Cineastentreff Kino Film Filmstarts - Neu im Kino Kino Film "Ich habe sie geliebt" fragt, ob es ein Leben nach der Liebe gibt
"Ich habe sie geliebt" fragt, ob es ein Leben nach der Liebe gibt

Ich habe sie geliebt

(cg/tsch) Manche suchen sie ewig: die ganz groβe Liebe. Doch was, wenn man sie findet und sie dann aufgibt? Ist man dann imstande, jemals wieder glücklich zu werden? Kann man sich an diesen Verlust gewöhnen und so tun, als wäre nichts passiert? Diese Fragen stellte schon Sergio Castellitto in seinem Meisterwerk „Geh nicht fort“ (2004). Und nun stellt sie die französische Regisseurin Zabou Breitman in „Ich habe sie geliebt“. Es ist eigentlich eine triviale Geschichte, die im Liebesfilm erzählt wird. Doch die Filmemacherin scheut sich nicht vor groβen Gesten und setzt sie sehr emotional und wirkungsvoll um. Und so sitzt Daniel Auteuil („Dialoge mit meinem Gärtner“) als alter Mann in seinem Sessel und rekapituliert jenen Teil seines Lebens, der ihm am meisten bedeutet und den er trotzdem freiwillig hinter sich gelassen hat.

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Manchmal gibt es sie noch, diese magischen Kinomomente. Der erste Auftritt von Marie-Josée Croze gehört dazu. Als französische Dolmetscherin in Hongkong braucht sie nur wenige Augenblicke, um Geschäftsmann Daniel (Daniel Auteuil) den Kopf zu verdrehen. Ganz leise, ohne große Gesten. Dort oben, in einem Wolkenkratzerbüro, treffen sich schlicht zwei Menschen, die aufeinander gewartet haben.

Aus diesem ersten Treffen entwickelt sich eine dieser großartigen Liebesgeschichten, wie sie im Kino nur noch selten erzählt werden. Dabei beginnt "Ich habe sie geliebt" mit dem Ende einer Liebe. Chloé (Florence Loiret-Caille) wurde von ihrem Mann für eine Jüngere verlassen, ihr Schwiegervater Daniel nimmt sie und die Kinder zur Ablenkung mit in die Berge. Intim, aber nicht voyeuristisch beobachtet Breitman das Leiden der Frau und die Hilflosigkeit des Mannes, dessen Sohn dafür verantwortlich ist. Es ist beklemmend zu sehen, wie der Tod der Gefühle einen Menschen hinrichten kann. Davon kann wohl jeder seine eigene Geschichte erzählen, auch Daniel.

Langsam und geschickt verschiebt Breitman die Perspektive: Daniel wird vom Beobachter zum Akteur, erinnert sich an den 8. Juni 1990, den Tag, an dem er Mathilde (Croze), die Liebe seines Lebens kennenlernte. Zu diesem Zeitpunkt war Daniel bereits verheiratet, hatte Kinder, eine Firma, ein Ferienhaus. Im Leben angekommen, heißt das wohl. Aber Daniel ist nicht angekommen. Nicht ohne Mathilde. Aus der Begegnung wird eine Affäre, die mit stiller Leidenschaft zu einer kraftvollen, ehrlichen Liebe gedeiht - in den Hotelzimmern auf der ganzen Welt, in denen sich das Paar heimlich trifft.

Und doch, die selbstgemachte, die ganz normale Tragik des Lebens ist erbarmungslos. Feigheit, Bequemlichkeit, Angst - am Ende fehlt Daniel der Mut, sich seiner Liebe hinzugeben. Rein in der Form, seziert Breitman mit wunderbaren Reminiszenzen an Wong Kar-wai die ganz großen Gefühle. Ohne Pathos, mit intimer Finesse und brutaler Ehrlichkeit. Stärke und Verletzlichkeit schließen sich nicht aus, wo Glück ist, ist auch Leid.

Und so gehört Daniels Ehefrau Suzanne (Christiane Millet) die stärkste Szene des Films. In einer Pizzeria fleht sie ihren Mann an, sie nicht zu verlassen. Wohl wissend, dass sie ihn bereits verloren hat. Aber man kann, man muss doch trotzdem zusammenbleiben. "Ich bin nichts ohne Dich", konstatiert sie. Das ist keine Liebeserklärung, sondern die schmerzhafte Selbsterkenntnis einer gebrochenen Frau.

Daniel wird sich nicht trauen, seine Frau für Mathilde, die sich als Entschlossenste von allen entpuppt, zu verlassen. Und so werden sie alle zu Verlierern. Ein Happy End ist im Leben nicht zwingend vorgesehen. Was zum Schluss übrig bleibt, sind gebrochene Herzen und die Erinnerung an die eigene Mutlosigkeit. Aber auch die Gewissheit, einmal im Leben geliebt zu haben. Das mag, gar nicht mal zu Unrecht, als leicht, seicht und banal bezeichnet werden. Aber "Ich habe sie geliebt" ist eben auch betörend-schön, weil die Regisseurin und die beiden fantastischen Hauptdarsteller Auteuil und Croze den Mut haben, sich emotional zu offenbaren - ohne Scheu vor großen Gesten.

Andreas Fischer

Credits:
V:Concorde, F 2009, R: Zabou Breitman, D: Daniel Auteuil, Marie-Josée Croze, Florence Loiret-Caille u.a.

Laufzeit: 115 Min.

Kinostart:
30. Juli 2009


"Ich habe sie geliebt" erzählt, wie eine große Liebe durch Mutlosigkeit zerstört wird.
"Ich habe sie geliebt" erzählt, wie eine große Liebe durch Mutlosigkeit zerstört wird. (Concorde)

Dolmetscherin Mathilde (Marie-Josée Croze) ist die große Liebe im Leben Daniels.
Dolmetscherin Mathilde (Marie-Josée Croze) ist die große Liebe im Leben Daniels. (Concorde)

Der biedere Anzugträger Daniel (Daniel Auteuil) wird für kurze Zeit zum feurigen Lebemann.
Der biedere Anzugträger Daniel (Daniel Auteuil) wird für kurze Zeit zum feurigen Lebemann. (Concorde)

Datum: 25.07.2009

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