(tsch) Es ist immer etwas klischeebeladen, von Paris als der Stadt der Liebe zu sprechen. Romantische Vorstellungen sehnsüchtiger Alltagsherzen verbinden sich mit Urlaubseskapismus fernab der Banlieus (Vororte). Dort wohnt die soziale Realität der Hoffnungslosen, aber im geschniegelten Herzen der französischen Hauptstadt, kann man sich kaum der Magie entziehen. Der französische Regisseur Leos Carrax machte 1991 den Pont-Neuf zum fantastischen Schauplatz seiner leidenschaftlichen Liebesgeschichte "Die Liebenden vom Pont-Neuf", die von vox nun in der späten Nacht wiederholt wird.
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Der Pont-Neuf, die älteste Brücke der Stadt, war zwischen 1989 und 1991 wegen Restaurierungsarbeiten gesperrt. Hier trafen sich nachts die Clochards. Vergessene Seelen, die nur für diejenigen eine merkwürdige Romantik ausstrahlen, die noch nie mit wachem Auge auf die Realität eines Obdachlosen geschaut haben. Carrax schaut hin und entdeckt neben dem Alltag auch eine unfassbare Fähigkeit zu lieben. Daraus strickte er einen der schönsten europäischen Filme der 90er-Jahre - trotz vielfacher Frustrationen und andauernder Widrigkeiten bei der Produktion des am Ende 40 Millionen Mark teuren Werks.
Eine Autofahrt durch die Nacht von Paris, ein junger Mann mit bloßem Oberkörper und geschorenem Kopf, der im Suff besinnungslos auf die Straße fällt. Ein Auto fährt ihm über den Fuß, weshalb man Alex, den Feuerschlucker (Denis Lavant) fast den ganzen Film hindurch mit einem Gipsverband sehen wird. Michèle (Juliette Binoche), eine verkommene, junge Frau kommt hinzu, besieht sich mit stumpfem Blick den Vorgang. Dann werden die beiden wieder getrennt, Alex wird in einer Penner-Sammelstelle in Nanterre eingeliefert.
Doch schließlich treffen sie sich wieder - der Feuerschlucker und die Malerin, deren Augen zu erblinden drohen. Wie auf einer Insel hausen sie auf dem Pont-Neuf, dessen Herrscher der Clochard Hans (Klaus-Michael Grüber) ist. Eines Tages gerät ihre Liebe in Gefahr, als Alex in der Metro Suchplakate mit dem Bild der Geliebten entdeckt, die deren Heilung in Aussicht stellen. Panisch vor Angst, Michèle zu verlieren, läuft Alex Amok.
Eine der eindrucksvollsten Szenen des Films ist es, wenn in der Stadt der 14. Juli, am 200. Jahrestag der Revolution von 1789, gefeiert wird und die Liebenden unter dem Raketenhimmel Walzer tanzen, um schließlich über die in Flammen stehende Seine zu rasen. Furioses Finale einer der schönsten Kino-Opern überhaupt.
Bei den Dreharbeiten brach sich Denis Lavant den Daumen. Man musste verschieben, und die Drehgenehmigung für den Pont-Neuf verfiel. Bei Montpellier wurde die Brücke nachgebaut - und später vom Sturm zerstört. Zwei Produzenten stiegen aus, bis dank des Kultusministers Jack Lang der Film doch noch zustande kam.
Vera Seeberg
Liebe kann blind sein - für Michèle (Juliette Binoche) wird das bittere Realität. Die Malerin verliert ihr Augenlicht. (vox)
Romantik pur, nur weil Alex (Denis Lavant) ein Feuerschlucker ist? Abends jedenfalls haust der Clochard unter dem Pont-Neuf. (vox)
Der obdachlose Alex (Denis Lavant) und die Malerin Michèle (Juliette Binoche) leben am Rande der Gesellschaft. (vox)
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