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Der Historiker Sascha Priester über "Kampf um Germanien"

"Man kann es sich nicht brutal genug vorstellen"

(cg/tsch) Oft wurde die „Varusschlacht“ als eine Art Geburtsstunde der Deutschen verstanden. Denn im Jahre 9 nach Christus gründeten verschiedene germanische Stämme eine Koalition, um sich gegen die territorialhungrigen römischen Legionen zur Wehr zu setzen. Das Resultat: 20.000 Männer aus dem römischen Heer wurden brutal niedergemetzelt. "Den einen entfernten sie die Augen, den anderen die Hände, der Mund eines dritten wurde zugenäht, so beschrieb es seinerzeit der römische Chronist Florus. Doch keiner der antiken Historiker war Augenzeuge gewesen. „Wir wissen immer noch nicht, wo und wie sich diese Varusschlacht abgespielt hat“, sagt der Münchner Historiker und Journalist Dr. Sascha Priester, Redaktionsleiter des Monatsmagazins "P.M. HISTORY", im Interview. Und trotzdem entstand eine aufwendige Doku mit dem Titel "Kampf um Germanien", in der die Varusschlacht in aufwendigen Szenen nachgespielt wurde. Ob das wirklich notwendig, ob das zulässig ist? „Ja“, antwortet Dr. Priester, „so lange wir daraus nur keine Jubelfeier einer deutschen Sache machen.“ „Kampf um Germanien“ läuft in zwei Teilen der "Terra X"-Reihe an den Sonntagen, 22. und 29. März, jeweils 19.30 Uhr. ARTE zeigt das Spektakel bereits am Samstag, 14. März, 21.00 Uhr.

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teleschau: Ist es wirklich notwendig, die Varusschlacht zum öffentlichen Thema und zum Gegenstand von Fernsehdokumentationen zu machen?

Dr. Sascha Priester: Ja. Unbedingt sogar, so lange wir daraus nur keine Jubelfeier einer deutschen Sache machen und in einen nationalen Sumpf geraten. Wichtig ist, dass die Verantwortlichen in der Darstellung klar trennen: Was wissen wir, was vermuten wir, und was glauben wir zu wissen. Das Bewegtbild ist grundsätzlich eine hervorragende Sache, um Geschichte zu vermitteln, gerade wenn, wie beim ZDF ja üblich, die Reenactment-Szenen mit Kommentaren versehen werden und Fachleute zu Wort kommen, die das Bild ergänzen und vertiefen.

teleschau: Stellen Sie als Redaktionsleiter von "P.M. HISTORY" eigentlich ein steigendes Interesse an Geschichte fest - gerade im Zuge von großen TV-Dokus wie beispielsweise die ZDF-Reihe "Die Deutschen"?

Dr. Priester: Ein größeres Interesse ja, aber den Zusammenhang würde ich so nicht unbedingt herstellen. Vielleicht hat es mit den schlechten Nachrichten aus der Wirtschaft zu tun, mit der überall präsenten Krise, dass sich Leute wieder etwas mehr für Historisches und für ihre Wurzeln interessieren. Von einem Geschichtsboom möchte ich jedoch nicht reden.

teleschau: Was ist das Faszinierende an der Varusschlacht?

Dr. Priester: Das Thema ist zweifach spannend: Es gibt die eigentliche Geschichte - und die Geschichte nach der Geschichte, also das, was in der Verklärung alles daraus gemacht wurde.

teleschau: Das ZDF betitelt seine zweiteilige Doku "Kampf um Germanien". Wird das dem Gemetzel gerecht, das sich vor 2.000 Jahren abspielte?

Dr. Priester: Oh ja. Das ist ein sehr treffender Titel, wenn man auch die Vorgeschichte zur Varusschlacht betrachtet.

teleschau: Sie spielen auf den zunehmenden römischen Territorialhunger an?

Dr. Priester: Genau. Das Römische Reich drang schon im 1. Jahrhundert vor Christus in den mitteleuropäischen Raum vor, berühmtestes Beispiel ist Caesars Gallischer Krieg, der die Unterwerfung Galliens zur Folge hatte. Caesar war der Erste, der auf die Germanen in ihrem Stammland traf. Die Begegnung mit dem Germanenfürsten Ariovist am Rhein ist ja verbrieft. Damit hatte sich die Situation umgekehrt: Nachdem jahrzehntelang die Germanen immer wieder in römisch besetzte Gebiete eingedrungen waren, standen plötzlich die Römer vor den Toren Germaniens. Im Anschluss an Caesars Expansion wollte auch sein Adoptivsohn Augustus nicht zurückstehen: Er besiegte die Alpenvölker und legte den Grundstein für all das, was zur Varusschlacht führte: Rom ging es darum, Germanien und alles, was wir heute als Mitteldeutschland kennen, zu unterwerfen und dem Reichsgebiet einzuverleiben.

teleschau: Das Leben und die Kämpfe werden in aufwendigen Spielfilmszenen nachgestellt. Der Zuschauer bekommt so zwar einen exklusiven Einblick in diese Ära, aber wie findet der Historiker eine solche wohl relativ freie Geschichtsinterpretation?

Dr. Priester: Es ist legitim. Rekonstruktionen dienen dazu, eine plastische Vorstellung zu ermöglichen. Sie sind immer nur eine Annäherung an die antike Wirklichkeit. Wie es genau im Detail war, wissen wir nicht. Dazu kommt hier noch ein schwerwiegender Punkt: Die wichtigsten antiken Quellen entstanden über 100 Jahre nach Arminius. Keiner der antiken Schriftsteller war vor Ort. Und natürlich waren diese Chronisten bemüht, ihrem römischen Leser zu gefallen. Sie vermittelten also ein klares Schwarzweiß-Bild: Es gab die Fieslinge, also die Germanen, und die strahlenden Helden, die tapferen Legionäre. Wenn wir heute vom "Verrat des Arminius" sprechen, dann hat das auch mit dieser Art der Geschichtsschreibung zu tun. Das hat ja auch was Romantisches: Die armen, verratenen, verlassenen Legionen, die sich durch Sumpf und dunkle Wälder zum Rhein durchschlagen und von den lauernden Germanen Mann für Mann grausam abgeschlachtet werden.

teleschau: Was hält die Forschung dagegen?

Dr. Priester: Es gibt nur sehr wenig. Lange hatten wir nur den Grabstein des Centurio Marcus Caelius, der heute im Bonner Museum steht. Auf diesem ist vom "bellum Varianum", dem Varuskrieg, die Rede - ein Hinweis also, dass es sich nicht nur um eine Schlacht handelte, sondern dass da furchtbar viel mehr passiert sein muss. Wir wissen nicht genau, wo dieser Centurio gefallen ist, auch nicht, ob er bei der letzten, der entscheidenden Schlacht dabei war.

teleschau: Wie weit ist die Spurensuche inzwischen?

Dr. Priester: Ein heikles Thema. In Kalkriese hat man zweifellos ein unglaublich großes Schlachtfeld aus der Augusteischen Zeit gefunden. Diese Ausgrabung und die Auswertung der Fundstücke wird die Forscher in den nächsten Jahrzehnten beschäftigten. Ob es sich um den Ort der Varusschlacht handelt, ob sich dort Varus' Last Stand abspielte, ist aber nur eine denkbare, wenngleich sehr attraktive Interpretation. Wir wissen immer noch nicht, wo und wie sich diese Varusschlacht abgespielt hat. Glauben wir den antiken Schriftstellern, dauerte sie drei Tage und drei Nächte. Man kann sich vorstellen, dass die drei Legionen weit auseinander gezogen durch den Wald marschierten. In Kalkriese könnte ein Teil dieser Varusarmee sein Ende gefunden haben. Es könnte aber auch sein, dass dort erst fünf Jahre später, also zu Zeiten des Germanicus, Kämpfe stattfanden. Ein ketzerischer Ansatz, ich weiß. Aber ich würde das wirklich offen halten, denn die archäologische Fundlage lässt eine derartig zeitlich enge Zuordnung des Schlachtfelds zu 9. n. Chr. oder 14 n. Chr. bis jetzt leider nicht zu.

teleschau: Wie darf man sich das Schlachtengetümmel vorstellen? Grausamkeiten ohne Ende, Mann gegen Mann, mit stumpfen Waffen, so, wie wir es von dem Spielfilm "Gladiator" mit Russell Crowe kennen, in dem zu Beginn des 2. Jahrhunderts Marc Aurels Legionen gegen die Markomannen kämpfen?

Dr. Priester: Ich glaube, diese Darstellung ist keinesfalls übertrieben. Es ging beim römischen Nahkampf darum, den Gegner mit dem Schwert kampfunfähig, wenn nicht tot zu schlagen. Die Schlachtfelder waren übervoll mit abgeschlagenen Gliedmaßen. Man kann es sich eigentlich nicht brutal genug vorstellen. Die "Gladiator"-Eingangssequenz schildert das schon sehr eindringlich. Was ich allerdings abenteuerlich finde, sind diese "Stalin-Orgeln", die mit brennenden Pfeilen ganze Waldgebiete roden. So weit war die Technik wohl nicht. Aber die Römer waren schon sehr fortschrittlich in ihrer Kriegskunst. Man darf sich die Varusarmee durchaus als gigantischen Panzer vorstellen, der sich durch die Wälder Germaniens schob.

teleschau: Wie konnten die vermeintlich primitiven Barbaren dann drei römische Legionen auslöschen?

Dr. Priester: Zählen wir die wenigen Fakten, die wir kennen, zusammen: Die Römer kehrten von der Weser in ihre Winterlager am Rhein zurück. Das heißt, die Legionen hatten anstrengende Tage hinter sich, waren vielleicht nicht mehr topfit und wollten nur noch nach Hause. Dazu kommt, das Arminius womöglich ein Intrigenspiel spielte und seinen vermeintlichen Freund Varus verriet, in dem er ihn tatsächlich unter einen Vorwand in unbekanntes Gebiet führte. Und dann traf dieser endlos lange Heereszug in unwegsamem Gelände auf immer wieder neue Germanenstämme, die sich zu einer riesigen Allianz zusammenschlossen. Das ist vielleicht am ehesten vergleichbar mit Napoleons Rückzug aus Russland. Die Germanen versetzten die Römer in Panik, und diese verloren mehr und mehr das, was sie so stark machte: ihre Schlachtordnung.

teleschau: War die Varusschlacht der Anfang eines einheitlichen Germaniens?

Dr. Priester: Es war zunächst einmal ein Wendepunkt in der antiken europäischen Geschichte. Der Sieg des Arminius führte dazu, dass Rom drei Legionen, 20.000 Mann, verlor. Die waren erst einmal vernichtend geschlagen.

teleschau: In einem Gebiet, das als gesichert galt?

Dr. Priester: Hierzu gibt es sehr unterschiedliche Quellenlagen. Die antiken Historiker schrieben wunderbare Berichte über die Varusschlacht, aber sie waren natürlich keine Augenzeugen. Bei ihnen finden wir immer wieder Verweise darauf, dass sich das Geschehen im sogenannten freien Germanien abspielte, also in einem Gebiet, das noch nicht gänzlich von den Römern befriedet und kontrolliert war. Moderne Historiker sehen das anders. Es gibt mittlerweile archäologische Spuren, zum Beispiel im hessischen Waldgirmes, die beweisen, dass in den Jahren vor der Varusschlacht schon eindeutig urbane, römische Strukturen und Verwaltungszentren aufgebaut worden waren. Die Römer hatten also schon mehr als einen Fuß in der Tür.

teleschau: Warfen sich die kämpfenden Stämme seinerzeit mit dem bewussten Gedanken an ein einheitliches Germanien in die Schlacht?

Dr. Priester: Man muss wissen, dass der Germanen-Begriff an sich eine sehr stark vereinfachende Darstellung der Neuzeit ist. Aber das Besondere an dem Widerstand gegen die römischen Eroberer lag schon darin, dass es Arminius gelang, eine Koalition verschiedener Stämme unter einen Hut zu bekommen. Diese ging geschlossen handelnd mit einem klaren Plan, einer ausgeklügelten Strategie gegen die übermächtige Maschinerie der römischen Legionen vor. Aber wie das bei Koalitionen so ist: Kaum sind sie erfolgreich vereint, beginnt es auch schon zu kriseln. Im Anschluss an die Varusschlacht zerfiel das germanische Gebilde schnell. Es kam zu neuen Zwistigkeiten und Machtspielen, denen auch Arminius am Ende selbst zum Opfer fiel.

teleschau: Hat der Recht, der behauptet, die Varusschlacht sei eine Art Geburtsstunde der Deutschen gewesen?

Dr. Priester: Nein. Das halte ich für historisch falsch. Eine Geburtsstunde der Deutschen oder der Germanen ist so nicht erlebt worden. Wenn, dann könnte man höchstens eine ganze Kette von Abläufen so bezeichnen. Die Geburtsstunde der Deutschen würde ich sowieso über 1.000 Jahre später ansiedeln, im Laufe des Mittelalters. Der Geburtstundegedanke, ein nationales Gefühl in Verbindung mit dem Ereignis der Varusschlacht, kam erst 1600/1700 auf, als Deutschland nach dem 30-jährigen Krieg total zerrissen war. Eine national denkende Schicht aus Humanisten und Literaten fand in Arminius eine Symbolfigur, eine Projektionsfläche eigener Wünsche und Sehnsüchte. Da wurde der Mythos um "Hermann den Cherusker" im Grunde geboren. Und dieser zieht sich bis heute durch sämtliche nationalen Irrungen und Wirrungen hindurch. Er entstand aus dem Bedarf nach einer Identifikationsfigur und fiel dann einer unvergleichlichen Verklärung anheim. Ganz Ähnliches geschah in Frankreich übrigens mit dem Caesar-Gegner Vercingetorix.

teleschau: Über den wahren Arminius ist gar nicht so viel bekannt, oder?

Dr. Priester: Richtig. Er ist wohl, wie damals üblich, als junger Fürstensohn und germanische Geisel in römische Obhut gekommen und im Heeresdienst ausgebildet worden. Er kommandierte die germanischen Hilfstruppen. Daraus kann man sich viel zusammenreimen. Vielleicht hatte er nur ein persönliches Problem mit Varus. Oder er fand die Römer furchtbar dekadent ... Wir können das nicht belegen.

teleschau: War er ein Held oder ein Verräter?

Dr. Priester: Beides und doch nichts davon! Für die römischen Schriftsteller ist er jedenfalls ein Verräter. Aber das war für diese Ideologie grundsätzlich jeder Barbar: feige, hinterlistig, verräterisch. Die Römer mussten eben irgendwie eine Erklärung für diese Katastrophe finden. Ein ganzes Heer wurde vernichtet. Für sie musste das einfach mit Verrat zu tun gehabt haben. Möglicherweise ist das ein Rufmord, den wir bis heute nicht aus unseren Köpfen bekommen.

Frank Rauscher


Dr. Sascha Priester (38) ist seit 2007 Redaktionsleiter von "P.M. HISTORY", Europas größtem Monatsmagazin für Geschichte. Er absolvierte ein Studium der Klassischen Archäologie, Alten Geschichte und Provinzialrömischen Archäologie in München und Köln, verbrachte zwei Forschungsjahre am Deutschen Archäologischen Institut in Rom und promovierte im Fach Klassische Archäologie in Kön. Am 5. Juni erscheint das "P.M. HISTORY Special" zum Thema "2.000 Jahre Varusschlacht".
Dr. Sascha Priester (38) ist seit 2007 Redaktionsleiter von "P.M. HISTORY", Europas größtem Monatsmagazin für Geschichte. Er absolvierte ein Studium der Klassischen Archäologie, Alten Geschichte und Provinzialrömischen Archäologie in München und Köln, verbrachte zwei Forschungsjahre am Deutschen Archäologischen Institut in Rom und promovierte im Fach Klassische Archäologie in Kön. Am 5. Juni erscheint das "P.M. HISTORY Special" zum Thema "2.000 Jahre Varusschlacht". (privat)

"Man kann es sich gar nicht grausam genug vorstellen": Kampfszene aus "Terra X: Kampf um Germanien (1/2)" (Samstag, 14. März, ARTE; Sonntag, 22. März, 19.30 Uhr, ZDF).
"Man kann es sich gar nicht grausam genug vorstellen": Kampfszene aus "Terra X: Kampf um Germanien (1/2)" (Samstag, 14. März, ARTE; Sonntag, 22. März, 19.30 Uhr, ZDF). (ZDF / Gruppe 5)

Laut römischen Quellen dauerten die Kampfeshandlungen drei Tage.
Laut römischen Quellen dauerten die Kampfeshandlungen drei Tage. (ZDF / Peter Arens)

Datum: 01.03.2009

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