Mit "Sie küssten und sie schlugen ihn" begann die Nouvelle Vague
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Sie küssten und sie schlugen ihn
Schaut man sich heute "Sie küssten und sie schlugen ihn" ganz unvoreingenommen an, kann einem ziemlich leicht entgehen, weshalb gerade dieser so unscheinbare Film für eine Revolution des europäischen Nachkriegskinos verantwortlich sein soll. Und dennoch: Als der erste abendfüllende Spielfilm des ehemaligen Filmkritikers François Truffaut am 4. Mai 1959 beim Festival in Cannes Premiere feierte, war das so etwas wie die Geburtsstunde der Nouvelle Vague. Jener Gruppe junger französischer Kinofans, die mit Charme, Esprit und unkonventionellen Ideen die Unterhaltungsindustrie Kino zur Kunstform umdefinierten. Zum 50. Jubiläum seiner Leinwandpremiere wiederholt ARTE Truffauts wegweisendes Debüt.
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Schwungvoll, leichtfüßig und mit ironischer Distanziertheit inszenierte der Autorenfilmer eine autobiografisch eingefärbte Geschichte, die inhaltlich gleichwohl so gar nicht heiter ist. Der junge Antoine (Jean-Pierre Léaud) eckt im bieder-autoritären Paris der 50-er überall an. In der Schule ist der aufsässige Junge der Prügelknabe seines strengen Lehrers (Guy Decomble), laviert sich mit immer neuen Eskapaden zunehmend tiefer ins Verderben. Auch zu Hause erfährt er von der launisch-nervösen Mutter (Claire Maurier) und dem leichtfertigen Stiefvater (Albert Rémy) nicht den rechten Halt. Als er schließlich erwischt wird, wie er die Schreibmaschine seines Stiefvaters an einen Hehler verhökern will, wird der Problembengel in ein Erziehungsheim gesteckt.
François Truffaut ließ auf "Sie küssten und sie schlugen ihn" bis 1978 noch vier weitere Spielfilme sowie einen Kurzfilm über sein Alter Ego Antoine Doinel folgen - jeweils dargestellt durch Jean-Pierre Léaud. Mit gerade einmal 14 Jahren trat der Abonnementdarsteller so vieler Nouvelle-Vague-Regisseure hier denkbar unverbraucht in Erscheinung. Als notorischer Störenfried in einer lieblosen Umgebung repräsentiert er jedoch nicht nur die Jugenderinnerungen seines Schöpfers Truffaut. Ein wenig steht die Figur des renitenten Antoine auch stellvertretend für den Aufbruch einer neuen Generation von Cineasten. Denn wie alle Filme der französischen Autorenfilmer jener Epoche ist auch dieser vor allem eines: eine Liebeserklärung ans Kino.
Genau das lässt ARTE auch direkt im Anschluss an den Spielfilm mit der Dokumentation "50 Jahre Nouvelle Vague" folgen. Neben Truffaut werden hier weitere wegweisende Regisseure jenes erlauchten Künstlerkreises vorgestellt und gewürdigt, darunter Jean-Luc Godard, Claude Chabrol und Alain Resnais. Unter anderem erörtern bedeutende US-Regisseure wie Sidney Lumet, Arthur Penn und Brian De Palma das schwierige und spannende Verhältnis der Nouvelle Vague zu Hollywood.
Jens Szameit
Der 15-jährige Antoine (Jean-Pierre Léaud, links) sorgt im Klassenraum ständig für Trubel. (ARTE)
Antoine (Jean-Pierre Léaud, rechts) hat bei seinem strengen Französischlehrer (Guy Decomble) nicht viel zu lachen. (ARTE)
Der Bengel Antoine (Jean-Pierre Léaud) leistet sich eine Eskapade nach der anderen. (ARTE)
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