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Clint Eastwoods "Gran Torino" plädiert für mehr Toleranz

Gran Torino

(mb/tsch) Nach seinem Triumph mit „Million Dollar Baby“ (2004, vier Oscars) hätte sich Clint Eastwood ausnahmsweise mal eine Pause gönnen können. Doch die Hollywood-Legende denkt nicht daran. Stattdessen dreht er sogar zwei Filme pro Jahr. 2008 entstanden das 20er-Jahre-Drama "Der fremde Sohn" mit der für ihre Rolle darin oscarnominierten Angelina Jolie und die tragikomische Charakterstudie „Gran Torino“, in der Eastwood auch noch die Hauptrolle übernahm. „Gran Torino“ erzählt unaufgeregt, aber rührend die Geschichte eines griesgrämigen, rassistischen, konservativen und notorisch schlecht gelaunten Kriegsveterans, der in seiner Einwanderer-Nachbarschaft langsam Toleranz und Menschlichkeit lernt.

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Engstirnig, respektlos, rassistisch, bitter - Clint Eastwoods Walt Kowalski ist ein normaler Amerikaner. Einer derjenigen, die all jene Vorurteile verinnerlicht haben, die sie einst bekämpften. Aber das ist lange her. Obamas "wind of change" ist hier noch nicht angekommen. Vor Kowalskis Haus hängt das "Star Spangled Banner" kraftlos an der Stange, für das er in gutem Glauben und mit bestem Gewissen in Korea gekämpft und getötet hat. Die US-Flagge ist mittlerweile die einzige in seiner Nachbarschaft, die, etwas heruntergekommen, ein Brennpunkt geworden ist, ein Kreißsaal voller Vorurteile und Ressentiments, in dem sich ein neues Amerika ans Licht kämpfen muss.

Das ist nicht einfach, und Kowalski ist weit davon entfernt, ein nützlicher Geburtshelfer zu sein. Zumal am Anfang des Films der Tod steht - Kowalski beerdigt seine Frau, äußerlich fest und ohne Tränen. Der Ruheständler verbringt seine Zeit damit, den Rasen ordentlich kurz zu halten, die Hecke zu trimmen, auf der Veranda Bier zu trinken und seine amerikanischen Söhne davon abzuhalten, ihn ins Altersheim zu stecken. Das lässt ihm aber immer noch genügend Zeit, seine Nachbarn zu hassen. Nicht persönlich, weil er sie nicht kennt und nicht kennenlernen will, aber generell. Die Familie nebenan gehört zu den Hmong, einem südostasiatischen Volk, das in den Bergen Südchinas und Vietnams beheimatet ist. Als Koreakriegs-Veteran nimmt er sich das Recht heraus, alle "Schlitzaugen" zu verachten.

Der 16-jährige Nachbarsjunge Thao bestätigt Walt in seinen Vorurteilen. Um Mitglied einer Gang zu werden, versucht Thao, Walts geliebten Oldtimer, den titelgebenden Ford Gran Torino, zu stehlen. Dieser Initiations-Ritus wird zur Chance für beide. Als Wiedergutmachung muss der schüchterne Junge für den alten Grantler arbeiten, in einer konsequenten Konstellation, die Walt zwingt, die Menschen um ihn herum kennenzulernen und die Thao die Möglichkeit gibt, zu reifen.

Walt hilft dem Jungen, will ihn zum Mann machen, zu einem hart arbeitenden, anständigen Kerl. Aus der ersten Ablehnung heraus entwickelt sich so etwas wie Freundschaft in einem kraftvollen, sensiblen und aktuellen Drama, das an der Oberfläche die verlorenen Werte Amerikas beschwört. Direkt, schnörkellos und ohne Umschweife auf den Punkt - Eastwood wird zwar sehr deutlich in seinem Film. Aber er lässt auch Brechungen zu, die mit leiser Komik das Absurde in Walts Engstirnigkeit bloßstellen, ohne ihn selbst vorzuführen. Es steckt aber mehr in "Gran Torino". Es ist Kowalskis Film - Eastwood spielt ihn mit atemberaubender Präzision und lässt mit großer dramatischer Wucht einen langsamen Wandel des Mannes zu, der vom Leben gezeichnet ist und nach Erlösung sucht. Er wird sie finden, nachdem Thaos Schwester Sue von einer Street-Gang vergewaltigt wird.

Eastwood zeichnet ein ziemlich unaufgeregtes, aber dadurch umso glaubwürdigeres Bild des modernen Amerika, das kein Schmelztiegel der Kulturen mehr ist. Vielleicht niemals war. Die kulturellen Unterschiede zwischen den Einwanderergruppen wurden im Kleinen selten als Chance begriffen, eine vielseitige Nation zu schaffen. In Kowalskis heruntergekommener Nachbarschaft, in den Vierteln der "neuen" Amerikaner wird gegeneinander gelebt: die Schwarzen gegen die Weißen, die Asiaten gegen die Schwarzen, die Latinos gegen die Asiaten, die Alten gegen die Jungen.

Kowalski wird am Ende eine Entscheidung treffen, eine konsequente, die ihn genau das leben lässt, wofür sein Amerika stehen soll. Er hat sich gewandelt, sich verändert. Er wird ein guter Amerikaner. Getreu dem Credo des neuen Präsidenten - "Gran Torino" ist sozusagen der Film zum Paradigmenwechsel im Weißen Haus: Die großen Veränderungen beginnen immer im Kleinen - durch Einsicht und persönlichen Mut.

Andreas Fischer

Credits:
V:Warner, USA 2008, R: Clint Eastwood, D: Clint Eastwood, Ahney Her, Bee Vang u.a.

Laufzeit: 116 Min.

Kinostart:
05. März 2009


Clint Eastwood gibt den USA in "Gran Torino" die Chance für einen Wandel zum Guten.
Clint Eastwood gibt den USA in "Gran Torino" die Chance für einen Wandel zum Guten. (Warner)

Das ist Amerika: Der grandios spielende Clint Eastwood als engstirniger Reaktionär Walt Kowalski.
Das ist Amerika: Der grandios spielende Clint Eastwood als engstirniger Reaktionär Walt Kowalski. (Warner)

Dirty Harry als Rentner: Der Ruheständler Walt Kowalski (Clint Eastwood) ist ein reaktionärer Bastard.
Dirty Harry als Rentner: Der Ruheständler Walt Kowalski (Clint Eastwood) ist ein reaktionärer Bastard. (Warner)

Datum: 28.02.2009

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