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In "Der fremde Sohn" sucht Angelina Jolie ihr Kind

Der fremde Sohn

(vm/tsch) Schon seit Jahren ist Angelina Jolie in den Medien eher als Mutter denn als Schauspielerin präsent. Regisseur Clint Eastwood verband nun ihre beiden Rollen, indem er Jolie in seinem neuen Film „Der fremde Sohn“ eine Mutter verkörpern ließ, die im Kampf um ihr verschollenes Kind bis ans Äußerste geht. Der gekonnt fotografierte Mix aus Thriller und Mutter-Sohn-Melodram basiert auf einer wahren Begebenheit, die zu einem spannenden Drehbuch verdichtet wurde. Jolie wurde zu Recht für ihre Rolle als Löwenmutter für den Golden Globe nominiert.

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Für Clint Eastwood verfügen wahre Geschichten über eine einmalige Komplexität und damit einen großen Reiz. Und sie geben nicht immer all ihre Geheimnisse preis - so engagiert eine Frau wie die unverheiratete Telefonistin Christine Collins in "Der fremde Sohn" auch für die Wahrheit kämpfen mag. Sie steht im Mittelpunkt der Geschichte und mutiert zur sprichwörtlichen Löwenmutter, als ihr neunjähriger Sohn Walter eines Tages spurlos verschwindet.

Nach fünf Monaten des Wartens und Hoffens schließlich die gute Nachricht: Die Polizei hat Walter gefunden und sie soll ihn am Bahnhof in Anwesenheit der Presse wieder in ihre Arme schließen dürfen. Die inszenierte Familienzusammenführung hat nur einen Schönheitsfehler: Christine bezweifelt, dass vor ihr wirklich ihr vermisster Sohn steht. Verwirrt lässt sie sich trotzdem von der Polizei nötigen, mit dem Jungen, der behauptet ihr Sohn zu sein, ein Foto mit Wiedersehensfreude schießen zu lassen.

Christine verstummt jedoch nicht und äußert berechtigte Zweifel an der Identität des Jungen, den sie mit nach Hause nehmen muss. Der frauenfeindliche Vorwurf, sie wolle sich nur aus der Verantwortung stehlen, treibt die rechtschaffene Frau zur Weißglut und weckt in ihr die Kämpferin. Absurde Erklärungsversuche von Ärzten, warum das Kind nun acht Zentimeter kleiner ist als vor seinem Verschwinden und zudem beschnitten, lassen sie fast verzweifeln. Besser hätte auch ein Alfred Hitchcock das kafkaeske Spießrutenlaufen, bei dem sich alle gegen sie verschworen zu haben scheinen, nicht zeigen können. Als sie trotzdem weiter fordert, die Polizei solle ihren richtigen Sohn suchen, und sich auch noch an die Medien wendet, wird sie ohne Gerichtsbeschluss in die Psychiatrie eingewiesen. Dort trifft sie andere unbequem gewordene Bürger, die alles andere als verrückt sind.

Das emotionale Mutter-Sohn-Melodram - übrigens mit einer überraschend mitreißenden Angelina Jolie - rechnet mit einem System ab, bei dem man nicht mehr sicher sein kann, ob die Polizei wirklich Freund und Helfer ist. Machtmissbrauch, Erpressung von Schutzgeldern und Mord - all das geht im L.A. der 20er-Jahre auf das Konto der Behörden. Dieser abgrundtief korrupten Obrigkeit steht der Einzelne auf der Suche nach der Wahrheit entgegen. In Collins Fall ist es auch ein kritischer Presbyterianer-Pfarrer (John Malkovich), der von der Kanzel anklagt, in einer Radioshow gegen die Polizei wettert und die Stadt für Christine mobilisiert. Der Aufstand des mündigen Bürgers gegen feindliche Institutionen - damit greift Eastwood ein wichtiges Thema des amerikanischen Kinos auf.

Der Regisseur beschwört eindrucksvoll den wünschenswerten Glauben an ein gutes Amerika mit einer kritischen Zivilgesellschaft. Als erfahrener Kino-Handwerker, der in den letzten Jahren einige herausragende Filme wie "Million Dollar Baby" als Regisseur erschaffen hat, bleibt er dabei im Stil des großen Hollywood-Erzählkinos. Dazu gehören auch eine detailverliebte authentische Ausstattung und perfekte Kostüme - Vorlagen für den Stil könnten dabei Gemälde von Edward Hopper gewesen sein.

142 nie langweilige Minuten benötigt Eastwood, um im Film schließlich mit Hilfe eines der wenigen ehrlichen Polizisten auch noch eine Mordserie ans Licht zu bringen und dem Verbleib des echten Walters ein bisschen näher zu kommen. Dabei driftet der Film wie bei der unnötig explizit gezeigten Hinrichtungsszene des Serienkillers oder den langen Gerichtsszenen in ein gewöhnliches Killer-Court-Movie ab. Keine Spur mehr von der psychologischen und emotionalen Intensität der ersten Hälfte, in der Christine auch bewegende innere Kämpfe mit sich führen muss.

Diemuth Schmidt

Credits:
V:Universal, USA 2008, R: Clint Eastwood, D: John Malkovich, Angelina Jolie, Michael Kelly u.a.

Laufzeit: 142 Min.

Kinostart:
22. Januar 2009


Clint Eastwood war von der wahren Begebenheit der Geschichte fasziniert.
Clint Eastwood war von der wahren Begebenheit der Geschichte fasziniert. (2008 Universal Studios)

Noch ahnt Christine Collins (Angelina Jolie) nicht, dass ihr Sohn Walter (Gattlin Griffith) schon bald auf seltsame Weise verschwinden wird.
Noch ahnt Christine Collins (Angelina Jolie) nicht, dass ihr Sohn Walter (Gattlin Griffith) schon bald auf seltsame Weise verschwinden wird. (2008 Universal Studios / Tony Rivetti, Jr.)

Der Chef des LAPD, James E. Davis (Colm Feore), weiß um den schlechten Ruf seiner Mannschaft.
Der Chef des LAPD, James E. Davis (Colm Feore), weiß um den schlechten Ruf seiner Mannschaft. (2008 Universal Studios / Tony Rivetti, Jr.)

Datum: 17.01.2009

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