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Bei François Ozons "Ricky" scheiden sich die Geister

Ricky - Wunder geschehen

(cg/tsch) Die Filme François Ozons waren nie für das breite Publikum bestimmt. Seine kleinen, kammerspielartig inszenierten Dramen wie „Unter dem Sand“ und „5x2“ gefallen den Fans des anspruchsvollen französischen Films. An dieselben wendet sich ganz offensichtlich auch sein neuer Film „Ricky“. Doch die Frage, ob die eigenartige Mischung aus sozialem Drama und Fantasy-Märchen nicht selbst die Schätzer wirklich ausgefallener Ideen überfordert, drängt sich auf. Denn „Ricky“ ist ein Baby, dem im zweiten Teil des Films Flügel wachsen. Warum, wird nicht erklärt. Ob man das nun für albern oder kunstvoll hält, sei einem selbst überlassen.

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Ozon ist ein sympathischer, sehr bodenständiger Regisseur. Seine Werke sind ungeheuer vielfältig, vom Musical-Kriminalstück "Acht Frauen" mit prominenter Besetzung bis zu hoch emotionalen Dramen wie "Unter dem Sand" oder "Die Zeit die bleibt". Mit "Ricky" setzt der 41-Jährige einen neuen, den bisher umstrittensten Meilenstein in seinem Schaffen.

Es ist ein Genrespagat, der nicht leicht zu handhaben ist. Doch es ist ein Film, der eine deutliche Sprache spricht - und dessen Schönheit eigentlich gar nicht so schwer zu (emp)finden ist.

Weit weg von der Bohème taucht der Regisseur ein in die Arbeiterklasse. Dort begegnet der Betrachter Katie (Alexandra Lamy), der alleinerziehenden Mutter, die so gar keine Lust auf ihren öden Job hat. Nur zu gerne sucht sie den Blickkontakt mit dem neuen spanischen Mitarbeiter (Sergi Lopez). Dezent wartet Ozon vor der Toilettentür, aus der eindeutige Geräusche zu hören sind. Paco und Katie treffen sich öfter. Doch ein Happy End ist deswegen lange nicht in Sicht.

Die toughe Arbeiterin hat bereits eine zehnjährige Tochter (Mélusine Mayance), die ihren Platz an der Seite ihrer Mutter nicht so ohne Weiteres aufgeben wird.

Oftmals dreht François Ozon in dieser Phase aus dem Blickwinkel des Kindes, das sich zurückgesetzt fühlt, ausgegrenzt. Katie wird schwanger, die Beziehung der Erwachsenen verändert sich. Nachdem Ricky geboren ist, leidet und streitet das Paar, während das verantwortungsbewusste Mädchen sich um den kleinen Jungen kümmert. Dennoch: Als Ricky einen Bluterguss hat, ist der Außenstehende keineswegs sicher, ob Vater oder Schwester schuld an den blauen Flecken ist. Doch es war keiner von beiden.

Katie ist so entsetzt, dass sie Paco zur Rede stellt. Der geht gekränkt, man fürchtet ein Déjà-vu im Leben der Fließbandarbeiterin, könnte vermuten, dass sie Ähnliches bereits mit ihrer großen Tochter erlebte. Doch nun kommt alles ganz anders. Ricky wachsen Flügel. Das Baby kann fliegen. Paco wird zurückkehren, die Medien werden Jagd auf das Wunderkind machen. Doch was soll diese verrückte Geschichte? Der Zuschauer starrt verwirrt auf diese Hähnchenflügel, die sich an den Schulterblättern des kleinen Jungen nach draußen bohren.

"Ricky", das ist ein in verschiedene Richtungen interpretierbares Märchen. Eine Möglichkeit wäre, diese Story als Hilfestellung zum Loslassen zu verstehen oder als Aufforderung zu mehr Toleranz andersartiger Menschen. Losgelöst von der Tristesse des Alltags steigen Bilder auf, so bunt und augenscheinlich metaphorisch, dass jeder eine andere Art des Verstehens erleben kann. Jeder, der sich auf andersartiges Kino einzulassen vermag. Jeder, der dem Neuen wie das hervorragend agierende Mutter-Tochter-Gespann mit Selbstverständlichkeit begegnet.

Ein sehr eigenartiger Film, der mit den Sehgewohnheiten des Publikums spielt. Und es ist jetzt schon klar: Manche werden das lieben und für Kunst erklären, während andere verblüfft und enttäuscht den Kinosaal verlassen werden.

Claudia Nitsche

Credits:
V:Concorde, F 2008, R: François Ozon, D: Alexandra Lamy, Sergi Lopez, Mélusine Mayance u.a.

Laufzeit: 90 Min.

Kinostart:
14. Mai 2009


"Ricky" - ein Film, der angeregte und aufgeregte Diskussionen nach sich zieht.
"Ricky" - ein Film, der angeregte und aufgeregte Diskussionen nach sich zieht. (Concorde)

Flieg nicht so hoch, mein kleiner Freund - Ricky ist auf seinem Schrank gelandet.
Flieg nicht so hoch, mein kleiner Freund - Ricky ist auf seinem Schrank gelandet. (Concorde)

Paco (Sergi Lopez) und Katie (Alexandra Lamy) streiten viel nach Rickys Geburt.
Paco (Sergi Lopez) und Katie (Alexandra Lamy) streiten viel nach Rickys Geburt. (Concorde)

Datum: 16.05.2009

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