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Rainer Kaufmann scheitert an Walsers "Ein fliehendes Pferd"

Ein fliehendes Pferd

Seit zwölf Jahren, kaum vorstellbar, fahren sie im Urlaub immer wieder an den Bodensee - der in den Mittvierzigern befindliche Studienrat Helmut Halm und seine durchaus noch attraktive Frau Sabine (von Ulrich Noethen und Katja Riemann als geradezu ideales Paar gespielt). Er will seine Ruhe, will sich in seine Bücher vertiefen und lauert als "Birdwatcher" im Schilf des Bodensees gerne den Vögeln auf. Sie hätte gern mehr von ihm und vom Leben, das wird auch mal recht handgreiflich deutlich gemacht. Aber es passiert nichts - der Gatte hat sich psychisch eingegraben. Rainer Kaufmanns Sommerkomödie nach Martin Walsers Novelle "Ein fliehendes Pferd" (2006) hat nun ihre TV-Premiere im ZDF. Im Kino lief sie mit überschaubarem Erfolg.

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Es ist beinahe wie eine Erlösung, als Helmut und Sabine Halm wie aus heiterem Himmel von einem längst vergessenen (oder verdrängten?) Studienfreund von vor 25 Jahren behelligt werden. Klaus, die lebensbejahende Nervensäge (Ulrich Tukur trumpft auf!), mischt das vor der Zeit gealterte Paar unter tätiger Mithilfe seiner blutjungen Geliebten Helene (Petra Schmidt-Schaller) mächtig auf.

Wie in Martin Walsers längst Pflichtlektüre gewordener Vorlage treffen zwei Lebensauffassungen aufeinander: der Jasager (zum Leben) und der Neinsager. Ein Kampf bis zum beinahe tödlichen Showdown beim Segeln im vom Sturm gepeitschten Bodensee. Komödienspezialist Rainer Kaufmann ("Stadtgespräch") machte aus dem selbstironischen Walser-Drama, aus einer Gedankenfuge, eine Sommerkomödie, die trotz der mitunter wohlfeilen Zoten ("Er versteht was von Vögeln", olala!) unter der glatten Oberfläche ihren Tiefgang hat. Zumindest die gerade noch werberelevante Zuschauergruppe dürfte daran ihre Freude haben.

Im Kino geht es meist sehr schnell und ziemlich direkt zu, wenn Sex oder verschärfte Erotik um sich greifen. Die Lust entbrennt - und ehe man sich versieht, ist Mann schon drin (wenn auch selten an einer nach physiologischem Ermessen wahrscheinlichen Stelle). Rainer Kaufmanns Bodensee-Komödie geht da einen eher betont umständlichen Weg. Hier wird erst einmal viel über Sex geredet, bevor man dann doch nicht richtig zur Sache kommt. Was sicher auch an der Walser-Vorlage liegt. Die stammt von 1978 und weist dem Ursprung der Protagonisten nach in die Adenauer-Ära der 50er-Jahre zurück.

Selbst die Enten im Schilf halten mit ihren erigierten Hälsen noch ein wenig zur sexuellen Symbolik her. Und wenn Helene, die unbekümmerte, blutjunge Schönheit, gleich zu Beginn fragt: "Lust auf 'ne Latte?", dann spielt sie zwar an aufs männliche Teil, meint aber in Wirklichkeit doch bloß den aufgeschäumten Milchkaffee - ganz schön kess.

"Weißt du noch?", sagt Klaus ("Klaus aus Tübingen"), der im Strandbad in der Sonne plötzlich vor Helmut steht, und beginnt in detailliertesten Erinnerungen zu schwelgen. Alles, was Helmut nicht eben gut wegkommen lässt, hat er auf seinem Anekdotenprogramm. Helmut habe einst gefrorenes Geflügel besonders geliebt, weil ihn das an den "perfekten Frauenarsch" erinnerte, so behauptet Klaus. Aber auch Helmuts Phimose (Vorhautverengung) beim "Rubbeln" in Schulfreund Häberles Keller hat er noch bestens vor Augen. Aber Strahlemann Klaus, der sich so sehr aufs Leben versteht, dass er sogar ein fliehendes Pferd ohne Weiteres bändigen kann, will trotz allem Helmut unverdrossen immer wieder die Blutleere des Stubengelehrten und Sexmuffels nehmen - leider mit wenig Erfolg.

Studienrat Helmut, an dessen Nerven die Eifersucht, aber auch die letztliche Erfolglosigkeit bei der jungen Helene, zehren, schlägt schließlich zurück: Beim Segeln im aufgepeitschten See lässt er den Feind ins Wasser stürzen - sei es willentlich, sei es aus gezielter Fahrlässigkeit.

Während Walsers Novelle aus diesem Unglück ihren moralischen Tiefgang bezieht (Verdrängung bei Helmut, statt Läuterung), hält Kaufmann noch eine überraschende Pointe bereit, wenn die hinterbliebene Helene Weizenkleie - an Stelle der Totenasche - im See verstreut. Ein Bild, fast so schön wie der Föhnblick beim Opening, der ein Wechselspiel aus Schein und Wirklichkeit verspricht, eine Fata Morgana auf Zelluloid. Doch will es dazu nicht wirklich kommen. Zwar erlebt man ein Darsteller-Quartett, das mit äußerster Spielfreude - meist in Großaufnahme - agiert. Es pflegt dabei aber einen etwas zu aufgesetzt wirkenden Komödien-Ton, den die sanft plätschernde Retro-Musik noch verstärkt. "Ein fliehendes Pferd" setzt mit seinem gekonnten Midlife-Krisenpingpong eher auf vordergründige Lustigkeit als auf feinere Ironie und doppelten Boden. Das findet man, auch ohne den Film gleich an Walsers faszinierendem inneren Studienratsmonolog zu messen, dann doch etwas schade.

Wilfried Geldner


Bereit zum Segeltörn auf dem Bodensee sind Studienrat Helmut Halm (Ulrich Noethen, zweiter von links), dessen Frau Sabine (Katja Riemann, zweite von rechts), der Jugendfreund Klaus Buch (Ulrich Tukur) und dessen junge Geliebte Helene (Petra Schmidt-Schaller).
Bereit zum Segeltörn auf dem Bodensee sind Studienrat Helmut Halm (Ulrich Noethen, zweiter von links), dessen Frau Sabine (Katja Riemann, zweite von rechts), der Jugendfreund Klaus Buch (Ulrich Tukur) und dessen junge Geliebte Helene (Petra Schmidt-Schaller). (ZDF / Jan Betke)

Im Ried des Bodensees zeigt Studienrat Helmut Halm (Ulrich Noethen, zweiter von links), wie sich die Rohrdossel benimmt. Neugierig lauschen Klaus Buch (Ulrich Tukur, links), dessen junge Geliebte Helene (Petra Schmidt-Schaller, zweite von rechts) und Sabine Halm (Katja Riemann) im Schilf.
Im Ried des Bodensees zeigt Studienrat Helmut Halm (Ulrich Noethen, zweiter von links), wie sich die Rohrdossel benimmt. Neugierig lauschen Klaus Buch (Ulrich Tukur, links), dessen junge Geliebte Helene (Petra Schmidt-Schaller, zweite von rechts) und Sabine Halm (Katja Riemann) im Schilf. (ZDF / Jan Betke)

Die Ehe ist nicht mehr so frisch wie am ersten Tag: Helmut (Ulrich Noethen) und Sabine Halm (Katja Riemann).
Die Ehe ist nicht mehr so frisch wie am ersten Tag: Helmut (Ulrich Noethen) und Sabine Halm (Katja Riemann). (ZDF / Jan Betke)

Datum: 27.04.2009

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Artikel ID 215092

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