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Alles ist erleuchtet

Alles ist erleuchtet

(tsch) Es ist ein Drahtseilakt, aus einer Geschichte um den Holocaust einen unterhaltsamen Film zu machen. Liev Schreiber, bisher in meist farblosen Rollen wie in "Der Manchurian Kandidat" oder "Scream 2" zu sehen, versuchte es dennoch und verfilmte das Romandebüt "Alles ist erleuchtet" von Jonathan Safran Foer. Der schickte in seinem Buch kurzerhand sein gleichnamiges Alter Ego auf die Suche nach einer Frau, die in der Ukraine seinen Großvater vor den Nationalsozialisten gerettet haben soll. Schreiber gelang mit seinem Erstling als Regisseur der Königsweg: Ein liebenswert-humorvolles Roadmovie mit herzzerreißenden Untertönen und einem Finale, das wohl niemanden kalt lässt.

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Bei der Wahl des Hauptdarstellers bewies Schreiber sein Talent als Kollegenkenner: Elijah Wood ist als Jonathan eine Idealbesetzung. Nach seiner Reise als Frodo durch Mittelerde und die damit einhergehende Brandmarkung als lieber, netter Hobbit folgten in den vergangenen Jahren Ausbruchsversuche aus der allzu fest sitzenden Schablone: In "Hooligans" sorgte er als Haudrauf für Aufsehen, und in der ebenso ästhetischen wie brutalen Comic-Verfilmung "Sin City" war er als Kannibale mit ausladender weißer Brille zu sehen. Auch in "Alles ist erleuchtet" trägt Wood eine große Brille, doch nur auf dem Filmplakat sind die Gläser verziert mit Wolken. Die dicke, braune Hornfassung seines Kassenmodells passt zum spießigen Anschein seiner Rolle: Jonathan ist ein in sich gekehrter junger Mann mit Seitenscheitel, der außer korrekt sitzenden Anzügen nur eines mit sich trägt: Fragen über Fragen.

Jonathan ist ein Messi, kein krankhafter, sondern einer, der sich für die Geschichte seiner Familie interessiert. Er sammelt alles, was auch nur irgendeinen familiären Wert ausstrahlt: Zahnspangen, Schlüssel, Spielfiguren, Amulette. Alles pinnt er säuberlich verpackt an die Wand. Doch lässt sich allein dadurch die Erinnerung aufrecht erhalten? Sein Großvater konnte in der Ukraine während des Zweiten Weltkriegs nur knapp dem Tod durch die Nationalsozialisten entrinnen. Gerettet hat ihn damals eine Frau. Nur weiß Jonathan nicht, wer sie ist. Allein ein verblasstes Foto zeugt von ihrer Existenz - und Jonathan macht sich auf, das Rätsel zu entschlüsseln.

Also geht es in die Ukraine. Mit einem fröhlich aufgelegten Übersetzer namens Alex, seinem Trabbi und einem unausgeglichenen Hund auf der Rückbank geht es los auf eine ganz besondere Odyssee. Chauffeur ist der skurrile Großvater von Alex, der denkt, er sei blind, aber spätestens am Ende der Geschichte spielt auch er eine ernste, herausragende Rolle. Der Film ist voll von humorvollen Sequenzen. Komisch ist nicht nur die Szene, in der Alex seinen Gefährten warnt, des Nachts die Tür seines kargen Schlafraums zu öffnen. Schließlich gebe es genug finstere Gestalten, die es lieben würden, Amerikaner auszurauben und sie zu entführen.

Oft lakonisch kommt der Witz daher in Schreibers Romanadaption, in die er auch autobiografische Elemente einfügte. "Was stimmt mit dir nicht?", fragt Alex Jonathan an einer Stelle. Zwar geht es dabei nur darum, dass Jonathan Vegetarier ist und seine Begleiter nicht glauben wollen, dass jemand feine ukrainische Wurst verschmäht. Doch trifft die Frage mitten ins Herz des Films: Wieso sammelt die nach außen hin verschroben wirkende Brillenschlange all diesen Tand? Wieso begibt sich Jonathan auf eine Reise in ein unbekanntes Land, wobei er gar nicht weiß, was ihn dort erwartet? Irgendetwas kann mit ihm nicht stimmen.

Dabei hat der Messi mehr Herz und Verstand, als der Zuschauer zunächst vermutet. Denn alles, was Jonathan hortet, führt ihn ein Stück weiter zur grundlegenden Erkenntnis über seine eigene Existenz: Wäre der Großvater nicht gerettet worden, gäbe es auch ihn nicht.

Getrieben wird Jonathan von der Angst zu vergessen. In einer Gesellschaft, in der die Erinnerungskultur von einer Schwemme aus Digitalfotografie und von der Flüchtigkeit digitaler Speichermedien geprägt und gleichzeitig bedroht ist, in der alles aufbewahrt werden kann, dadurch aber das Einzelne an Bedeutung zu verlieren droht, ist Liv Schreibers Film eine Offenbarung. So baut sich auch im Zuschauer langsam eine Spannung auf, die in dem Wunsch mündet, Jonathans Suche solle doch unbedingt von Erfolg gekrönt werden und damit in Glückseligkeit münden.

Doch das große Finale ist ein tragisches. Eben das und nicht allein das leuchtende Sonnenblumenfeld, das sich am Ende des Films förmlich bis zum Horizont ergießt, zeichnet "Alles ist erleuchtet" aus. Die Tragikomödie kommt ohne platten Witz und forcierte Rührseligkeit aus. Es sind die Geschichte selbst und ihre natürlichen Protagonisten, die den besonderen Geist der Erzählung offenbaren: Menschlichkeit ist kein Geschenk. Um so schöner ist es, damit beschenkt zu werden.

Leif Kramp

Credits:
V:Warner, USA 2005, R: Liev Schreiber, D: Elijah Wood, Boris Leskin, Eugene Hutz u.a.

Kinostart:
15.12.2005


Der Jude Jonathan Safran Foer (Elijah Wood) sucht in der Ukraine nach Spuren seiner Großeltern.
Der Jude Jonathan Safran Foer (Elijah Wood) sucht in der Ukraine nach Spuren seiner Großeltern. (2005 Warner Bros. Ent.)

Alex (Eugene Hutz, rechts) dient Jonathan (Elijah Wood) auf seiner Reise als Dolmetscher.
Alex (Eugene Hutz, rechts) dient Jonathan (Elijah Wood) auf seiner Reise als Dolmetscher. (2005 Warner Bros. Ent.)

Als Jonathan (Elijah Wood) Lista (Laryssa Lauret) trifft, kommt er bei seinen Recherchen einen großen Schritt weiter.
Als Jonathan (Elijah Wood) Lista (Laryssa Lauret) trifft, kommt er bei seinen Recherchen einen großen Schritt weiter. (2005 Warner Bros. Ent.)

Datum: 10.12.2005

Diskussion: "Alles ist erleuchtet"

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