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Aufklärung anno 1970: Die Sex-Filme von Oswald Kolle

Zu Gast in deutschen Betten

(mb/tsch) Oswalt Kolle: Dieser Name ist vielen Jugendlichen von heute kein Begriff mehr, ihren Eltern aber mit Sicherheit. Zwischen 1968 und 1972 produzierte der Journalist und Autor acht Lehrfilme zur Auflockerung der Lage in deutschen Schlafzimmern. Das war seinerzeit gar nicht so einfach: Sein erstes Sex-Aufklärungswerk „Wunder der Liebe“, das 1968 uraufgeführt wurde, musste der Filmemacher zwei Tage und zwei Nächte lang mit den Jugendschützern Szene für Szene diskutieren, damit es nicht als Pornographie klassifiziert wird. Sein Aufruf zur Liberalisierung der Libido mag aus heutiger Sicht harmlos und sogar belustigend wirken, doch der Sex-Revoluzzer wurde von reaktionären Moralwächtern aufgrund seiner groβen Wirkung auf die Massen sogar mit Hitler verglichen. Unter dem Motto "40 Jahre Oswalt-Kolle-Filme" erscheinen nun alle seine Werke erstmals auf DVD und gewähren einen Einblick in Deutschlands Schlafzimmer Ende der 60er und Anfang der 70er, was sie zu einem wichtigen und zugleich unterhaltsamen Zeitdokument macht.

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Rückblickend waren Kolles Veröffentlichungen in den Illustrierten "Quick" und "Neue Revue" eher ein Vorgeplänkel, doch ebneten sie ihm den Weg. Vom boulevardesken Starjournalismus angeekelt fand der Sohn des renommierten Psychiaters Kurt Kolle endlich zu seinem Thema. Den ersten Kinsey-Report "Sexualität des Mannes" hatte er 1948 in Teilen für seinen Vater ins Deutsche übersetzt. Nun machte er sich selbst daran, eine Brücke von der Wissenschaft in die Ehebetten zu bauen.

Sieht man heute das im Februar 1968 uraufgeführte "Wunder der Liebe" an, kann man sich einige Erheiterung nicht verkneifen. So wie Kolle mit zwei Wissenschaftlern eingangs am Debattiertisch sitzt, ist das Setting nicht weit von einem Loriot-Sketch entfernt. Die einführenden Erläuterungen seien für den Zuschauer wichtig, um das Gezeigte zu verstehen, erklärt Kolle reichlich steif. Viel eher dürfte der Grund für die Gesprächsrunde aber in den zähen Verhandlungen mit der FSK gelegen haben. Zwei Tage und zwei Nächte diskutierte Kolle den Film Szene für Szene mit den Jugendschützern durch. Damit er nicht als Pornografie klassifiziert wurde, ließ er ihn eigens in Schwarz-Weiß drehen.

In hanebüchenen Spielszenen wurden die Stolperfallen ehelicher Sexualität aufgezeigt - doch damit traf der Film einen Nerv. Von Staat und Kirche verteufelt, von der studentischen Linken verlacht, aber vom Publikum geliebt: Mehr als sechs Millionen Aufklärungsbedürftige stürmten die Kinos. Und während Kolle von reaktionären Moralwächtern mit dem "Massenverführer" Hitler verglichen wurde, nahm er ungerührt die Goldene Kamera entgegen.

"Das Wunder der Liebe: Teil 2 - Sexuelle Partnerschaft" bestätigte den reißenden Erfolg des Vorgängers noch im gleichen Jahr und verschärfte den Dissens mit den Behörden. Die Staatsanwaltschaft ermittelte gegen den ruchlosen Missionar, und die FSK bemühte sich um eine Indizierung des Films. Vergeblich: 3,5 Millionen Zuschauer informierten sich über Impotenz, die Pille und vermeintlich perverse Liebestechniken, die dieses Mal in Farbe dargestellt wurden.

"Männern geht es mit der Klitoris wie mit der Waschmaschine. Sie wissen zwar, wo sie steht, aber nicht, wie man sie bedient", witzelte Kolle in einem Interview mit der Stuttgarter Zeitung im Jahr 2007. "Deine Frau, das unbekannte Wesen" war 1969 sein nächster Versuch, diesen Kenntnismisstand aus dem Weg zu räumen. Inzwischen hatte die sexuelle Revolution auch die Jugendkultur erreicht. Als Symbolfigur taugte der trockene Aufklärer hierfür allerdings nur bedingt. Das lieblose Massengerammel der Hippie-Bewegung war seine Sache nicht. Stattdessen räsonierte er in weiteren Filmen über Ehebruch (1969), Pornografie (1971) und die verheerenden Auswirkungen falscher Kindererziehung (1970).

1972 erschien der letzte, vielleicht auch gewagteste Kolle-Film "Liebe als Gesellschaftsspiel". Die hier gezeigten Gruppensexszenen wurden aufgrund des deutschen Kuppeleiparagrafen in den benachbarten Niederlanden gedreht. Wirklich aufregend, das mag man Kolles Verdienst nennen, sind aus heutiger Sicht natürlich auch die nicht mehr. Allerdings zeigt die Filmreihe auch, wie sich Tabus über die Jahre verschieben können. Dass in den Aufklärungsstreifen in nahezu jeder Einstellung geraucht wird, birgt vom jetzigen Standpunkt vermutlich das größte Skandalpotenzial.

Jens Szameit


1968 sorgte Oswalt Kolle mit dem expliziten Aufklärungsfilm "Das Wunder der Liebe" für einen handfesten Eklat in der biederen Bundesrepublik.
1968 sorgte Oswalt Kolle mit dem expliziten Aufklärungsfilm "Das Wunder der Liebe" für einen handfesten Eklat in der biederen Bundesrepublik. (3L / e-m-s)

In Spielszenen sollte der Aufklärungsfilm "Das Wunder der Liebe" den Deutschen das Wesen der Sexualität begreifbar machen.
In Spielszenen sollte der Aufklärungsfilm "Das Wunder der Liebe" den Deutschen das Wesen der Sexualität begreifbar machen. (3L / e-m-s)

Brisante Szenen aus deutschen Betten: Mit "Das Wunder der Liebe - 2. Teil" spitzte sich der Dissens mit den Behörden zu.
Brisante Szenen aus deutschen Betten: Mit "Das Wunder der Liebe - 2. Teil" spitzte sich der Dissens mit den Behörden zu. (3L / e-m-s)

Datum: 01.03.2009

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