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"Die Situation ist knallhart"(cg/tsch) Hollywood-Lehrerdramen neigen immer wieder dazu, Helden zu verherrlichen. Mal sind es die Lehrer, mal die Schüler, die auf der Gewinner-Seite stehen und die Sympathien der Zuschauer gewinnen. Das Lehrerdrama „Die Klasse“ (Kinostart: 15. Januar 2009) des französischen Regisseurs Laurent Cantet („In den Süden“), das die Goldene Palme in Cannes gewann, ist da völlig anders. Der Film zeigt im dokumentarischen Stil die unverfälschte Wirklichkeit an einer Pariser Schule für Jugendliche mit Migrationshintergrund. Der Lehrer wird sehr überzeugend von Francois Bégaudeau (schrieb das Drehbuch zum Film) gespielt, vielleicht auch deshalb, weil er im wahren Leben tatsächlich als Lehrer gearbeitet hat. Die Multi-Kulti-Klasse, die man im Film sieht, entspringt ebenfalls der unverfälschten Realität: Die Schauspiel-Laien kommen aus einer ähnlichen Schule. Die chaotische Kameraführung und die unmittelbaren Dialoge lassen einen vergessen, dass „Die Klasse“ überhaupt ein Drehbuch besitzt und geben einem das Gefühl, zufällig im Unterricht gelandet zu sein. Politisch ist das Thema von „Die Klasse“ von hoher Brisanz. Wie das französische Meisterwerk „La Haine“ (dt. „Hass“) von 1995 handelt auch „Die Klasse“ von jener Einwanderer-Schicht, die in Frankreich nichts als die Ignoranz der französischstämmigen Mehrheit erfährt. Wie soll also die Schule das wieder gut machen, was Jahrzehnte lang durch falsche Sozialpolitik zerstört wurde? Laurent Cantet versucht im Gespräch über seinen Film, eine Antwort auf diese Frage zu finden.Anzeige teleschau: Herr Cantet, wie kamen Sie auf die Idee zu Ihrem Film? Laurent Cantet: Vor vier, fünf Jahren schrieb ich ein Drehbuch, das in etwa den gleichen Ausgangspunkt hatte wie das Buch von Francois Bégaudeau, der Lehrer ist. Es ging um das Leben in einer Klasse, die ein allgemeingültiges Abbild der Gesellschaft geben kann. Wir sind uns in einem Radiosender begegnet. Bégaudeau sprach über sein Buch, ich über meinen geplanten Film. Es ging um die Schule als letzten Ort einer gemeinsamen Begegnung, als Ort, an dem Demokratie entsteht. Natürlich merkte ich sofort, dass er als Lehrer Insiderwissen für den Film mitbringen kann. teleschau: Zum Film selbst, der sehr spontan, ja wie ein in Jetztzeit gedrehter Dokumentarfilm wirkt: Sie hatten trotz aller Leichtigkeit offensichtlich ein ganz bestimmtes Konzept? Cantet: Der Film sollte eine objektive Betrachtung dessen werden, was Schule heute ist. Ich hatte keine Lust, Lehren zu erteilen. Ich zeige den Zustand der Welt in einem bestimmten Augenblick und versuche dabei, jeden positiven Modellcharakter zu vermeiden. Auch Helden zu verherrlichen, habe ich nicht angestrebt. Ich zeige gewissermaßen multiple Charaktere. Der Zuschauer ist mal auf der einen und dann wieder auf der anderen Seite, wobei der Film die Vogelperspektive des Allwissenden vermeidet. teleschau: Der Lehrer Francois geht auf alles ein, auch bei Agitationen, bei der größten Quatschmacherei behält er bis auf Weiteres die Contenance und flippt nie aus. Er übt sich und die Schüler im Argumentieren, steigt stets auf eine gemeinsame Stufe zu ihnen herab. Das hat viel Witz in der Sprache. Und doch ist die Situation, die letztlich eine der Auslese ist, knallhart. Cantet: Wir befinden uns in einem System, das immer selektiver werden wird. Es gibt die Furcht derer, die nicht fleißig sind, die sich nicht anpassen wollen oder können. Aber Francois ist sich dieser Sache bewusst, er gibt nicht auf, er will anpacken, soweit es möglich ist. Das ist angewandte Utopie. Man weiß allerdings auch, dass die Schule Ausschlusscharakter hat, dass die Schüler nach dieser entscheidenden Klasse unterschiedliche Wege gehen, von der Berufsschule bis zur Eliteschule Henri IV. Aber in diesen Tagen können sie eben alle noch miteinander befreundet sein. teleschau: Welche Rolle spielt dabei die unterschiedliche Herkunft, viele Schüler kommen aus dem Islam? Cantet: Gerade darauf kommt Francois immer wieder zurück. Er versucht behutsam aufzudecken, welche Vorurteile die Jugendlichen in sich tragen, er versucht sie über ihre Grenzen hinausgehen zu lassen. Das familiäre Umfeld ist ja - nicht nur bei den berührenden Elterngesprächen - stets im Hintergrund präsent. teleschau: Wie haben Sie gearbeitet, wie wurden Ihre spielenden Schüler gecastet? Cantet: Alle Schüler, die mitspielen, sind von derselben Schule, wenn auch nicht aus derselben Klasse, auch die Lehrer. Unter den Schülern wurden bei den Proben 25 von etwa 50 ausgewählt. Es müssen ja nicht immer 3.000 sein. Es gab einen Workshop, über mehrere Monate hinweg. Wir trafen uns jeden Mittwochnachmittag, von Oktober bis Juni, insgesamt 150 Stunden, und arbeiteten an den Improvisationsvorlagen. Auf dem halben Weg zwischen Vorgaben und Improvisationen haben wir uns dann getroffen. Esmeralda beispielsweise hatte noch nie etwas von Plato gehört, wie sie im Film behauptet, geschweige denn den "Staat" gelesen. Aber sie hat zu ihm und Sokrates spontan Richtiges bemerkt. Über Sokrates sagt sie ja, dass er ein "echt starker Typ" sei, "der Nachbar auf deiner Straße, der dich so Dinge fragt, wie: Was machst du warum wann?" teleschau: Hat Ihnen selbst die Schule Spaß gemacht? Cantet: Ja, sehr. Ich hatte großen Spaß am Lernen. Heute ist das eine eher prekäre Situation. Die Freude, die ich hatte, die ist weg, das Vorankommen steht heute im Vordergrund. teleschau. Hatten Sie 68er-Eltern? Cantet: Im Mai 68, ich war damals sechs, habe ich meine Eltern, beide Lehrer, einen Monat lang überhaupt nicht gesehen, weil sie permanent demonstrierten. Im Staatsfernsehen waren sie leider nicht zu sehen, da kam ja kaum etwas. Sie demonstrierten bei uns in Poitiers und fuhren auch immer wieder nach Paris. teleschau: Ihr Partner Francois Bégaudeau meistert im Film beinahe jeden Konflikt. Wären Sie denn selbst auch ein guter Lehrer? Cantet: Ich glaub nicht, dass ich ein guter Lehrer bin. Dazu habe ich einfach nicht genügend Sitzfleisch, nicht genug Geduld. Ich muss viel zu oft die Orte wechseln, wie glücklicherweise auch jetzt mit meinem Film. Wilfried Geldner |
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