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Oscar-Favorit: "Der seltsame Fall des Benjamin Button"

Der seltsame Fall des Benjamin Button

(vm/tsch) Das Seltsame an "Der seltsame Fall des Benjamin Button" ist nicht die seltsame Geschichte, die da erzählt wird, sondern die Tatsache, dass David Fincher so einen Film gedreht hat. Der Regisseur, von dem Meisterwerke wie „Sieben“ und „Fight Club“ stammen, wurde lange Zeit als Synonym für alternatives Kino genannt. Und plötzlich die Wandlung: Sein jüngstes Werk "Der seltsame Fall des Benjamin Button" gilt als der heißeste Kandidat für die Oscars. Und obwohl der mit Brad Pitt und Cate Blanchett prominent besetzte Film ein Riesenepos der großen Themen (Liebe, Freundschaft, Verlust) ist und in beinahe jeder Oscar-Kategorie nominiert wurde, ist er doch ein bescheidenes, leises Personenporträt, das ohne Kitsch und Klischees auskommt. Nur die Länge von knapp drei Stunden könnte manchem Zuschauer zu schaffen machen.

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Es ist eigentlich eine ganz normale Geschichte: Ein Mann wird geboren. Erlebt seine Kindheit. Er trifft Menschen, bedeutende und weniger bedeutende. Er verliebt sich, anderthalbmal. Er geht arbeiten, sammelt Erfahrungen. Lernt Verzicht. Und beginnt irgendwann, alt zu werden. Doch die Vorlage benutzt einen Kniff, um den Leser für dieses Leben zu interessieren. Denn es geschieht rückwärts. Benjamin Button wird als Greis geboren, ein verknittertes, vom "Leben" gezeichnetes Baby. Er wird erwachsen, aber eben immer jünger, bis er am Ende ein kleiner Junge ist.

Es dauert schon eine Weile, bis der Betrachter diesen Kniff und seine Folgen begreift. Benjamin wird in einem Altenheim groß, ist gerade mal ein paar Jahre alt und mit dementsprechend geringer Lebenserfahrung gesegnet, aber eben zunächst gefangen im Körper eines Greises. Früh erlebt er, was es bedeutet, Menschen zu verlieren. Die Konfrontation mit der Trauer und der Umgang mit ihr wird ihn prägen.

Es ist eine Rolle, die Brad Pitt auf den Leib geschneidert scheint. Er spielt, dank Make-up und Tricktechnik, diesen Benjamin fast die gesamte Zeit über. Nicht immer ist die Maske wirklich glaubhaft, gerade im hohen Alter wirken Kopf und Körper doch arg künstlich. Aber wirklich relevant ist das nicht. Denn der Film stellt das Märchenhafte in den Vordergrund. Nicht alles wird logisch erklärt, und so erfährt der Zuschauer auch nie, warum die Natur der Hauptfigur ein konträres Leben geschenkt hat. Aber wichtig ist das ohnehin nicht. Es geht nur darum, wie Benjamin Button und die Menschen, die ihm begegnen, damit umgehen.

Daisy ist ein kleines Mädchen, als sie sich mit Benjamin das erste Mal in einer selbst gebauten Höhle verkriecht. Sie wird seine ewige Liebe sein, und wer sich den gegensätzlichen Verlauf dieser beiden Leben in Erinnerung ruft, ahnt, dass beide nur einige Jahre haben werden, in denen sie einander nahe sein können. Jene Daisy ist es auch, die auf ihrem eigenen Totenbett ihrer Tochter (Julia Ormond) von Benjamin Button erzählt. Immer mal wieder geht der Film also auf Distanz und spielt in die Gegenwart, ehe es in Rückblenden weitergeht. Ein Kniff, wie man ihn als Rahmenhandlung zum Beispiel auch aus "Titanic" kennt. Doch in diesem Fall ist es nicht nur ein Rückblick auf einen einzelnen Moment, sondern eben eine Zeitreise, die in den 20er-Jahren beginnt und in den 60-ern endet.

Gespielt wird Daisy die meiste Zeit über von Cate Blanchett, die ohnehin zu den besten Darstellerinnen unserer Zeit gezählt wird, aber niemals einen solch nachhaltigen Eindruck hinterließ wie hier. Sie ist Tänzerin, doch nach einem Unfall wird ihr Traum ein jähes Ende finden. Vor allem aber ist sie jene eine Frau, durch die die komplexe Rolle des Benjamin Button erst ihre ganze Größe entfalten kann. Cate Blanchett spielt zurückgenommen, weiß um ihre Funktion im Film, reißt ihn also niemals an sich. Und doch prägt sie die Story bisweilen mehr als es Brad Pitt tut, der betont kühl agiert. Er führt seine komplexe Figur also nicht wie einen Freak vor, sondern ist nicht mehr als ein ganz gewöhnlicher Mann, dem die Natur einen verhängnisvollen Streich spielt.

Die eigentliche Überraschung ist jedoch, dass David Fincher einen solchen Film gedreht hat. So wie er mit Produktionen wie "Sieben" und "Fight Club" stilprägend war, so ist er es auch hier. Man ahnt förmlich, wie er seine Darsteller zur Zurückhaltung aufforderte und sie gemahnte, sich in den Dienst eines Gesamtwerks zu stellen. Herausgekommen ist ein wunderbares Drama, das ohne falsches Pathos, ohne verbrauchte Klischees, ohne große Gesten funktioniert.

"Der seltsame Fall des Benjamin Button" ist trotz des erkennbaren Aufwands, der etwa bei der opulenten Ausstattung sichtbar wird, ein bescheidenes, leises Personenporträt geworden, das am Ende selbst bei einem abgebrühten Publikum seine Spuren hinterlassen sollte. Enthält es doch viele kluge Botschaften über die großen Themen (Liebe, Freundschaft, Verlust) gleichermaßen wie über die kleinen, wertvollen Momente. "Some people ... dance" heißt es im Original am Ende des Films. Und jeder kann spüren, dass "Tanz" hier weniger für reine Körperlichkeit steht, sondern ein Synonym für "Hingabe" ist. Bis zu jenem Moment, in dem die Musik verklingt und jeder wieder seine eigenen Wege geht.

Kai-Oliver Derks

Credits:
V:Warner, USA 2008, R: David Fincher, D: Brad Pitt, Cate Blanchett, Julia Ormond u.a.

Laufzeit: 166 Mn.

Kinostart:
29. Januar 2009


David Fincher inszenierte mit "Der seltsame Fall des Benjamin Button" ein wunderbares Personenportrait.
David Fincher inszenierte mit "Der seltsame Fall des Benjamin Button" ein wunderbares Personenportrait. (2008 Warner Bros. Ent.)

Benjamin Button (Brad Pitt) lebt rückwärts. Er wird in einem greisen Körper geboren und sein Leben endet als Kind.
Benjamin Button (Brad Pitt) lebt rückwärts. Er wird in einem greisen Körper geboren und sein Leben endet als Kind. (2008 Warner Bros. Ent.)

Weil ihre Leben in gegensätzlicher Richtung verlaufen, bleibt Daisy (Cate Blanchett) und Benjamin (Brad Pitt) nicht viel Zeit, ihre Liebe zu leben.
Weil ihre Leben in gegensätzlicher Richtung verlaufen, bleibt Daisy (Cate Blanchett) und Benjamin (Brad Pitt) nicht viel Zeit, ihre Liebe zu leben. (2008 Warner Bros. Ent.)

Datum: 24.01.2009

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