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Der Sturm zieht aufIn Deutschland wäre diese Rolle ein Fall für Veronica Ferres gewesen. Oder Iris Berben. Im französischen Historiendreiteiler "Der Sturm zieht auf" übernimmt die bekannte Charakterdarstellerin Anouk Grinberg ("Die Freundin der Friseuse", "Mein Mann") den Part der starken, schönen, einprägsamen Frauenfigur. In allen drei Filmen (die Teile zwei und drei sendet ARTE am Freitag, 07.08., 21.00 Uhr) hält die 1963 geborene Actrice in einer hinreißenden Vorstellung die Fäden in der Hand und in der Rolle der Tatiana Schneider die Geschicke einer russisch-jüdischen Familie zusammen. Das Kunststück: Anouk Grinberg spielt Tatiana jederzeit glaubwürdig - von der kapriziösen Teenagerin im zaristischen St. Petersburg Anfang des Jahrhunderts bis zur alten Dame im Paris der Nachkriegszeit. Anzeige "Doktor Schiwago", "Abbitte", "Die Buddenbrooks" ... - "Der Sturm zieht auf" geht mit der gleichen Intensität, dem selben Pathos an die europäische Geschichte aus der Familienperspektive heran wie die großen Vorbilder, ist als TV-Produktion aber zwangsläufig ein Familienepos auf Sparflamme. Das Spektakel, mit dem große Zeitenwenden in Kostümfilmen sonst abgefeiert werden, findet der Zuschauer hier nicht. Nina Companeez ("Die Allee des Königs") fokussierte sich auf die Schauspielkunst ihres starken Ensembles, und sie fuhr gut damit. Man merkt, dass der Film ein persönliches Anliegen ist: Nina Companeez verfilmte zum großen Teil die Geschichte ihrer eigenen Familie, soweit sie ihr nachvollziehbar und überliefert war. Moskau 1903: Die ältesten Töchter der Familie Schneider, Fania (Natacha Régnier) und Tatiana (Grinberg) stürzen sich voller Erwartungen auf ihre Zukunft. Eine Zukunft, in der beide ihren charakterlich vorgezeichneten Weg gehen: Die romantische Fania kann sich der aufdringlichen Leidenschaft des antisemitischen Kosaken-Offiziers Wassiliev nicht entziehen und erlebt eine Ehe-Hölle. Die geistreiche Tatiana hingegen setzt sich für Gerechtigkeit und den demokratischen Fortschritt Russlands ein, glaubt in jungen Jahren an die sozialistischen Ideale und lernt in konspirativen Kreisen Itzhak (Grégory Fitoussi) kennen, in den sie sich unsterblich verliebt. Heiraten wird sie zum Wohle der Familie einen anderen: den reichen jüdischen Industriellensohn Leonid Stern (Sava Lolov), einen Charismatiker, für den sie erst viel später auch ihre Leidenschaft entdeckt. Anhand des Paares Tatiana und Leonid macht Nina Companeez die Epochen erlebbar - unheilvolle und schöne Zeiten durchlebt diese bemerkenswert aufrechte Ehe. Erst der Erste Weltkrieg, dann die bolschewistische Revolution mit dem Ende der Monarchie. Die Bourgeoisie wird verfolgt, ausgeplündert und vertrieben; Tatiana und Leonid müssen mit den Töchtern Sofia und Natalia nach Berlin fliehen. Dort fließt der Champagner in Strömen, während die Eltern hart arbeiten, erleben die flügge werdenden Mädchen ein Leben voller Vergnügungen. Aber auch diese Episode ist nur von kurzer Dauer. Berlin erlebt Inflation und Börsencrash 1929, dann den Nationalsozialismus. Judenverfolgung und Zweiter Weltkrieg drohen das Leben der russisch-jüdischen Familie Stern-Schneider endgültig zu zermahlen, doch es geht weiter. In Paris, der neuen Heimat, und dann, während der Besatzung durch die Nazis, im Süden Frankreichs und in alle Winde verstreut ... "Der Sturm zieht auf" spielt gekonnt auf der Klaviatur der Gefühle, der Zuschauer hat aber auch einige über-melodramatische Momente und mitunter sperrig hölzerne Dialoge zu verkraften. Liebe und Zusammenhalt, aber auch Verlust, Intrige, Tod und Trauer sind der emotionale roten Faden dieser wahren Geschichte vor historischem Hintergrund, die uns vor allem zweierlei mit Nachdruck gewahr werden lässt: Die Vergänglichkeit des Lebens, und wie gut es sich in diesem friedlichen Europa lebt. Nina Companeez über ihr durchaus bewegendes Werk: "Ich widme den Film meinen beiden Enkelkindern, die man am Anfang des ersten Teils sieht. Sie sollen wissen, woher sie kommen und wie man als Franzose in einer Zeit geboren wird, in der die Franzosen zugeben müssen, dass sie von überall herkommen." Frank Rauscher |
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