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Die Chroniken von Narnia

Die Chroniken von Narnia: Der König von Narnia

(tsch) In den 30er- und 40er-Jahren begab es sich in der kleinen englischen Universitätsstadt Oxford, dass einige Herren des Öfteren zusammensaßen und einem speziellen Clubleben frönten. Sie nippten an einem Pint Lager oder Ale und lasen sich gegenseitig selbst geschriebene Geschichten vor. Ab und zu, so erzählt es die Legende, rief einer laut dazwischen: "Oh nein, nicht schon wieder ein Elf." Da auch J.R.R. Tolkien mit "Der Herr der Ringe" an diesem Lesezirkel teilnahm, hatte der Zwischenruf durchaus eine Berechtigung. Genau wie bei Tolkiens Kollegen und Freund C.S. Lewis, obwohl der sich lieber mit Faunen, sprechenden Tieren und dem Christentum beschäftigte. Seine "Chroniken von Narnia" bestehen aus sieben Bänden und sollen nun nacheinander verfilmt werden. Zum Auftakt wird vom 200-Millionen-Dollar-Spektakel "Der König von Narnia" erwartet, das Kinojahr 2005 zu retten.

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Eine große Aufgabe, und beileibe keine einfache. Denn der Film von "Shrek"-Regisseur Andrew Adamson tritt ausgerechnet gegen Peter Jackson an. Und zwar gleich zwei Mal: Zum einen muss sich "Der König von Narnia" wohl oder übel am cineastischem Megaereignis "Herr der Ringe" messen lassen. Zum anderen bläst Jackson mit "King Kong" nur eine Woche nach dem Narnia-Start zum nächsten Großangriff auf die weltweiten Kinoleinwände.

Der erste Punkt jedenfalls geht auf Jacksons Konto: "Der König von Narnia" kann mit der Dramatik und Visualität der Ring-Saga nicht mithalten. Das mag daran liegen, dass "Die Chroniken von Narnia" vor allem für Kinder geschrieben wurden und in einer weitaus freundlicheren, und vor allem märchenhafteren Umgebung spielen, als es Mittelerde war. Tolkien hatte eine komplette Parallelwelt geschaffen - mit Geschichte, Mythologie, eigenen Bewohnern und sogar neuen Sprachen. Lewis hingegen beschränkte sich auf ein Fantasiereich, das er aus verschiedenen Mythologien, Märchen und Religionen zusammenbastelte. Sprechende Tiere, Hexen, griechische Fabelwesen, biblisch inspirierte Figuren und sogar der Weihnachtsmann tauchen da auf.

Doch zunächst ist es so gar nicht märchenhaft, sondern ganz schön real. Der "German Blitz", wie die Briten die deutschen Luftangriffe im Zweiten Weltkrieg nannten, schlägt mit voller Wucht über England ein. Wie ein Heuschreckenschwarm tauchen die Flugzeuge am Himmel auf und werfen ihre Brandbomben über London ab. Sie zwingen die vier Pevensie-Geschwister Lucy (Georgie Henley), Peter (William Moseley), Susan (Anna Popplewell) und Edmund (Skandar Keynes) zur Flucht aufs Land, wo es sicherer ist: "Der König von Narnia" beginnt überhaupt nicht romantisch und schon gar nicht in einer Fantasiewelt. Die Bomben sind echt, die überfüllten Züge auch und erst recht die stocksteife und kinderfeindliche Haushälterin (Elizabeth Hawthorne), von der die Kinder abgeholt werden. "Es gibt ein paar einfache Regeln", sagt sie und beginnt aufzuzählen, was sich mit den drei Worten "Nichts ist erlaubt" zusammenfassen lässt.

Aber Kinder sind auch in Kriegszeiten Kinder, und Lucy findet beim Versteck-Spielen in einer vergessenen Kammer einen geheimnisvollen Schrank. Durch ihn betritt sie eine nicht minder geheimnisvolle Winterwelt und trifft Mr. Tumnus (James McAvoy). Der ist ein Faun, ein griechisches Fabelwesen aus Mensch und Ziege, und sieht dabei aus wie ein Mischung aus Hobbit und Shakespeares Puck. Wieder zurück in der Realität glauben Lucys Geschwister natürlich nichts von ihrer abenteuerlichen Geschichte, bis sie sich selbst in Narnia wiederfinden und das Land vom Fluch der weißen Hexe Jadis, von Tilda Swinton mit viel Lust an der Bosheit gespielt, befreien müssen.

Der Winter dauert schon 100 Jahre und ist ein Ergebnis böser Magie, mit der Jadis die Macht an sich gerissen hat. Sie herrscht in einem Eisschloss - Hans-Christian Andersons "Schneekönigin" hinterließ ihre Visitenkarte - und fürchtet nur die Söhne Adams und Töchter Evas. Denn nur die vier Pevensie-Kinder haben die Macht, die Hexe zu besiegen. Sie verbünden sich dann auch mit dem Löwen Aslan, dem Heilsbringer Narnias, und kämpfen an der Seite von sprechenden Bibern, Einhörnern, Faunen, Centauern und allerlei anderen Fabel- und Tierwesen gegen Jadis und ihre düstere Truppe.

Der Höhepunkt des Films ist die finale Schlacht, die natürlich an den Kampf um Minas Tirith erinnert. Riesige computergenerierte Heere stürzen aufeinander zu - allerdings fließt in Narnia kein Blut. Nicht der kleinste Tropfen ist auf den Schwertern der Kämpfer zu sehen. Es ist eine gesittete Metzelei, ohne Grauen, fast schon kleinkindgerecht. Und das ist ein echtes Problem des Films, der versucht, ein waschechtes Kinderbuch auf Erwachsenenunterhaltung zu trimmen und dabei scheitert.

"Der König von Narnia" hält kaum, was er verspricht. Die kindliche Verspieltheit in der klinisch sauberen Inszenierung wird von steifer Moral erschlagen, die Figuren sind nur angerissen und nicht ausgeformt. Es sind immerhin vier unterschiedliche kleine Persönlichkeiten, die ihren Platz im Leben (und in der Fantasiewelt) erst noch finden und sich dabei natürlich voneinander abgrenzen müssen. Sie fliehen sie gemeinsam vor der bombenhagelnden Wirklichkeit, dürfen dabei ihre Unterschiedlichkeit aber nicht lange bewahren. Ständige Massenumarmungen und die freudestrahlende Beteuerung gegenseitiger, kritikloser Wertschätzung bemühen allzu offensichtlich das christliche Familienideal.

Das hätte subtiler gelöst werden können, zumal der Opfertod und die Auferstehung Aslans als Jesus-Gleichnis, C.S. Lewis hat die Chroniken mit zahlreichen Bibel-Bezügen gespickt, recht beiläufig inszeniert wurde - natürlich mit einem märchenhaften CGI-Getümmel. Aber gerade Aslan, die zentrale Figur, enttäuscht in der Animation. Klar sind mittlerweile täuschend echte Bewegungsabläufe, wallende Mähnen und ausgefeilte Mimiken möglich - das waren sie aber schon bei der "Monster AG", dem Anarcho-Oger "Shrek", dem "Polarexpress" und nicht zuletzt beim "Herrn der Ringe". Den Vergleich muss "Narnia" nicht scheuen - aber alles, was hier zu sehen ist, gab es bereits in mindestens gleicher Qualität.

Erschwerend kommt hinzu, dass Adamson durch die Story hastet und dabei ins Stolpern gerät. Es bleibt keine Zeit für Details, für Erklärungen und dramatische Entwicklungen. Der Film plätschert dahin, der Frühling bricht unvermittelt in die ewige Winterlandschaft ein, und die Kinder fügen sich trotz anfänglichem Widerstand recht schnell und willig in ihr erzwungenes Heldenschicksal.

Das alles sorgt für eine sterile Atmosphäre, die politisch korrekt und ohne Anstrengungen konsumierbar ist. Erfolg wird "Der König von Narnia" trotzdem, wahrscheinlich sogar deswegen, haben. Die Kirchen machen sich bereits stark für den Film, der ohne Ecken und Kanten, mit klar definierten Werten und einer glatten Umsetzung ein christlich-soziales, konservatives Publikum anspricht, das nichts dagegen hat, dass Terroristen mit Waffengewalt in die Schranken gewiesen werden. Denn ausgerechnet der Weihnachtsmann überreicht den Kindern das nötige "Handwerkszeug", um Jadis zu bekämpfen.

Dabei hat "Der König von Narnia" viel mehr zu bieten: Der berührendste und schönste Augenblick des Films ist der, als Lucy zum ersten Mal den Schrank betritt und hoffnungsfroh durch den Türspalt hinaus lugt. Ihre Augen strahlen, als wollten sie sagen, dass dieser Schrank und alles darin ihr Reich ist. Egal, was die Welt da draußen anstellt, im Fantasiereich ist alles möglich. Bei Erwachsenen würde man das Eskapismus nennen, bei Kindern Hoffnung auf eine lebenswertere Welt. Und das kann manchmal beim Überleben helfen.

Andreas Fischer

Credits:
V:Buena Vista, USA 2005, R: Andrew Adamson, D: Georgie Henley, William Moseley, Tilda Swinton u.a.

Kinostart:
08.12.2005


Mit dem Faun Mr. Tumnus (James McAvoy) hat die kleine Lucy (Georgie Henley) einen ersten Freund in Narnia gefunden.
Mit dem Faun Mr. Tumnus (James McAvoy) hat die kleine Lucy (Georgie Henley) einen ersten Freund in Narnia gefunden. (Buena Vista)

Die Pevensie-Geschwister Edmund (Skandar Keynes, links), Peter (William Moseley), Lucy (Georgie Henley, zweite von rechts) und Susan (Anna Popplewell) wurden von ihrer Mutter auf das Land geschickt, um sicher vor den deutschen Bombenangriffen zu sein.
Die Pevensie-Geschwister Edmund (Skandar Keynes, links), Peter (William Moseley), Lucy (Georgie Henley, zweite von rechts) und Susan (Anna Popplewell) wurden von ihrer Mutter auf das Land geschickt, um sicher vor den deutschen Bombenangriffen zu sein. (Buena Vista)

Aus einem Ausflug in den Wandschrank wird eine lange Reise durch Narnia: Edmund (Skandar Keynes, links), Lucy (Georgie Henley, zweite von links), Susan (Anna Popplewell) und Peter (William Moseley).
Aus einem Ausflug in den Wandschrank wird eine lange Reise durch Narnia: Edmund (Skandar Keynes, links), Lucy (Georgie Henley, zweite von links), Susan (Anna Popplewell) und Peter (William Moseley). (Buena Vista)

Datum: 04.12.2005

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