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Streetstyle-Blogs

Jeder Bürgersteig ein Laufsteg

(tsch) Zu den romantischen Utopien, die das Internet seit jeher begleiten, zählt sein Versprechen, das Wissen und die Meinung zu demokratisieren. Jeder besorgt sich seine Informationen, wann und wo er mag. Und jeder, der sich zum Publizisten berufen fühlt, unterhält einen Blog - ob der nun irgendwen interessiert oder nicht. Zwar mag zumindest das deutschsprachige Blogwesen in einer öffentlich beklagten Relevanzkrise stecken. Doch betrifft die gewiss nicht die Untergattung des Streetstyle-Blogs. Bis zu 30.000 Klicks pro Tag verzeichnen die beliebtesten Seiten unter den digitalen Fashion-Fotogalerien und entwickeln sich so zu einem ernst zu nehmenden Faktor in der Modebranche.

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Ausgehend von London und New York sind inzwischen in fast allen Metropolen von Moderang private Schnappschussjäger auf der Suche nach stylischen Trendsettern aus dem Stadtleben. Von Helsinki bis Kapstadt, von Sao Paolo bis Singapur und von Bogota bis Tel Aviv ist fast eine Art freundschaftlicher Wettbewerb um die ausgefallensten Outfits der jeweiligen Bewohner entbrannt. Auch in deutschen Städten wie Berlin, München, Köln, Düsseldorf, Hamburg und Leipzig sind Streetstyle-Blogger mit der Kamera unterwegs. Zwar mögen die Bekanntesten unter ihnen noch keine wirklichen Branchenstars sein, aber doch so etwas wie die Everybody's Darlings der Blogosphäre.

Die Geschichte der Berliner Studenten Mary Scherpe und Benjamin Richter etwa wurde bereits an ganz verschiedenen Stellen erzählt. Von "ARTE Tracks" über das ZDF-"Heute Journal" bis zur "Welt" und "Zeit" haben TV und Print die angesagten Modeblogger porträtiert. Seit rund zweieinhalb Jahren fängt "Stil in Berlin" (www.stilinberlin.blogspot.com) den "urbanen, weltoffenen und multikulturellen Geist" der Hauptstadt ein, wie es auf der Seite heißt. Als einen spannenden Mix aus Markenmode, Second Hand und Selbstgemachtem bezeichnen sie den besonderen Look Berlins, wobei es ihnen auf das Besondere und das Individuelle als glaubwürdigen Ausdruck von Persönlichkeit geht.

Der neben "Stil in Berlin" derzeit wohl einschlägigste deutsche Streetstyle-Blog ist der Münchner "Styleclicker" (www.styleclicker.net). Frisch prämiert mit dem "Style Award" des "Musikexpress" befindet sich Seitenbetreiber Gunnar Hämmerle gerade am Scheideweg zwischen freiem Blog-Wesen und professionellem Establishment. Zwar weigert sich der Filmhochschulabsolvent wie einige andere, Werbung auf seiner Seite zu schalten, von der er folgerichtig auch nicht leben kann. Doch haben sich mit "Vogue", "Vanity Fair", "Glamour" und "GQ" zahlungskräftige Modemagazine die angesagten Dienste des Style-Experten und Kolumnisten gesichert.

In den USA, wo der New Yorker "Sartorialist" (www.thesartorialist.blogspot.com) die Streetstyle-Welle einst mit ins Rollen brachte, scheint die Verquickung von Blogwesen und Industrie schon einen Schritt weiter gediehen. Während der Einfluss der Straßentrends auf die Geschicke der großen Modeunternehmen spürbar wächst, richten jene ihre PR-Strategien umgekehrt auf die Blogs aus und schalten gezielte Werbung.

Sollte die Industrie den libertären Blograum tatsächlich irgendwann vereinnahmt haben, könnte es um dessen Unabhängigkeit schon wieder geschehen sein. Der romantische Streetstyle-Traum vom unbedingten Willen zur Individualität wäre dann vielleicht schneller als erwartet ausgeträumt.

Jens Szameit


Ein Modeblog als Ausdruck eines Stadtgefühls: "Stil in Berlin" fängt den individuellen Geist der Hauptstädter ein.
Ein Modeblog als Ausdruck eines Stadtgefühls: "Stil in Berlin" fängt den individuellen Geist der Hauptstädter ein. (www.stilinberlin.blogspot.com)

Laut "Musikexpress" der beste Streetstyle-Blog Deutschlands: Der Münchner "Styleclicker" verzichtet bewusst auf Werbung.
Laut "Musikexpress" der beste Streetstyle-Blog Deutschlands: Der Münchner "Styleclicker" verzichtet bewusst auf Werbung. (www.styleclicker.net)

"Click to shop": Der "Sartorialist" aus New York hat mit fünftstelligen Zugriffszahlen pro Tag das Interesse der Modeindustrie geweckt.
"Click to shop": Der "Sartorialist" aus New York hat mit fünftstelligen Zugriffszahlen pro Tag das Interesse der Modeindustrie geweckt. (www.styleclicker.net)

Datum: 03.01.2009

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