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Dieter Wedel

Kommen Anwälte ins Spiel, bricht der Krieg los

Regisseur Dieter Wedel

(tsch) Der neue Dieter Wedel-Film erzählt eine Liebes- und Trennungsgeschichte in zwei Akten à 90 Minuten. "Papa und Mama" (am Montag, 2., und Mittwoch, 4. Januar, 20.15 Uhr) ist jedoch mehr als ein glanzpoliertes Herzschmerz-Drama zur besten ZDF-Sendezeit. Im Interview spricht Wedel über die fatale Logik des Scheidungsrechts, über gierige Anwälte und die Sprachlosigkeit in Liebesbeziehungen.

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teleschau: Herr Wedel, obwohl "Papa und Mama" die Geschichte einer Trennung erzählt, ist es am Ende doch ein Film über die Liebe. Teilen Sie diese Einschätzung?

Dieter Wedel: Es ist ein Film über die Achterbahn der Gefühle. Einerseits natürlich eine ernste Geschichte, die vom Zerbrechen der Liebe erzählt. Von Paaren, die sich trennen. Ich habe aber versucht, immer wieder Szenen hineinzumanövrieren, über die man auch mal lachen kann. Weil ich glaube, dass sich das Dunkle noch dunkler tönt, wenn es zwischendurch mal hell wird.

teleschau: Wie ist die Idee zu diesem Film entstanden?

Wedel: Bei einem Gespräch mit Hans Janke vom ZDF (stellvertretender Programmdirektor, Anm. d. Red.), der mich fragte, ob ich mir vorstellen kann, mal so etwas wie einen Scheidungsfilm zu machen. Was ja eigentlich gar nicht zu meinen Themen passt. Er sagte zu mir: "Sie fingen mal an mit der Beschreibung von Normalbürgern. Und erst ab 'Bellheim' waren es dann immer die Königsdramen. Die Vorstände von Kaufhauskonzernen, die Paten der organisierten Kriminalität, die Könige von St. Pauli oder die Politiker." Danach ist mir erst aufgefallen, dass es im Bekanntenkreis kaum ein Paar gibt, das nicht in Scheidung lebt, die Scheidung gerade hinter sich hat oder eine Scheidung angekündigt hat.

teleschau: Was hat Sie an dem Thema Trennung besonders interessiert?

Wedel: Besonders betroffen machte mich, wie sehr die Kinder in Mitleidenschaft gezogen werden. Die Scheidung der Eltern ist eine Beschädigung, die sehr lange anhält. 30- und 40-Jährige, deren Eltern sich vor 20 oder 25 Jahren getrennt hatten, erzählten mir, dass sie immer noch unter Beziehungsängsten leiden. Die Trennung der Eltern ist ein Schock. Egal, wie alt man ist. Man hält diese Menschen ja für unfehlbar. Jeder empfindet die Trennung der Eltern als eine Art Vertreibung aus dem Paradies.

teleschau: Sie haben lange nach den Hauptdarstellern gesucht und fanden schließlich Fritz Karl und Silke Bodenbender. Die so genannte "Wedelfamilie", Schauspieler, mit denen Sie sonst sehr gerne arbeiten, taucht höchstens in Nebenrollen auf ...

Wedel: Das hat natürlich mit dem Stoff zu tun. Ich bin anscheinend der einzige Regisseur der Welt, dem ein Ensemble vorgeworfen wird. Es gibt keinen ernsthaften Regisseur, der nicht versucht, eine solche Familie zu finden, mit der man ja mehr riskieren kann. Es ist aber ein großer Vorteil, dass ich hier einige Nebenrollen mit wirklich großen Schauspielern besetzen konnte. Ich wollte einmal das düsterste Ende einer Beziehung zeigen, nämlich den Gattenmord. Ich hoffte, dass dem Zuschauer diese kleine Szene am Anfang in Erinnerung bleibt. Und da ist die Besetzung mit Heinz Hoenig ideal. Welcher Schauspieler ist schon in der Lage, den Umriss einer ganzen Figur in einem einzigen Satz zu zeigen?

teleschau: Warum hätte der Stoff unter allzu bekannten Gesichtern gelitten?

Wedel: Ich hätte es falsch gefunden, wenn Schauspieler, deren eigene Beziehungskiste schon in den Boulevardmedien abgedruckt stand, hier noch einmal eine Beziehungskiste vorgespielt hätten.

teleschau: Was hat Ihnen an Fritz Karl und Silke Bodenbender gefallen?

Wedel: Ich brauchte einen starken Typen, der die Mittelpunktsfigur spielt, den kompetenten, glaubwürdigen und tüchtigen Anwalt. Strotzend vor Eitelkeit und Selbstgefälligkeit. Der aber auch dauernd überfordert ist, weil er natürlich sehr viel zu tun hat. Der dann in ein entsetzliches Loch stürzt, als plötzlich seine Familie verschwunden ist, sich aufgelöst hat. Ich will Menschen zuschauen, die mich interessieren. Die müssen nicht immer schön sein, aber interessant müssen sie sein.

teleschau: Es heißt, dass Ihnen die Besetzung der weiblichen Hauptrolle besonders schwer fiel ...

Wedel: Ja, da suchte ich sehr lange. Talent und Attraktivität, beides zusammen, findet man nicht so häufig. Und manchmal erkennt man es auch nicht, weil die Menschen ohne Kamera anders wirken als wenn man sie plötzlich vor die Kamera setzt. Silke Bodenbender, eine Theaterschauspielerin, hatte ich gar nicht zum Casting bestellt. Die ist einfach mitgekommen, weil ein Schauspieler, der die Rolle nicht bekommen hat, vorgesprochen hatte und eine Partnerin brauchte. Sie kam eigentlich nicht in Frage, weil sie zu jung war. Sie ist etwa 30 und kann ja da noch keine 14-jährige Tochter haben. Als ich die Probeaufnahmen sah, dachte ich: "Das ist aber spannend, die sieht ja viel älter aus." Wir trafen uns noch einmal, und dann habe ich ihr die Rolle angeboten. Sie war vollkommen überrascht.

teleschau: Ist es schwierig, neue Gesichter für eine Hauptrolle beim Sender durchzusetzen?

Wedel: Beim Sender entstehen da in der Tat schnell Irritationen. Aber ich habe das Privileg, dass man mir glaubt und meine Wahl akzeptiert. Ich erinnere mich noch an die Verwunderung beim ZDF, als ich bei dem Großunternehmen "Bellheim" plötzlich einen völlig unbekannten Darsteller präsentierte, nämlich Heinz Hoenig. Beim "Schattenmann" war Hoenig schon absolut akzeptiert. Da wunderte man sich dann, dass ich für die absolute Titelrolle den völlig unbekannten Bühnenschauspieler Stefan Kurt engagierte. Bei der "Affäre Semmeling" kamen Einwände gegen Heike Makatsch. Man sagte mir: "Die ist doch so ein Girlie und falsch besetzt." Ich bin sicher, dass der eine oder andere Schauspieler aus "Papa und Mama" seinen Weg machen wird. Ich habe überhaupt keinen Zweifel bei Fritz Karl, Silke Bodenbender oder bei Maximilian Brückner, den ich auch für einen wunderbaren Schauspieler halte. Es ist ja ein Glück, wenn man die Karriere von so jemandem ein bisschen befördern kann.

teleschau: Brauchen wir mehr neue Gesichter im deutschen Fernsehen?

Wedel: Ich meine, eine personelle Verengung im Fernsehen zu beobachten. Man hat den Eindruck, das fiktionale Programm besteht nur noch aus 20 oder 25 Schauspielern. Man sieht denselben Schauspieler manchmal an einem Abend auf zwei oder drei Kanälen. Egal, wie gut ein Schauspieler ist, das bekommt ihm nicht.

teleschau: Der Film spielt in einer noblen Kanzlei für Scheidungsrecht. Der Staranwalt wird schließlich selbst verlassen und fällt tief - auch finanziell. Halten Sie das Scheidungsrecht für ungerecht?

Wedel: Es gab eine Scheidungsrechtsreform 1977, davor waren eindeutig die Frauen benachteiligt. Danach waren es die Männer, was nicht zu mehr Gerechtigkeit führte. Das ist inzwischen etwas abgefedert worden. Heute ist der Besserverdienende - wenn Kinder da sind - häufig jeder Erpressung ausgeliefert. Dieses Druckmittel wird oft genutzt. Es kann natürlich auch so sein, dass der Besserverdienende die Frau ist. Es gibt in keinem Lebensbereich eine Garantie, dass Sie ihren Lebensstandard halten können: Wenn Sie Ihren Job verlieren, wenn Sie krank werden, wenn Sie in Pension gehen, dann versucht die Gesellschaft, das abzufedern. Aber sie gibt Ihnen doch nicht die Garantie, dass sie Ihren Lebensstandard halten. Lediglich bei der Scheidung gibt es das. Das verletzt das Gleichheitsgebot: Wer weniger verdient, hat eine Besitzstandsgarantie.

teleschau: Das Scheidungsrecht ist aber nicht der Hauptschuldige am Unglück der Menschen ...

Wedel: Wenn sich zwei Menschen scheiden lassen, ist auch selten ein anderer Partner der Grund. Fast immer wird über mangelnde Kommunikation, über Sprachlosigkeit berichtet. Da könnte man natürlich darüber nachdenken, ob das nicht ein gesellschaftliches Problem ist. Die Unfähigkeit, Probleme zu artikulieren und auszusprechen, ist ein häufiger Trennungsgrund. Der, der geht, hat immer ein schlechtes Gewissen. Da ist es normal, dass man Argumente für das eigene Verhalten und gegen den anderen sucht. Kommen dann Anwälte ins Spiel, bricht der Krieg los.

teleschau: Wollten Sie sich mit der Kaste der Scheidungsanwälte anlegen?

Wedel: Es gibt gute und schlechte Anwälte. Wir alle müssen ökonomische Rücksichten üben. Sogar im Krankenhaus ist das schon so. Ich kann es verstehen, wenn ein Anwalt sagt: "Versöhnen die sich, dann verdiene ich nur eine kleine Gebühr. Wenn der Krieg ein bisschen weitergeht, verdiene ich erheblich mehr." Man sieht im Film, es geht um eine große Kanzlei. Da laufen viele Menschen herum, es müssen Arbeitsplätze finanziert werden.

teleschau: Die Sprachlosigkeit des getrennten Paares endet vor Gericht. Erst dort wird wieder geredet, dann aber kriegerisch ...

Wedel: Es wird eigentlich nicht geredet, es wird über Anwälte kommuniziert. Die Sprachlosigkeit vorher ist ein gesellschaftliches Problem. Und sie ist in der Zweierbeziehung besonders gravierend. Ich habe während des Projektes an mir festgestellt, dass ich abends, wenn ich vom Drehen kam, auch zu Hause nicht mehr erzählen wollte, was an dem Drehtag passiert ist. Ich hatte mich dann genug geärgert, ich wollte das nicht noch einmal erzählen. Nach meinen Recherchen begann ich jedoch, abends von meinen Problemen am Set zu berichten. Obwohl ich am liebsten gar nichts mehr erzählt hätte. Aber ich bekam ja mit, wohin Sprachlosigkeit - auch aus Erschöpfung heraus - führt. Deshalb bin ich der Meinung: Lieber mal eine Blödsendung im Fernsehen weniger sehen und stattdessen mit dem Partner ein Gespräch führen! - Das gilt natürlich nicht für meinen Film.

Eric Leimann


Dieter Wedel drehte "einen Film über die Achterbahn der Gefühle".
Dieter Wedel drehte "einen Film über die Achterbahn der Gefühle". (ZDF / Stefan Menne)

"Papa und Mama" heißt der neue TV-Zweiteiler von Dieter Wedel.
"Papa und Mama" heißt der neue TV-Zweiteiler von Dieter Wedel. (ZDF)

Erzählt in seinem neuen Film von Liebe und Trennung: Dieter Wedel.
Erzählt in seinem neuen Film von Liebe und Trennung: Dieter Wedel. (Archiv / ZDF)

Datum: 21.12.2005

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