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"Das Mädchen, das die Seiten umblättert" ist gefährlich

Das Mädchen, das die Seiten umblättert

Die Spannung wird irgendwann unerträglich. Dabei hat Denis Dercourt seinen Psychothriller "Das Mädchen, das die Seiten umblättert" (2006) sehr verhalten inszeniert. Hier gibt es keine oberflächlichen Schockeffekte, keine Tricks, keine falschen Fährten, die künstlich für Verwirrung sorgten. Aber es gibt diese nervenzerreißende Spannung. Und den unbändigen Rachedurst einer jungen Frau, die sich ein perfides Spiel der Abhängigkeiten ausdenkt, um ihn zu stillen. Leise, kalt berechnend. Dercourts "subtil zelebrierte Grausamkeit" wurde für drei Césars nominiert und bekam auch hierzulande nach der Kinopremiere (Mai 2007) höchstes Lob.

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Zwei Frauen bilden eine Schicksalsgemeinschaft. Die eine ist die Tochter eines Metzgers und will Klavierspielerin werden. Die andere, Ariane (Catherine Frot), ist eine gefeierte Pianistin und entscheidet über die Aufnahme am Konservatorium. Auf die Prüfung hat sich die außergewöhnlich begabte Mélanie akribisch vorbereitet. Doch sie fällt durch und gibt daran Ariane die Schuld. Da man sich immer zwei Mal im Leben sieht, schwört das zehnjährige Mädchen sehr still und gefasst Rache.

Zehn Jahre nach diesem Prélude ist die Zeit dafür gekommen. Mélanie, jetzt von der geheimnisvoll und unterkühlt wirkenden Déborah François ("L'Enfant") mit minimaler Mimik gespielt, schleicht sich unerkannt in das Leben Arianes. Sie kommt als Kindermädchen ins Haus der Pianistin, gewinnt ihr Vertrauen und wird schließlich die Notenumblätterin der wegen ihres Lampenfiebers in einer Schaffenskrise steckenden Diva. Eine Position, von der Wohl und Wehe eines Konzertes abhängig sind.

Die Rache, so wiederholte die Braut in "Kill Bill" immer wieder, ist ein Gericht, dass am besten kalt serviert wird. Regisseur Denis Dercourt kommt nahe an den absoluten Nullpunkt. Dabei erzählt er vom Aufstieg und Fall zweier Frauen aus grundverschiedenen Milieus, deren Gemeinsamkeit vordergründig ihre Vorliebe für Bach ist. In Wahrheit sind sie sich ähnlicher als sie denken und können deshalb problemlos die Opfer- und Täterrollen tauschen. Begehren, Abhängigkeit und Hass sind die Variationen ihres Gifts.

Der perfide Mix aus Schubertmusik, Sex und Neurosen entfaltet seine volle Wirkung zwar erst ganz zum Schluss, verbreitet sich aber in betont reduzierten Szenen wie ein gut dosiertes, schleichendes Gift. In heimlichen Blicken und verstohlenen Berührungen stecken erotisch knisternd Sehnsüchte und Verlangen. Subtil, aber mit berechnender Lust am Detail schickt der gelernte Solobratschist Dercourt (ehemals Orchestre Symphonique Français) die Pianistin ins Verderben. Das Unheil kommt auf leisen Sohlen und anders als erwartet, dafür aber umso nachhaltiger und mit brutaler, zerstörerischer Wucht.

Die Belgierin Déborah François ist der Shooting-Star des französischen Kinos. Sie wurde 1987 als Tochter eines Polizisten und einer Sozialarbeiterin in Lüttich geboren. Im Cannes-Gewinner "Das Kind" der Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne debütierte sie, 16-jährig, als Freundin eines Taugenichts, der das gemeinsames Kind verkaufen will. Déborah François spiele "so hintergründig wie die Deneuve" und wirke "so charismatisch wie einst Romy Schneider", jubelte die Kritik. Vor Kurzem startete ihr neuer Film "C'est la vie - So sind wir, so ist das Leben" in den deutschen Kinos. Für den Episodenfilm bekam sie den César als beste Nachwuchsschauspielerin.

Hans Czerny


Ariane (Catherine Frot, links) hat die geheimen Talente ihrer Babysitterin Melanie (Déborah Francois) entdeckt und macht sie zu ihrer persönlichen Notenumblätterin.
Ariane (Catherine Frot, links) hat die geheimen Talente ihrer Babysitterin Melanie (Déborah Francois) entdeckt und macht sie zu ihrer persönlichen Notenumblätterin. (BR / Telepool / Philippe Quaisse)

Mélanie (Déborah François) musste ihren Traum von einer Karriere als Pianistin aufgeben.
Mélanie (Déborah François) musste ihren Traum von einer Karriere als Pianistin aufgeben. (BR / Telepool / Philippe Quaisse)

Die Karriere der Pianistin Ariane Fouchecourt (Catherine Frot) ist eingeschlafen. Sie möchte ein Comeback starten, hat aber gleichzeitig Angst davor.
Die Karriere der Pianistin Ariane Fouchecourt (Catherine Frot) ist eingeschlafen. Sie möchte ein Comeback starten, hat aber gleichzeitig Angst davor. (BR / Telepool / Philippe Quaisse)

Datum: 04.05.2009

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Artikel ID 215427

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