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Merry Christmas

Merry Christmas

(tsch) Das wirklich Erschreckende passiert in "Merry Christmas" zu Beginn. Nacheinander stellen sich drei Kinder vor ihre Klassenkameraden und rezitieren jeweils ein Gedicht. Im besten Fall könnte man den Hassversen eine "Pro Vaterland"-Gesinnung zubilligen, aber das geht nicht, wenn es heißt, dass die Gegner ausgerottet werden müssen. Kinder, das ist das Perfide, sind eigentlich das Glück und die Unschuld, die Liebe und das Leben - bei Regisseur Christian Carion aber sind sie die Windsaat, aus denen ein Sturm entwächst, der 20 Millionen Menschen das Leben kostet. Wenn aus Kindern Erwachsene werden, verbinden sich fanatische Begeisterung, grenzenloser Hass und der tief verwurzelte Glaube, als Einzige das Richtige zu tun zu einem explosiven Gemisch. Und das wird von Generation zu Generation weitergegeben. Das ist bitter, das ist wahr. Wenn bereits die Kinder hassen müssen, was wird dann aus der Welt?

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Es sind die besten fünf Minuten in einem Anti-Kriegsfilm, der kaum Ecken und Kanten hat. Dadurch fehlt "Merry Christmas" allerdings auch der Schrecken, der die wahre Geschichte so unglaublich macht. Weihnachten 1914 war das erste heilige Fest im Ersten Weltkrieg. Europa brannte seit einem halben Jahr, mit Begeisterung und voller Überzeugung waren die jungen Männer des Kontinents in die Gräben gezogen, um sich gegenseitig zu erschießen.

Aber der Heiligabend 1914 war auch einer der schönsten und bewegendsten Tage des 20. Jahrhunderts. Plötzlich schwiegen die Waffen auf allen Seiten - ohne Verabredung. Franzosen, Briten und Deutsche lugten verwundert aus ihren Schlammlöchern heraus und erkannten, dass gegenüber auch nur frustrierte, ungewaschene und hungrige, junge Männer lagen, die vom Krieg mit Verlaub gesagt die Schnauze voll hatten. Sie verbrüderten sich und feierten auf dem Schlachtfeld gemeinsam Weihnachten.

Die Wirklichkeit schreibt eben doch bessere Geschichten und hat stärkere Emotionen parat, als sie sich ein Drehbuchautor ausdenken könnte. Die magische Weihnacht von 1914 ist einer dieser Stoffe, für die das Kino dankbar ist. Aber es ist sehr schwierig, den richtigen Zugang zu finden und dem Kitsch zu entgehen. "Merry Christmas" hätte ein Meisterwerk werden können, schafft es aber nicht ganz. Der Film gibt sich Mühe, ist aber zu bemüht.

Regisseur Christian Carion hatte vorher nur einen Kinospielfilm gedreht - "Eine Schwalbe macht den Sommer" (2002), der zwei Millionen Franzosen in die Kinos lockte. Ein schöner Film über einen alten Mann auf dem Land, der sich mit einer jungen Nachbarin arrangieren muss. Eine herzenswarme Geschichte, sehr beschaulich und ein wenig träge. Die Behäbigkeit hat er auch der internationalen Koproduktion "Merry Christmas" auferlegt, dessen Hauptprobleme aus Deutschland kommen: Daniel Brühl als steifer preußischer Offizier und das Opernsängerpaar Benno Fürmann und Diane Krüger.

Man kann Daniel Brühl den harten Hund Horstmayer unmöglich abnehmen, ein Bart macht nicht immer Mann aus einem Jüngling. Fürmann als irgendwie heroischer Startenor Nikolaus Sprink und Krüger als Sopranistin Anne Sörensen legen ihre Rollen zu nah am Kitsch an. Da auch die Stimmsynchronisation ihrer Arien schlecht getimt ist, machen sie sich ungewollt lächerlich. Ein Manko, unter dem dann der ganze Film zu leiden hat.

Anna Sörensen will Weihnachten ihren Geliebten Sprink sehen und überredet den deutschen Kronprinzen zu einem Frontkonzert, von dem sie sich allerdings wegstehlen, weil der Tenor lieber bei der Truppe ist. Die liegt in ihren Schützengräben in der Nähe eines zerschossenen Bauernhofs. Gegenüber haben sich die Franzosen eingegraben, gleich daneben die Schotten. In den Gräben liegen nicht nur Soldaten, sondern Menschen mit Geschichten.

Carion suchte sich jeweils einen Protagonisten aus, um dem Krieg die Anonymität zu nehmen. Der französische Leutnant Audebert (Guillaume Canet) zum Beispiel: Dessen hochschwangere Frau ist in den besetzten Gebieten zurückgeblieben, und für den Offizier ist es schwer, seinen Soldaten eine Führungskraft zu sein, wenn er selbst verunsichert und besorgt ist. Bei den Schotten ist es Feldpriester Palmer (Gary Lewis), der eigentlich nicht in den Krieg ziehen wollte, aber seinen Schützlinge aus dem Dorf beistehen muss. Und eben Nikolaus Sprink auf der deutschen Seite, ein Feingeist, der völlig fehl am Platz ist unter all den Soldaten aus dem Arbeitermilieu. Er ist es aber auch, der am Heiligabend "Stille Nacht" anstimmt und für seine Kameraden singt.

Die Feinde sind in Hörweite, und der Liedtitel wird zum Motto der nächsten beiden Tage. "We not shoot, you not shoot." Ganz langsam legt sich das Misstrauen, die Soldaten werden zu Männern, trinken schottischen Whiskey, deutsches Bier und französischen Champagner durcheinander.

Das große Ganze ist zwar nicht die Stärke von Christian Carion, wohl aber viele Einzelheiten. In der Detailfreude liegt die Stärke von "Merry Christmas", die ihn letztendlich doch zu einem guten europäischen Film mit einigen unvergesslichen Bildern macht: wenn die Kamera auf den Gesichtern des Fußvolks ruht, dessen Angst bei den Bombardierungen einfängt oder das Misstrauen beim ersten Händedruck über die Gräben hinweg zum Beispiel. Carion schafft emotional aufgeladene Szenen, lässt die Kriegsgegner zusammen die Toten begraben, zelebriert einen gemeinsamen Gottesdienst und funktioniert das Schlacht- in ein Fußballfeld um.

Der bisweilen heitere Grundton hilft dem Film, genau wie die Katze, die bei den Franzosen Felix, bei den Deutschen Nestor heißt und von allen Soldaten gleich geliebt wird. Aber natürlich kann auch sie nicht verhindern, dass die Wirklichkeit zurückkommt.

Der Krieg ist zwar für einige Tage vergessen, aber er hat sich nicht freiwillig zurückgezogen. Die Generalitäten bekommen Wind von den Vorkommnissen: Leutnant Audebert wird vom General, der sein Vater ist, degradiert und versetzt, der schottische Priester muss, bevor er nach Hause geschickt wird, mit ansehen wie sein Bischof einen Hasspredigt hält und die Deutschen werden nach Russland, an die Ostfront verlegt. Die Gräben werden mit frischem Kanonenfutter aufgefüllt und erst vier Jahre später zugeschüttet.

Andreas Fischer

Credits:
V:Senator, D / F / GB / B / RO 2005, R: Christian Carion, D: Benno Fürmann, Guillaume Canet, Diane Krüger u.a.

Kinostart:
24.11.2005


Der französische Leutnant Audebert (Guillaume Canet) wäre viel lieber bei seiner schwangeren Frau, als sich im Krieg erschießen zu lassen
Der französische Leutnant Audebert (Guillaume Canet) wäre viel lieber bei seiner schwangeren Frau, als sich im Krieg erschießen zu lassen (Senator)

Vor dem Krieg waren sie gefeierte Opernstars, jetzt ist Nikolaus Sprink (Benno Fürmann) Soldat und Anne Sörensen (Diane Krüger) verzweifelt.
Vor dem Krieg waren sie gefeierte Opernstars, jetzt ist Nikolaus Sprink (Benno Fürmann) Soldat und Anne Sörensen (Diane Krüger) verzweifelt. (Senator)

Das Einzige, was rauchen soll, ist die Pfeife: Der schottische Offizier Gordon (Alex Ferns, links), der Deutsche Horstmayer (Daniel Brühl, Mitte) und der französische Leutnant Audebert (Guillaume Canet) vereinbaren einen Waffenstillstand für die Dauer des Weihnachtsfestes.
Das Einzige, was rauchen soll, ist die Pfeife: Der schottische Offizier Gordon (Alex Ferns, links), der Deutsche Horstmayer (Daniel Brühl, Mitte) und der französische Leutnant Audebert (Guillaume Canet) vereinbaren einen Waffenstillstand für die Dauer des Weihnachtsfestes. (Senator)

Datum: 19.11.2005

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