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Hanns Zischler - Todsünde

"Der Kerl ist nicht aus einem Guss"

Schauspieler Hanns Zischler

(tsch) In Wim Wenders' berühmtem Spielfilm "Im Lauf der Zeit" von 1976, in dem es um das Ende des Kinos ging und um die Amerikanisierung der Welt, spielte er den deprimierten, suizidgefährdeten Freund eines Technikers, der an der innerdeutschen Grenze Filmprojektoren reparierte. Jetzt, mehr als 30 Jahre und 170 Filme danach, ist Hanns Zischler, 1947 in Nürnberg geboren, in der Friedrich-Ani-Verfilmung "Todsünde" (nach dem Roman "Idylle der Hyänen") nun ein sehr melancholischer Kommissar und Ex-Mönch, der es mit gleich mehreren Suizidgefährdeten und deren "Helfern" zu tun bekommt. Der Wenders- und Rudolf-Thome-Darsteller mit der sonoren Stimme, eines der markantesten Gesichter des Neuen Deutschen Kinos, zugleich Übersetzer, Dramaturg, Essayist und Ausstellungsmacher, gibt Auskunft über sich und seine neue Rolle als ungewöhnlicher Kommissar.

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teleschau: Sind Sie ein Friedrich-Ani-Fan, mochten Sie die Romanvorlage "Idylle der Hyänen"?

Hanns Zischler: Ich habe den Roman gar nicht gelesen. Ich finde das zur Vorbereitung einer Rolle auch nicht gut. Das Drehbuch muss die Vorlage sein, alles andere wäre besserwisserisch.

teleschau: Sind Sie etwa gar kein Krimileser?

Zischler: Ich habe gestern gerade "Fragen Sie den Papagei" von Richard Stark gelesen. Es ist ein großartiges Buch, ein großer Schriftsteller. Wie Janwillem van de Wetering oder auch wie John le Carré.

teleschau: In "Todsünde" spielen Sie einen ziemlich gebildeten Kommissar, einen Ex-Mönch, der nicht nur die Bibel kennt.

Zischler: Polonius Fischer ist eine der drei Säulen in dieser seltsamen Krimi-Dreifaltigkeit aus Fahnder, Opfer und Täter. Der Film hat eine Schraffur, die man bei Krimis sonst nicht findet. Polonius, der nachdenkliche Ex-Mönch, leidet an einer gewissen Ratlosigkeit und versucht angesichts der Todesfälle seinen Glauben nun noch einmal zu mobilisieren. Er hält sich dabei an Ritualen fest, er hält Lesungen auf dem Revier, zitiert die Bibel. Ich habe hier in München drei Semester Ethnologie studiert. Ein berühmter Sozialanthropologe der 20er-Jahre, Bronislaw Malinowski, hat mal gesagt: "Study Religion, not believe". Das ist es.

teleschau: Ist dieser Polonius nun gläubig oder nicht? Zur Assistentin sagt er gegen Schluss, er glaube nicht an Gott, zu seiner Freundin aber - doch.

Zischler: Die Figur ist nicht immer konsistent, sie ist widersprüchlich in sich. Der Kerl ist nicht aus einem Guss. Dem passiert's schon mal, dass er sich selbst der Lüge überführt. Beim Fernsehkrimi ist die Konfektionierung, auch die Ausdifferenzierung inzwischen weit fortgeschritten. Da bin ich froh, dass die Ritualisierung meinen Laden zusammenhält.

teleschau: Wie wählen Sie Ihre Rollen aus - in diesem Jahr waren es ja ganz schön viele?

Zischler: Man kann ja allenfalls welche ablehnen. Aber ich muss schließlich Geld verdienen, das Schnödeste von der Welt. Also muss man sehen, ob die Rollen noch vertretbar sind, so gut es eben geht. Leider kann man sich alleine auf das Lesen der Drehbücher aber niemals verlassen.

teleschau: Sie sind Schauspieler, waren Dramaturg und Filmgeschichtler. Drängt es Sie eigentlich nicht zur Regie?

Zischler: Ich habe kleinere Literaturverfilmungen gemacht, am Theater Regie geführt. Leider merkt man erst am Ende einer Inszenierung, wie die Leute ticken. Dann ist es aber schon vorbei. Filmregisseure finde ich absolut bewundernswert, der Druck in diesem Metier ist wahnsinnig groß.

teleschau: Sie zeigen sich in Berlin eher selten in der Öffentlichkeit, man weiß nicht viel über Ihr Privatleben. Ihre Lebenspartnerin ist Landschaftsarchitektin.

Zischler: Mit der Option "Ich will die Homestory haben" haben Sie einiges im Nacken. Ich frage mich schon: Wie weit will ich diese Medienmühle bedienen? Ganz ist Öffentlichkeit ja nicht zu vermeiden. Ich weiche da aber möglichst aus.

teleschau: Inwiefern?

Zischler: Ich stelle ein neues Buch vor, weiche auf andere Felder aus, auf denen ich mich mit aller Ernsthaftigkeit bewege. Im Schweizer Fernsehen habe ich innerhalb der "Sternstunden der Philosophie" eine Gesprächsreihe mit dem Thema "Bilder im Kopf", in Marbach habe ich gerade eine Ausstellung gestaltet.

teleschau: Eine Ausstellung?

Zischler: Sie heißt: "I wouldn't start from here. Karten aus erster Hand". Der Titel bezieht sich auf die Frage eines Fremden nach dem Bahnhof in einer großen schottischen Stadt. Nach langem Nachdenken antwortet der Angesprochene: "I wouldn't start from here!" Ich habe über viele Jahre Skizzen und Ausführungen menschlicher Orientierungssehnsucht gesammelt und zeige sie in der Marbacher Ausstellung. Es sind sprechende Dokumente einer anschaulichen Not, die sehr viel mehr über die Auskunftgeber sagen als über den jeweiligen Weg zum Ziel.

teleschau: Wann schreiben Sie Ihren ersten Roman?

Zischler: Da habe ich noch Zeit. Man sollte nicht zu früh anfangen damit. Das haben viele Vorbilder, wie Fontane oder auch Leonardo Sciascia, gezeigt.

Wilfried Geldner


"Der Kerl ist nicht aus einem Guss", urteilt Hanns Zischler über die Rolle seines Kommissars und Ex-Paters Polonius Fischer, eine Figur des Krimiautors Friedrich Ani.
"Der Kerl ist nicht aus einem Guss", urteilt Hanns Zischler über die Rolle seines Kommissars und Ex-Paters Polonius Fischer, eine Figur des Krimiautors Friedrich Ani. (ZDF / Walter Wehner)

"Ich habe den Roman gar nicht gelesen": Hanns Zischler.
"Ich habe den Roman gar nicht gelesen": Hanns Zischler. (ZDF / Walter Wehner)

Kommissar Polonius Fischer (Hanns Zischler) und seine Lebensgefährtin Ann-Kristin (Sissy Höfferer) sehen sich nur selten.
Kommissar Polonius Fischer (Hanns Zischler) und seine Lebensgefährtin Ann-Kristin (Sissy Höfferer) sehen sich nur selten. (ZDF / Walter Wehner)

Datum: 03.11.2008

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