logo
Anzeige
Cineastentreff Kino Film Filmstarts - Neu im Kino Kino Film "Milk" zeigt, was gutes Mainstream-Kino ist
"Milk" zeigt, was gutes Mainstream-Kino ist

Milk

(mb/tsch) „Milk“ porträtiert den ersten bekennend-schwulen Amtsträger im US-Staatsdienst Harvey Milk, der 1978, ein Jahr nach seinem Amtsantritt, erschossen wurde. Davon, wie hochaktuell das Thema von Gus Van Sants Biopic ist, zeugt die Tatsache, dass Homosexualität in Amerika auch 30 Jahre später und unter der Führung des ersten schwarzen Präsidenten immer noch nicht liberal behandelt wird. Im Gegenteil: Gleichgeschlechtliche Ehen werden in immer mehr Staaten verboten. „Milk“ ist ein rührendes Stück gut inszenierten Mainstream-Kinos, das in bunten und dynamischen Bildern nicht nur die Ikone der Schwulenbewegung Harvey Milk (hervorragend gespielt von Sean Penn) porträtiert, sondern auch der kontroversen 70er-Ära ein filmisches Denkmal setzt.

Anzeige
Counter

 

Während Milk vor mehr als 30 Jahren gegen die kalifornische Gesetzesinitiative "Proposition 6" kämpfte, die es homosexuellen Männern und Frauen verbieten sollte, im Schuldienst zu arbeiten, erregt spätestens seit November 2008 "Proposition 8" die Gemüter liberaler Amerikaner. Der Ehebegriff soll per verbindlicher Definition an den Bund zwischen Mann und Frau gekoppelt und damit die Errungenschaften einer aufgeklärten Gesellschaft ungeschehen gemacht werden. Landesweit wird derzeit gegen die initiierten Abstimmungen protestiert, mit denen strenggläubige Gesellschaftsgruppen ihre Auffassung vom zwischenmenschlichen Miteinander gesetzlich durchzusetzen versuchen.

Es ist also kein Wunder, dass dieser Tage gerne und häufig auf das Vorbild Harvey Milk und seine aufopferungsvolle Kampagne verwiesen wird, die ihn nach mehrmaligen Versuchen Ende 1977 zum ersten bekennend-schwulen Amtsträger im Staatsdienst der USA machte.

Gus van Sant hat ein behutsames, fast betuliches Rührstück über die Schwulenbewegung der damaligen Zeit zwischen Drogen, freier Liebe und Überlebenskampf gegen den apostrophierten Polizeistaat inszeniert, das für acht Oscars nominiert wurde. Für das Drehbuch recherchierte Dustin Lance Black, der Sohn eines Mormonenehepaares, vier Jahre und befragte zahlreiche Zeitzeugen, um das Mysterium hinter der historischen Figur Harvey Milks zu fassen. Größtenteils basierend auf den Tagebucheinträgen eines engen Weggefährten des Lokalpolitikers näherte sich Black dem Thema mit besonderem Feingefühl, das nur eine Ausrichtung der Geschichte zuließ: Aber die suggerierte Emotionalität des Filmporträts ist gleichzeitig seine größte Schwäche. Beim Versuch, der generationsübergreifenden Bedeutung des Protagonisten gerecht zu werden, wird der Film durch seine teils penible Orientierung an den tatsächlichen Geschehnissen den Erwartungen nicht gerecht.

Trotz Flower-Power-Bewegung und Hippie-Kultur war Milk ein wahrer Revoluzzer: Mit einem zugewachsenen Gesicht, Pferdeschwanz und betont legerer Kleidung entwarf er sich als komplettes Gegenbild zu seinem bisherigen Dasein als braver Versicherungsangestellter in New York. Er will mit seiner U-Bahn-Bekanntschaft Scott in San Francisco ein neues Leben beginnen. Ihr gemeinsamer, jedoch zunehmend vor allem von Milk ausgefochtener politischer Kampf für ein Leben ohne Diskriminierung wird nach mehreren Stadtrats-Wahlschlappen zur Belastung für die zuvor so leidenschaftliche Liebe. Zumal es auch immer wieder Hassbotschaften und Todesdrohungen gibt. Als es Milk schließlich gelingt, genügend Stimmen zusammenzubekommen, liegt die Beziehung bereits in Scherben. Längst ist Milk landesweit bekannt und wird zum Star der Schwulenbewegung, gibt sich anderen Liebhabern hin und ist doch zerrissen zwischen der Hingabe zur Politik und privaten Bedürfnissen. Er selbst ahnt, dass er noch vor seinem 50. Geburtstag einem Mordanschlag zum Opfer fallen könnte, was ihn jedoch nicht davon abhält, für seine Sache zu kämpfen.

"Milk" hätte auch mit seinem Ende beginnen können: 30.000 Menschen auf den Straßen von San Francisco, ein breites Kerzenband bis zum flirrenden Horizont. Stattdessen bespricht Milk ein Tonband mit seinem Letzten Willen für den Fall seines Todes: Er wurde knapp ein Jahr nach seinem Amtsantritt erschossen. Sein größter Erfolg war er selbst: Er hatte das Establishment mit Offenheit und Ehrlichkeit nicht geschlagen. Aber er hatte es gezwungen, sich ihm und seinesgleichen zu öffnen.

Trotz einer Fülle biografischer Details beschränkt sich der Film auf die letzten zentralen Jahre von Milks Wirken in Kalifornien. Gezeigt werden seine ersten Erfolge bei der Vergemeinschaftung der Homosexuellen in San Franciscos Stadtteil Castro bis hin zur Massenrekrutierung von Demonstranten, um gegen die erzkonservativen Gegner nicht klein beigeben zu müssen.

Leider fehlt diesem knapp 130 Minuten langen Film der dramaturgische Spannungsbogen. Das liegt nicht an den hervorragenden Darstellern, allen voran Sean Penn in der Hauptrolle, James Franco als Milks große Liebe Scott und Emile Hirsch als zunächst versnobter, dann umso leidenschaftlicher kämpfender Nachwuchsaktivist. Dem tatsächlichen Hergang der Geschehnisse fehlt es auch nicht an historischer Relevanz, jedoch an den cineastischen Ereignisqualitäten, die für ein emotionales Feuerwerk zwingend notwendig sind. Dieses wäre, so kann Gus van Sants bedächtige Erzählweise gelesen werden, angesichts der Dramatik der neuerlichen Diskriminierungsversuche in den USA allerdings auch fehl am Platz.

Leif Kramp

Credits:
V:Constantin, USA 2008, R: Gus Van Sant, D: Emile Hirsch, Sean Penn, Josh Brolin u.a.

Laufzeit: 128 Min.

Kinostart:
19. Februar 2009


Die ergreifende Geschichte des Harvey Milk basiert auf einer wahren Begebenheit.
Die ergreifende Geschichte des Harvey Milk basiert auf einer wahren Begebenheit. (2008 Constantin Film Verleih GmbH)

Harvey Milk (Sean Penn) kämpft um die Rechte der Schwulen.
Harvey Milk (Sean Penn) kämpft um die Rechte der Schwulen. (2008 Constantin Film Verleih GmbH)

Mit seinem Freund Scott Smith (James Franco) zieht Milk im Jahre 1972 nach San Francisco.
Mit seinem Freund Scott Smith (James Franco) zieht Milk im Jahre 1972 nach San Francisco. (2008 Constantin Film Verleih GmbH)

Datum: 21.02.2009

Facebook aktivieren

Diskussion: ""Milk" zeigt, was gutes Mainstream-Kino ist"

Um eine Diskussion zu ""Milk" zeigt, was gutes Mainstream-Kino ist" zu beginnen melden Sie sich bitte im Forum an. Wenn Sie noch nicht registriert sind, können sie sich jetzt registrieren um an den Diskussionen teilzunehmen.
Artikel ID 212929

Weitere Artikel, die Sie interessieren könnten:

    War on Terror
    Das Zukunftsszenario, das Digital Realitys prachtvoller Echtzeitstrategie-Brocken "War on Terror" zeichnet, geht unter die Haut: In nur zwei Jahren soll die ganze Welt vollends in einen Krieg mit dem Terror ...

    Planet Terror
    Keine Frage: Robert Rodriguez ist ein Multitasker. Oder auch eine One-Man-Show. Er ist Regisseur, Produzent, Drehbuchautor und auch gleich noch sein eigener Komponist. Nach "Sin City", "From Dusk Till ...

    "Planet Terror" erscheint später auf DVD
    Lieber spät als nie: Ursprünglich sollte Robert Rodriguez' Horror-Streifen "Planet Terror" mit Naveen Andrews ("Lost"), Freddy Rodriguez ("Six Feet Under") und Rose McGowan ("Charmed") in den Hauptrollen ...

    Planet Terror
    Sie wollten die billig produzierten Sex-, Karate-, Horror- und Actionfilme aus den Schmuddelkinos ihrer Kindheit wieder aufleben lassen - also taten sich die Regisseure Quentin Tarantino und Robert Rodriguez ...

    The War Within - Vom Opfer zum Attentäter
    Die Täterperspektive hat in Hollywood nicht gerade Konjunktur. In der filmischen Verarbeitung des amerikanischen Terrortraumas brachte etwa Paul Greengrass den gekidnappten "Flug 93" über Pennsylvania ...

    München
    Auch wenn sich Steven Spielberg mit seiner Verfilmung der Biografie Abraham Lincolns einem patriotischen Thema widmet, kann man ihm Angst vor heikleren historischen Stoffen nicht vorwerfen. In "Schindlers ...


 
Anzeige
livedome
Konzert-DVD im Stream
Gentleman
Gentleman am 27.04. ab 20.00 Uhr als » Musikstream

Anzeige
.
Partner von Fantastic Zero


itemid = 31 - id = 6660 - task = view - option = com_content - limitstart= 0