie immer noch wohnt. Glamour ohne Wurzeln taugt eben nix - das würde man hier im Ruhrgebiet jederzeit unterschreiben.Wenn beide Eltern Schauspieler sind, gibt es für ein Kind zwei Möglichkeiten. Entweder es sucht die radikale Abwehr vom Beruf der Erzeuger oder - was erstaunlich oft passiert - es lässt sich auf eine lange, von der Öffentlichkeit kritisch beäugten Reise des Vergleichs ein. Sophia Thomalla hat sich fürs Schauspiel entschieden, auch wenn die Tochter der Leipziger "Tatort"-Kommissarin und des Theaterschauspielers André Vetters zunächst zu kreativen Alternativen wie "Modedesign oder so" tendierte. "Als ich anfing, mir über mein Leben Gedanken zu machen - so im Alter zwischen 13 bis 15 Jahren - wollte ich auf gar keinen Fall Schauspielerin werden. Das lag sicher auch daran, dass ich von Anfang an ein "Set"-Kind war. Meine Mutter hat mich oft zu Dreharbeiten mitgenommen. Deshalb war dieses Umfeld erst einmal nichts Besonderes für mich." Blut lecken durfte Sophia erstmals mit 15 Jahren. Damals brachte Sigi Rothemund, Regisseur der ersten "Laurenti"-Folgen und Freund der Familie, das hübsche Mädchen bei der in Triest entstehenden Krimireihe unter, in der deutsche Schauspieler italienische Lebensart verkörpern. Für Sophia reichte diese Erfahrung, um nach der Schule bei einer privaten Schauspielschule im Ruhrgebiet anzuheuern. "Die ist leider insolvent gegangen. Für mich war das jedoch weniger tragisch, als es sich anhört. Die Dinge laufen sehr gut. Immerhin habe ich dort anderthalb Jahre Ausbildung hinter mich gebracht, die mir sehr geholfen haben. Jetzt arbeite ich sehr regelmäßig mit einem Schauspiel-Coach." 2009 wird Sophia Thomalla unter anderem in der "ernsthaften" ZDF-Komödie und "Verkehrthairum", dem Abschlussfilm eines Filmhochschülers, im Kino zu sehen sein. Daneben modelt die hübsche Brünette mit den fast schon italienisch scharfen Gesichtszügen erfolgreich, was allerdings nicht so an die große Glocke gehängt werden soll. Modelnde Schauspielerinnen umweht in Deutschland immer noch der Hauch des Unseriösen. Wichtigste Ratgeberin in Sachen Karriereplanung ist Mutter Simone. "Die Ängste lagen eher auf ihrer Seite. Sie weiß, welche Gefahren und Unsicherheiten dieser Beruf mit sich bringt. Auch was den Umgang mit den Medien betrifft, wenn man beispielsweise fürs Fernsehen arbeitet. Mein Vater ist Theaterschauspieler und lebt relativ unbehelligt von solchen Problemen. Er war da viel lockerer." Mit Vater André Vetters pflegt Sophia ebenfalls ein gutes Verhältnis. Wenn sie in Berlin ist, besucht man gemeinsam Theatervorstellungen, geht ins Kino oder etwas essen. Was man als Teenager-Tochter mit dem geschiedenen Vater eben so macht. Doch auch mit "Rudi", den Sophia ab und an etwas unscharf im Begriff "meine Eltern" adoptiert, funktioniert das Patchwork-Leben zwischen Berlin und Gelsenkirchen offensichtlich reibungslos. "Mit Rudi kam ich von Anfang an gut klar. Wir leben seit neun Jahren zusammen. Ich bin natürlich auch ein ganzes Stück weit mit ihm groß geworden. Das Schöne ist, dass sich auch mein leiblicher Vater und Rudi sehr gut verstehen. Wir haben ein harmonisches Familienleben. Mein Vater ist jederzeit in Gelsenkirchen willkommen." Kommt bei so viel Nähe nicht der Wunsch nach Abnabelung auf? "Viele Jugendliche sagen wahrscheinlich, dass sie gerne ausziehen möchten. Doch ich fühle mich bei meiner Mutter und Rudi unheimlich wohl. Sie lieben mich, und ich liebe sie - was gibt es Schöneres?" Die besonders enge Beziehung zwischen Mutter und Tochter existierte freilich von Beginn an. Während andere Schauspielerinnen ihre Kinder in Betreuung gaben, wuselte die kleine Sophia einst zwischen Kameras, Filmlicht und Kabelbäumen herum. "Meine Mutter wollte mich nie in die Hände anderer Leute geben. Sie mochte immer ihr Kind dabei haben. Das ist heute noch ein bisschen so. Wenn Sie mal vier Wochen irgendwo dreht, fragt sie schon mal, ob ich nicht mal vorbeikommen will." Noch genießt die angehende Schauspielerin ihren Tochterstatus im familiären Gelsenkirchen mit Mutter Simone und "Vater" Rudi. "Kreative Berufe sind unsicher, du bist immer abhängig von der Meinung anderer Leute" - hat ihr die Mutter auf den Weg mitgegeben. Wann sie ihn alleine beschreiten wird, wohin er sie führen wird, das lässt Sophia auf sich zukommen. Momentan gibt es einen Freund in ihrem Leben, er heißt Dominik und arbeitet als DJ in Münster. Ob sich im Dreieck Münster, Gelsenkirchen, Berlin eine große Karriere entfalten wird, werden die nächsten Jahre zeigen. Mit 19 kann noch alles passieren - diese Begeisterung strahlt die hübsche Tochter Thomalla mit jeder Geste, jedem schnell dahin geworfenem Satz aus. Ihr Weg scheint zumindest sauber flankiert. Mit ein wenig Berliner Glamour-Schnauze, dem nüchternen Augenmaß des Ruhrpotts und vor allem viel Nestwärme. Nicht die schlechtesten Voraussetzungen für den Schritt ins eigene Leben.
Eric Leimann
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Zwischen Nestwärme und Karriere: Sophia Thomalla möchte 2009 als Schauspielerin durchstarten. (Charles D. / Dirk Bukowski)
Mutter und Tochter bei den Internationalen Filmfestspielen 2008 in Berlin: Sophia (links) und Simone Thomalla nehmen Kollege Sven Martinek in die Mitte. (ARD Degeto / Franziska Krug)
Nicht der Freund, nur der kleine Filmbruder: Sophia Thomalla und Sergej Moya als Kinder des "Commissario Laurenti" in der Folge "Totentanz". (ARD Degeto / Svenja v. Schultzendorff) |
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