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In "Zeiten des Aufruhrs" glänzen alle Beteiligten

Zeiten des Aufruhrs

(cg/tsch) Seit ihrem Zusammenspiel in „Titanic“ sind elf Jahre vergangen. Nun spielen Kate Winslet und Leonardo DiCaprio wieder ein Liebespaar, im Drama des „American Beauty“-Regisseurs Sam Mendes „Zeiten des Aufruhrs“. Doch während ihre „Titanic“-Romanze durch Leos Tod am Ende des Films für alle Ewigkeit unbefleckt bleiben sollte, werden ihre Charaktere in „Zeiten des Aufruhrs“ vom fatalen Alltagstrott eingeholt. Sie sind Mr. and Mrs. Wheeler und wohnen in einem hübschen New Yorker Vorort. Doch glücklich sind sie nicht, denn auf dem Weg zur Normalität büssten sie zu viele Träume ein. Ähnlich wie in seinem satirischen Meisterwerk „American Beauty“ von 1999 entlarvt Mendes auch in dem Drama „Zeiten des Aufruhrs“ den american way of life als Farce. „Zeiten des Aufruhrs“ ist eine exzellente Studie über die traurigen Folgen gesellschaftlicher Anpassung. DiCaprio und Winslet wurden zu Recht als "Beste Hauptdarsteller" für die Golden Globes nominiert, Sam Mendes für die "Beste Regie" und der Film als "Bestes Drama".

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Sie haben ihr Paris. Nein, sie könnten ihr Paris haben. Wenn der Mut reichte. Wenn die Bequemlichkeit sich nicht mit der Angst vor dem Unbekannten verbrüdern würde. Wenn nicht unbedingt der einfachste Weg gegangen würde. Frank und April Wheeler (DiCaprio, Winslet) sind ein Traumpaar, eines jener Duos, an denen sich eine ganze Nachbarschaft orientiert. Sie wohnen in der Revolutionary Road, in einem anonymen Vorort von New York. Hingezogen, weil die Kinder keine andere Wahl ließen, nicht wieder weggegangen, weil die Routine aus erfüllten Erwartungen und nicht gebrochenen Konventionen in dem Moment einsetzte, als sie das hübsche weiße Haus dort auf der kleinen Anhöhe sahen.

Nach nur drei Filmminuten sind sie dort angekommen, Sam Mendes verschwendet keine Zeit. Seine Prelude ist präzise - dem Kennenlernen von Frank und April bei einer Party widmet er zwei, drei Einstellungen und ein paar Schlüsseldialogzeilen. Träume, Unangepasstheit, die Notwendigkeit, sich auszuprobieren, kommen darin vor. All das, was schnell in Vergessenheit gerät. Dabei dachten die Wheelers, sie wären so anders. Sie würden nicht Teil der Vorortspießerschaft werden, die sie immer verlachten. Ihr Credo: "Wir haben Träume, und die geben wir nicht auf. Wir können uns treiben lassen, bis wir wissen, was wir eigentlich mit diesem Leben wollen".

Doch Frank und April blendeten ihre Umgebung, waren von sich selbst geblendet. Das hübsche Haus wurde zu ihrer hübschen Falle. Bis zu Franks 30. Geburtstag. Während sich Hausfrau April langweilt, in Erinnerungen nach den Gründen dafür kramt, warum das Leben keins mehr ist, verführt Frank eine Arbeitskollegin. Einfach so. Ohne Gefühle, ohne Notwendigkeit. April findet derweil ein Foto: Es zeigt Frank in Paris. Und plötzlich kommen die Erinnerungen wieder, kommt die Erkenntnis, dieselbe Lebensschablone zu benutzen, wie alle anderen. Sie beschließen, nach dem Sommer auszubrechen, in Frankreich neu anzufangen.

Doch den Traum wahr werden zu lassen, erfordert Mut. Die Wheelers werden ein paar unbeschwerte Wochen verbringen. Wochen, in denen sie Pläne schmieden, wegen derer sie von Nachbarn und Kollegen belächet werden. Wochen, in denen aber auch Frank seine Feigheit nicht überwinden kann. Und dann folgt die Ernüchterung, das Scheitern wird sich aber nur einer eingestehen können. Es ist ein großartiges Duell, das sich Winslet und DiCaprio liefern. Miteinander, füreinander, gegeneinander - es ist fast beängstigend, wie gut die beiden Darsteller als Ehepaar funktionieren. Beide wurden als "Beste Hauptdarsteller" für die Golden Globes nominiert, wie auch Sam Mendes für die "Beste Regie" und der Film selbst als "Bestes Drama".

"Zeiten des Aufruhrs" ist ein Kinohammer zum Jahresanfang und eines der besten Dramen der letzten Jahre. Sam Mendes setzt die grandiose Romanvorlage superb um, er destilliert die Emotionen heraus, arrangiert die Szenen mit variierendem Rhythmus zu einer Sinfonie des Lebens. Großartig ist es zum Beispiel, wenn er Frank auf dem Weg zur Arbeit zeigt: Er fährt zu Hause allein los, wird auf dem Bahnsteig Teil einer kleinen Gruppe, um schließlich in der Central Station mit einer großen Welle von grau beanzugten Männern in den Büroalltag zu schwappen. Er wird einen Job machen, den er hasst, abends nach Hause kommen, sich einreden, anders als alle anderen zu sein. Was er nicht ist.

Doch mit den Lügen kann Frank besser umgehen als April, die in ihrem Gefängnis aus zerbrochenen Träumen selbst immer zerbrechlicher wird. Dabei hat er die Hoffnungslosigkeit ihrer Existenz durchaus erkannt. Mendes führt seine Figuren in ein unausweichliches Finale. Er variiert das Tempo, er ist mal laut, mal leise, immer aber psychologisch genau. Und sehr geschickt: Die entschiedene Wahrheit kommt aus dem Munde des verrückten Sohnes der örtlichen Immobilienmaklerin. Denn Narren sehen klar, Narren dürfen ungestraft all das aussprechen, was sich andere nicht trauen. Er erkennt die Notwendigkeit, Konventionen zu brechen, weil ansonsten die Träume verschwinden. Und jeder aufgegebene Traum ist ein Tod.

Bei den Wheelers wird es ein Gewitter geben, in dem sich alle Verzweiflung, aller Frust über nicht erfüllte Erwartungen, alle Lebenslügen entladen. Reinigend und schmerzhaft zucken die Seelenblitze auf der Leinwand herab, von Sam Mendes mit kühler Präzision komponiert. Dann folgt eine der absurdesten und schmerzhaftesten Frühstücksszenen der Kinogeschichte, die zum konsequenten Finale führt, das, obwohl nicht überraschend, mit einer solchen stillen Wucht hereinbricht, dass die ganze Unausweichlichkeit des Daseins deutlich wird. Man muss sich entscheiden. Entweder die komplette Angepasstheit, ein Leben mit der Lüge. Oder der komplette Ausbruch aus vorgegebenen Mustern, ein Leben mit sich selbst. Ein Dazwischen kann es nicht geben. Dort ist die Leere. Das hat sich seit den 50er-Jahren nicht geändert.

Andreas Fischer

Credits:
V:Paramount, USA 2008, R: Sam Mendes, D: Kate Winselt, Leonardo DiCaprio, Michael Shannon u.a.

Laufzeit: 119 Min.

Kinostart:
15. Januar 2009


In "Zeiten des Aufruhrs" sind die "Titanic"-Stars Kate Winslet und Leonardo DiCaprio erstmals wieder auf der Leinwand vereint.
In "Zeiten des Aufruhrs" sind die "Titanic"-Stars Kate Winslet und Leonardo DiCaprio erstmals wieder auf der Leinwand vereint. (Paramount)

Als sie sich kennenlernen, wollen Frank (Leonardo DiCaprio) und April (Kate Winslet) niemals ihre Träume aufgeben.
Als sie sich kennenlernen, wollen Frank (Leonardo DiCaprio) und April (Kate Winslet) niemals ihre Träume aufgeben. (Paramount)

Aufgeräumt wie ihre Küche ist das Leben von Frank (Leonardo DiCaprio) und April (Kate Winslet) Wheeler.
Aufgeräumt wie ihre Küche ist das Leben von Frank (Leonardo DiCaprio) und April (Kate Winslet) Wheeler. (Paramount)

Datum: 10.01.2009

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