Hobby oder Zwangsneurose?
(tsch) August der Starke häufte an seinem Hof wie besessen Keramiken, Gemälde, Kupferstiche und anderen Kulturkram an. Der Hobbybotaniker Goethe sammelte neben Kunstwerken auch rund 23.000 Naturpräparate. Und selbst Sigmund Freud, der um die zwangsneurotischen Verstrickungen der Sammelleidenschaft ja eigentlich wusste, raffte mit Begeisterung Skarabäen, Ringe und Statuetten zusammen. Die Beschaffung, Aufbewahrung und Systematisierung von Dingen mag einmal ein überlebensnotwendiger Trieb des Menschen gewesen sein. Was heute in ähnlichem Zusammenhang so alles als Hobby durchgeht, treibt hingegen nicht selten skurrile Blüten. Und seit das Internet einem jedem, der sich auf eine taugliche Programmiersprache versteht, ein öffentliches Forum bietet, rücken nicht mehr alleine die Briefmarkenarchive der Philatelisten ans virtuelle Tageslicht. Eine digitale Rundreise durch die Epizentren deutscher Sammelwut lässt staunen.
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Verblüffend sind zum einen die exzentrischen Ideen, auf die manche Menschen so kommen. Zum anderen aber auch die schiere Menge des ausgestellten Guts. Ein Blick auf www.autogrammarchiv.de ist vermutlich ein Paradies für Grafologen, für alle anderen wohl eher ein guter Grund, nicht berühmt zu werden. Auf fast 3.000 Autogrammkarten posieren in mehr oder weniger kompromittierender Form einige Weltstars und zahlreiche Vergessene aus Film, Fernsehen, Sport, Musik, Politik und anderen öffentlichkeitswirksamen Tätigkeitsfeldern. Die Einzelstücke sind in ordentlicher Auflösung gescannt, genauestens datiert und teilweise sogar mit persönlicher Widmung versehen.Ein eher gewöhnlicher Sammelgegenstand, gewiss. Doch egal, ob alltäglich oder ausgefallen, eine gewisse Neigung zur Verwissenschaftlichung ihrer Ziselierarbeit ist den meisten Sammlern gemein. Über die Seite www.matchcover.de etwa stößt man wahrhaftig auf die digitale Heimat der Phillumenistischen Gesellschaft e.V. Die verlinkt von dort aus zu Mitgliedern, Sammlern und unzähligen Vereinen weltweit, die es sich zur Lebensaufgabe gemacht haben, Streichholzschachteln aufzubewahren. Einem Hobby von vergleichbarem Kaliber geht die Betreiberin der Seite www.papiertaschentuecher.de nach. Auch hier ist der Fundus international. Die systematisch geordneten und abfotografierten Packungen umfassen Apothekengeschenke, limitierte Sondereditionen (dass es so etwas überhaupt gibt!) und seltsam formatierte Exponate aus Sri Lanka, Thailand oder Dubai. Auch eine Möglichkeit, seinen Urlaub zu gestalten. Doch nicht alle Gegenstände des gesteigerten Interesses lassen sich so einfach einsammeln und mit nach Hause nehmen. Unter www.gulliversum.de hat sich ein Freund des Gullideckels eine etwas hausbackene Homepage programmiert. Die Ausstellungsstücke, abermals aus aller Herren Länder, konnten verständlicherweise nur abfotografiert werden und mussten am Originalplatz verbleiben. Die Unterkategorie "Kurios" hätte es indes nicht gesondert gebraucht. Grafisch und inhaltlich herausstechend unter den Sammler-Domains ist die Speisekarten-Seite (www.speisekarten-seite.de). Flankierend zur obligatorischen Galerie findet man hier geschichtliche Anmerkungen, eine systematische Aufstellung der Speisekartenfunktionen, Bemerkungen zu Form, Eigenschaften und Falzungsvarianten sowie eine Anleitung zum Selberbasteln. Die ausgestellten Karten sind mit sämtlichen formellen Angaben hinterlegt und können von den Usern bewertet und kommentiert werden. Dem Thema Ernährung von einer ganz anderen Seite widmet sich die Website www.kotztueten-museum.de. Kotztüten sind "die Visitenkarten jeder Fluggesellschaft", lernt man hier. Ob die das tatsächlich ähnlich sehen, wäre die Frage. Allerdings gewinnen die selbstverständlich unbenutzten Sammlerstücke im virtuellen Goldrahmen schon einen gewissen Glamour. "Beutelkunst", wie der Betreiber kalauert. Wie ein ganzer "Sammlerhaushalt" aussieht, wo grundsätzlich jede Art Gegenstand ein potenzieller Fetisch ist, zeigt die Website www.stegeo.de. "Wer einmal einen kleinen Gegenstand kauft, weil er ihm so gut gefällt und zu Hause feststellt, dass er schon einen ähnlichen hat, der ist bereits ein Sammler", gibt sich der Gastgeber des Portals selbstkritisch: "Das kann unheimliche Formen annehmen." Wohl wahr: In der Galerie reihen sich unfassbare Sammelsurien an Schneekugeln, Eierbechern, Döschen, Fingerhüten, Mokkatassen und ähnlichem Gedöns mehr. Tatsächlich blickt der Seitenbetreiber im fotografischen Selbstporträt schon ein wenig resigniert aus der Wäsche. Vielleicht sollte man das als Warnung begreifen.
Jens Szameit
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Fast 3.000 Autogrammkarten mal mehr, mal weniger berühmter Personen des öffentlichen Lebens findet man unter www.autogrammarchiv.de. (www.autogrammarchiv.de)
Nicht alle Sammelgegenstände kann man mit nach Hause nehmen: www.gulliversum.de macht das gut begreiflich. (www.gulliversum.de)
Wissenschaftlicher Eifer bei Alltäglichem: www.speisekarten-seite.de. (www.speisekarten-seite.de) |
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