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Harvey Keitel wird 70

Kämpfen und schwitzen und bluten

Schauspieler Harvey Keitel

Hollywood hat weiß Gott glamourösere Erscheinungen hervorgebracht. Stars, die sich auf dem Roten Teppich und im Blitzlichtgewitter selbstverständlicher bewegen. Doch das Rückgrat der Traumfabrik, das bilden zweifellos unangepasste Überzeugungstäter wie Harvey Keitel. Seit den späten 60er-Jahren hat der gebürtige New Yorker in einigen Kassenschlagern und zahllosen ambitionierten Low-Budget-Produktionen mitgewirkt. Einen kompromissloseren, glaubwürdigeren und charismatischeren Darsteller wird man speziell im amerikanischen Action-Kino kaum finden. Doch der überzeugte Method Actor Keitel verstand sich auch stets auf stille, subtile Rollen, wie Paul Austers intellektuelles Liebesdrama "Lulu - Das Geheimnis einer Liebe" beweist. Am 13. Mai, 00.50 Uhr, wiederholt das Erste den Spielfilm pünktlich zum 70. Geburtstag Harvey Keitels. Weitere Filmperlen aus dem vielschichtigen Werk des Jubilars hat der WDR ins Programm genommen.

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"Hollywood ist nur ein Mythos", hat Keitel sein berufliches Credo einmal auf den Punkt gebracht: "Dort sitzen Menschen, die nur in Zahlen denken, nicht bereit sind, Risiken einzugehen. Ich dagegen flehe die jungen Leute immer wieder an, ihre eigenen Ideen zu verwirklichen, auch wenn sie dafür Risiken eingehen müssen."

An Risikobereitschaft und unbedingtem Willen hat es dem Hutmachersohn aus Brooklyn trotz zahlreicher Krisen selbst nie gemangelt. Als Spross eines jüdischen, aus Polen und Rumänien stammenden Emigrantenpaars wuchs Keitel unter einfachsten Verhältnissen auf. "Ich wollte etwas werden, wollte herauskommen aus meinem Stadtviertel", reflektierte er seine Jugendjahre. "Alle meine Freunde damals - die Jungs aus den Billardzimmern, die Kameraden bei den Marines - haben nie versucht, den Weg da herauszufinden. Denn um nach oben zu kommen, musst du kämpfen und schwitzen und bluten."

Keitel entkam über die Schauspielerei. Zunächst hielt er sich mit Engagements an kleineren New Yorker Theatern über Wasser. Dann lernte er den italo-amerikanischen Regisseur Martin Scorsese kennen, der ihn und Robert De Niro für seinen Gangsterfilm "Mean Streets - Hexenkessel" (1973, Donnerstag, 14.05., 23.15 Uhr, WDR) und zwei Jahre später für "Taxi Driver" engagierte. Ein denkwürdiger Karriereauftakt, doch so steil bergauf ging es nicht endlos weiter.

1979 erlebte Keitel seine vielleicht bitterste Abfuhr, als ihn Francis Ford Coppola am Set seines Vietnamepos "Apocalypse Now" nach Hause schickte. Keitel sollte den Part des ausgelaugten, alkoholkranken Captain Willard spielen, verkörperte - ganz Method Actor - dessen Zustand aber wohl etwas zu treffend. Die Rolle ging an Martin Sheen.

Ein herber Dämpfer für Keitel, der in den 80-ern privat und beruflich etwas aus der Spur geriet. Jahrelang schleppte sich der unter Produzenten mittlerweile als schwierig verschriene Schauspieler durch zweitklassige Streifen und psychische Krisen: "In jenen Tagen saß ich oft nachts da und blickte auf die Uhr, und es war morgens um drei, und ich dachte, jetzt ist alles vorbei".

Ein Satz wie aus dem Mund von Abel Ferraras "Bad Lieutenant" (1992). Doch ausgerechnet der korrupte, Kokain schnupfende Cop hatte für Keitels Karriere die Wirkung einer Frischzellenkur. Und auch ein außergewöhnlicher, junger Filmemacher namens Quentin Tarantino besetzte den frischgebackenen Kultdarsteller in diesen Tagen - in "Reservoir Dogs" (1992, Donnerstag, 07.05., 23.15 Uhr, WDR ) und in "Pulp Fiction" (1994) - dem vielleicht emblematischsten Film der 90er-Jahre.

Doch nicht nur in kontroversen Gewaltepen blitzte die Brillanz des erklärten Pazifisten in den 90-ern auf. Jane Campions dreifach oscarprämiertes Melodram "Das Piano" (1993) lebt auch von seiner Präsenz. Und den zigarettenseligen Großstadtballaden "Smoke" und "Blue In The Face" (beide 1995) verlieh er als Eckladenbesitzer Auggie Wren die Aura und das Gesicht.

Zuletzt ist es um Harvey Keitel etwas still geworden. Aktuell steht er für den Independent-Thriller "Wrong Turn At Tahoe" vor der Kamera. In Planung ist außerdem ein Engagement in "Chaos" - einer New-York-City-Studie seiner dritten Ehefrau, der Schauspielerin und Regisseurin Daphna Kastner. Kleine, liebevolle Filmprojekte also, wenngleich Keitel dieses Label nicht gelten lassen würde: "Für mich sind das keine 'kleinen' Filme, sondern große Gedanken. Der Gedanke gibt dem Film die Größe, nicht das Budget oder die Kassenfreundlichkeit."

Jens Szameit


Gehört zu den größten Erfolgen von Harvey Keitel: RTL zeigt "From Dusk Till Dawn" am Donnerstag, 21.05., 23.10 Uhr.
Gehört zu den größten Erfolgen von Harvey Keitel: RTL zeigt "From Dusk Till Dawn" am Donnerstag, 21.05., 23.10 Uhr. (RTL / Joyce Podell)

Fulminanter Karrierestart: In "Mean Streets - Hexenkessel" (Donnerstag, 14.05., 23.15 Uhr, WDR) stand Harvey Keitel 1973 für Martin Scorsese vor der Kamera.
Fulminanter Karrierestart: In "Mean Streets - Hexenkessel" (Donnerstag, 14.05., 23.15 Uhr, WDR) stand Harvey Keitel 1973 für Martin Scorsese vor der Kamera. (WDR / Atlas Film)

In "Lulu - Geschichte einer Liebe" (13.05., 00.50 Uhr, ARD) beginnen der Saxofonist Izzy Maurer (Harvey Keitel) und die Schauspielerin Celia Burns (Mira Sorvino) eine märchenhafte Liaison.
In "Lulu - Geschichte einer Liebe" (13.05., 00.50 Uhr, ARD) beginnen der Saxofonist Izzy Maurer (Harvey Keitel) und die Schauspielerin Celia Burns (Mira Sorvino) eine märchenhafte Liaison. (ARD / Degeto)

Datum: 25.04.2009

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Diskussion: "Harvey Keitel wird 70"

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