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Jördis Triebel

Wie ein kleiner Holzwurm

Schauspielerin Jördis Triebel

(tsch) "Weeß ick jetz nich!" heißt ungefähr so viel wie "Ähem". Jedenfalls sagt Jördis Triebel das im Interview öfters mal, wenn sie erst etwas überlegen muss, bevor sie vorschnell mit einer Antwort um die Ecke kommt. Dabei weiß die 1977 in Ost-Berlin geborene Schauspielerin doch offenbar ganz genau Bescheid, worauf es ankommt. Im Beruf, und überhaupt im ganzen Leben. Die frischgebackene Mama, die derzeit in Max Färberböcks Trümmer-Drama "Anonyma" im Kino zu sehen ist und am Montag, 3. November, 20.15 Uhr, die Hauptrolle im ZDF-Thriller "Das Geheimnis der falschen Mutter" spielt, ist nach eigener Auskunft rundum zufrieden - was eben auch mit einem guten Gespür für Prioritäten zu tun hat. Offen und mit sympathischem Berliner Selbstbewusstsein spricht die vielfach ausgezeichnete Theater- und Filmschauspielerin über Karriere, Fernsehen und das Mutterglück.

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teleschau: Wie oft werden Sie eigentlich auf Ihren Vornamen angesprochen, Frau Triebel?

Jördis Triebel: Eigentlich immer (lacht). Ich brauch nur zu sagen: "Hallo, mein Name ist Jördis", und es kommt sofort die Frage: "Hä? Was'n det für'n Name?"

teleschau: Man kann es nachlesen: Jördis ist Schwedisch und bedeutet "Göttin des Schwertes". Ganz schön cool!

Jördis Triebel: Ja, ich finde, es ist ein Super-Name, ehrlich. Als Kind war es etwas anstrengend, weil sonst niemand so hieß und alle ihre Späße machten. Aber jetzt ist es toll: Weeßte, ick bin Jördis, und keen anderer!

teleschau: Sie wuchsen in Ostberlin auf, erlebten mit zwölf Jahren die Wende. Denken Sie, dass Sie auch in der DDR Schauspielerin geworden wären?

Jördis Triebel: Auf jeden Fall. Ich wollte nie etwas anderes werden. Meine Mutter arbeitete am Theater, und ich fand das alles schon als Kind so faszinierend, dass für mich feststand, ich gehe auf die Bühne!

teleschau: Es hat sich gelohnt. Nach der Schauspielschule folgten erfolgreiche Jahre am Theater, Sie erhielten viele Auszeichnungen, und gleich für Ihren ersten Kinofilm "Emmas Glück" wurden Sie 2007 mit dem Förderpreis Deutscher Film, Kategorie: Hauptrolle, bedacht. Es heißt, Ihre erste Filmszene überhaupt sei ein Orgasmus auf dem Mofa gewesen!

Jördis Triebel: Genau. Ganz schön hart, oder? Ich dachte mir damals aber, dass das schon so passt, nach dem Motto: "Spielste das Schlimmste zuerst, hast du's hinter dir."

teleschau: Sind Sexszenen besonders schwer?

Jördis Triebel: Leicht fällt mir so etwas nicht. Ich bin jedenfalls nicht so eine, die sagt: "Hey, ich hätte gerne noch ne Sexszene, weil ich spiele die so gerne." (lacht) Nein, im Ernst: Ich weigere mich auch schon mal, wenn es nur um der Nacktheit willen eine Liebesszene geben soll. Aber manchmal gehört es eben zur Rolle.

teleschau: Sie sind derzeit in Max Färberböcks Kriegsende-Drama "Anonyma" im Kino zu sehen und in der Hauptrolle des ZDF-Thrillers "Das Geheimnis der falschen Mutter". Große Projekte. Klingt, als hätten Sie's geschafft!

Jördis Triebel: Weiß nicht, ob man das so sagen kann. Ich spiele Theater, da kommt man alle sechs Wochen mit einer Premiere heraus! Aber klar, Kino und Fernsehen, das ist eine ganz andere Öffentlichkeit, da müsste ich jetzt eigentlich total euphorisch sein, stimmt. Nur denke ich gerade nicht so viel darüber nach - ich habe ein ganz kleines, süßes Baby, das hat Priorität.

teleschau: Herzlichen Glückwunsch!

Jördis Triebel: Vielen Dank! Mein Junge ist drei Monate alt. Schon schön, dass ich gerade jetzt in einigen Filmen zu sehen bin. Es passt alles wunderbar zusammen!

teleschau: Kino oder Fernsehen - was ist Ihnen wichtiger?

Jördis Triebel: Wenn ich wählen dürfte, würde ich grundsätzlich lieber fürs Kino arbeiten. Es ist ein anderes Arbeiten: entspannter, aber irgendwie auch intensiver. Man hat mehr Zeit, sowohl für die Vorbereitung als auch für die Szenen.

teleschau: Ist das Fernsehen zu schnell und zu oberflächlich?

Jördis Triebel: So pauschal kann ich das nicht sagen. "Das Geheimnis der falschen Mutter" ist alles andere als oberflächlich. Aber beim Fernsehen ist der Druck einfach anders, man hat viel weniger Zeit.

teleschau: Sahen Sie Reich-Ranickis Zornesausbruch?

Jördis Triebel: Ja, und ich fand ihn toll. Ich habe auch manchmal meine Schwierigkeiten mit dem deutschen Fernsehen. Dass er ein paar Tage später, im ZDF-Gespräch mit Gottschalk, Helge Schneider als Beispiel für einen schlechten Komödianten nannte, kann ich allerdings nicht nachvollziehen, der ist doch brillant!

teleschau: Was genau stört Sie am Fernsehen?

Jördis Triebel: Allgemein gesprochen: Dort findet schon teils eine Verdummung statt. Vor allem finde ich die Haltung falsch, zu sagen: "Die Leute wollen es sehen, also muss man diesen Wunsch bedienen." Es geht mir wirklich nicht um eine elitäre Hochkultur im Fernsehen, die, da hat Thomas Gottschalk recht, braucht kein Mensch, sondern es gibt ein Zwischending. Ich erinnere mich an das Fernsehen meiner Jugend, da gab es viele Sachen, die unterhaltend und bildend zugleich waren.

teleschau: Sie outeten sich mal als großer "Pippi Langstrumpf"-Fan!

Jördis Triebel: Das war doch tolles Fernsehen. Es wäre schön, wenn auch mein Kind mit solchen Sachen groß werden könnte.

teleschau: Wo sehen Sie den entscheidenden Fehler?

Jördis Triebel: Es wird zu viel kopiert, ständig werden vermeintliche Trends bedient. Läuft ein Thema - egal ob Show oder Film - gut, wollen es alle anderen auch sofort haben. Und keiner hat den Mut, selbst etwas zu erfinden und auszuprobieren.

teleschau: Gibt es viele Angebote, die Sie deshalb ablehnen, weil Ihnen die Bücher zu seicht, zu schlecht sind?

Jördis Triebel: Sagen wir, das Verhältnis ist fifty-fifty. Ehrlich: Ich könnte in diesem Beruf nicht nur fürs Geld arbeiten. Andererseits weiß ich natürlich, dass ich ein Riesenglück habe, dass ich überhaupt wählen und das machen darf, was mich wirklich interessiert. Das kann in ein paar Jahren ganz anders aussehen. Wer weiß das schon. Ich weiß nur, es gibt Geschichten, die müssen einfach erzählt werden. So wie die der von den russischen Soldaten vergewaltigten Frauen in "Anonyma" oder der am Leben zerbrechenden Frau in "Das Geheimnis der falschen Mutter".

teleschau: Sie spielen in dem ZDF-Thriller eine Frau, die aus extremer Mutterliebe heraus bis zum Äußersten geht. Wie haben Sie sich dieser Mutter am Rande des Wahnsinns angenähert?

Jördis Triebel: Wir drehten den Film vor zwei Jahren, damals ahnte ich noch nichts von meiner eigenen Mutterliebe (lacht). Mein Ansatz war auch ein anderer: Ich spielte eine Frau, die sich extrem alleine fühlt, die im Leben nichts hat, außer Mann, Arbeit und Auto, die mit einem Schicksalsschlag nicht fertig wird, weil sie erdrückende Schuldgefühle hat und unfähig ist, zu kommunizieren. Eine große Herausforderung, und ich war stolz, dass mir Regisseur Matthias Glasner so viel Vertrauen schenkte. Zur Vorbereitung tat ich das, was ich meistens tue: Menschen beobachten, einschlägige Filme sehen, und vor allem auch bei mir selbst suchen!

teleschau: Wut, Verzweiflung, Wahnsinn: Es ist nicht das erste Mal, dass man Sie in einer solchen Rolle sieht. Haben Sie eine Vorliebe für Abgründiges?

Jördis Triebel: Ich glaube schon, dass ich die Abgründe suche. Ich versuche auch immer, sehr psychologisch zu arbeiten und habe deshalb gerne mit Regisseuren zu tun, die stark auf den Schauspieler setzen und ihm spontane Momente lassen. Jedenfalls mag ich keine glatten Figuren, keine Geschichte, in denen es nur Schwarz oder Weiß gibt.

teleschau: Man sah Sie noch nie in einem dieser Wohlfühl-Liebesfilme ...

Jördis Triebel: Eben - weil es in den netten Filmchen kaum etwas zwischen Schwarz und Weiß gibt. Aber mich reizt gerade dieses "Dazwischen". Dort findet das wahre Leben statt. Danach suche ich. Und ich versuche, mich wie ein kleiner Holzwurm so tief in meine Figuren hineinzuwühlen, bis ich dort bin (lacht).

teleschau: Das heißt konkret?

Jördis Triebel: Dass ich versuche, mir eine Figur regelrecht anzuziehen und für die Zeit des Drehs ganz in ihrer Welt zu leben. Ich will herausfinden, wie dieser Mensch ist, wie er geht oder redet. Für mein privates Umfeld ist das nicht immer leicht. Aber so mag und brauche ich es, so will ich arbeiten - vielleicht, wie ein Maler, der beim Malen in seinem Bild verschwindet.

teleschau: Sie nehmen solch eine extreme Rolle also auch mit nach Hause?

Jördis Triebel: Ja, gerade aus den extremen Rollen kann ich am Ende des Tages nicht einfach so rausspringen. Aber das hat auch etwas Gutes, ich werde bei meiner Arbeit auch etwas los, sie hat etwas Befreiendes. Wenn ich am Theater arbeite, geht es mir oft so, dass ich morgens aufstehe und mir denke: "Nee, icke hab keene Kraft, det pack' ick heut' nicht!" Und dann stehe ich auf der Bühne, und plötzlich ist alles gut, und es geht ganz leicht. So ist es in den guten Momenten beim Film auch.

teleschau: In der Vorab-Premiere bei ARTE lief der Film noch unter dem Titel "Eine gute Mutter". Jetzt können Sie ja mitreden: Was macht eine gute Mutter aus?

Jördis Triebel: Zunächst ist es egal, aus welcher gesellschaftlichen Schicht man kommt. Es geht um Liebe und Geborgenheit, um absolutes Vertrauen, darum, immer für das Kind da zu sein. Eine Mutter sollte auch nie etwas, das sie vielleicht selbst im Leben versäumt hat, auf ihr Kind projizieren.

teleschau: Ist Mutterliebe stärker als die Liebe zwischen Mann und Frau?

Jördis Triebel: Ja, so wie ich sie gerade erlebe, glaube ich schon. Es ist etwas Grenzenloses, Endloses, ein Gefühl, ohne Wenn und Aber. Ein Gefühl der Freude und Liebe, das so überwältigend, so pur ist, dass es mir manchmal auch Angst macht, denn als Mutter hat man wahnsinnig viel Verantwortung für so einen kleinen Menschen zu tragen. Ich entdecke wirklich völlig neue Seiten an mir, mein Leben ist komplett umgekrempelt. Das kann man mit nichts vergleichen.

teleschau: Wie wollen Sie Ihr Kind erziehen?

Jördis Triebel: Uns ist wichtig, dass er immer weiß, dass er geliebt wird, dass er aber auch nicht zu sehr verwöhnt wird. Dass er an sich glaubt, dass er mit viel Mitgefühl und wachen Augen durch die Welt geht. Und dass er so mit anderen Menschen umgeht, wie er möchte, dass mit ihm selbst umgegangen wird. Dass er einfach ein feiner Kerl wird!

Frank Rauscher


"Ick bin Jördis, und keen anderer": Jördis Triebel (Szene aus dem ZDF-Krimi "Das Duo - Sterben statt erben" vom 18. Oktober) zeichnet ein gesundes Berliner Selbstbewusstsein aus.
"Ick bin Jördis, und keen anderer": Jördis Triebel (Szene aus dem ZDF-Krimi "Das Duo - Sterben statt erben" vom 18. Oktober) zeichnet ein gesundes Berliner Selbstbewusstsein aus. (ZDF / Gunnar Fuß)

Hat eine Vorliebe für Abgründe: Jördis Triebel im ZDF-Thriller "Das Geheimnis der falschen Mutter" (Montag, 3.11., 20.15 Uhr).
Hat eine Vorliebe für Abgründe: Jördis Triebel im ZDF-Thriller "Das Geheimnis der falschen Mutter" (Montag, 3.11., 20.15 Uhr). (ZDF / Christine Schroeder)

Eine ganz normale Frau und ihre Abgründe: Kathrin (Jördis Triebel) verrät ihrem Freund Peer (Matthias Matschke) ein bisher gut gehütetes Geheimnis: Sie war einst Mutter eines kleinen Jungen, der allerdings schon als Baby ums Leben kam.
Eine ganz normale Frau und ihre Abgründe: Kathrin (Jördis Triebel) verrät ihrem Freund Peer (Matthias Matschke) ein bisher gut gehütetes Geheimnis: Sie war einst Mutter eines kleinen Jungen, der allerdings schon als Baby ums Leben kam. (ZDF / Christine Schroeder)

Datum: 02.11.2008

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