Bis in die Nebenrollen starbesetzt: "Bobby"
Bobby - Der letzte Tag des Robert F. KennedyWas für eine Darstellerriege! Was für ein Thema! Was für ein - scheinbar - profaner Film! Schauspieler Emilio Estevez wagte nach einigen kleineren Regie-Versuchen in den 90-ern und TV-Projekten in den vergangenen Jahren 2006 den Schritt zum ernsthaften Filmemacher. "Bobby" heißt sein Charakterepos, das allein schon durch sein zeitgeschichtliches Thema wichtig ist. Nun zeigt die ARD den Film zu später Stunde als Free-TV-Premiere. Anzeige Mit einer Armada aus hochkarätigen Schauspielern verfilmte Estevez das Attentat auf eine Ikone der Demokraten Amerikas, auf den Senator und Präsidentschaftskandidaten Robert F. Kennedy, jüngerer Bruder des ebenfalls ermordeten Präsidenten John F. Kennedy. Harry Belafonte, Laurence Fishburne, Anthony Hopkins, Helen Hunt, Sharon Stone, Demi Moore, William H. Macy, Christian Slater, Elijah Wood und Martin Sheen sind nur einige derer, die in dem fraglos ambitionierten, aber letztlich doch wenig aussagekräftigen Portrait einer Nation zwischen Hoffnung und Resignation zu sehen sind. Robert F. Kennedy wurde am 6. Juni 1968 vor dem Hotel Ambassador in Los Angeles nach einer Wahlkampfveranstaltung erschossen. Das ist historischer Fakt. Der Film folgt nicht, wie zu vermuten wäre, der Vorbereitung, dem Hergang und dem Nachspiel der Tat, sondern zeichnet das Portrait von 22 Menschen, die aus ganz unterschiedlichen Beweggründen an jenem Abend am Tatort waren. Die Erzählung befindet sich vom Anfang bis zum schockierenden, aber unausweichlichen Ende in einer Art schwelgendem Schwebezustand: Bobby stirbt, der Hoffnungsträger der Friedensbewegung, der Mann, der den Vietnamkrieg verurteilte, der für Freiheit, Liberalität und Toleranz stand; ein Mann ohne Makel, ein Kennedy eben. Im Hotel treiben sich Menschen mit den unterschiedlichsten Hintergründen herum: Ein rassistischer Küchenchef zum Beispiel (Christian Slater), der es seinem größtenteils hispanischen Personal verweigert, wählen zu gehen. Oder das junge Paar (Elijah Wood und Lindsay Lohan), das ob des drohenden Einberufungsbefehls heiraten möchte, um dem Vietnamkrieg zu entgehen. Oder die alkoholsüchtige Chansonette (Demi Moore), die ihren treu sorgenden Mann nur noch anzugiften fähig ist und auf der Bühne nach Glückseligkeit sucht. Nicht zu vergessen der greise Hotelpage (Anthony Hopkins), der mit seinem guten alten Freund (Harry Belafonte) in der Lobby sitzt, Schach spielt und in Erinnerungen schwelgt, bevor er schließlich seinen ganz persönlichen Moment mit dem Mann hat, auf den alle warten. Estevez inszeniert diesen Moment wie den Auftritt eines Erlösers: Wenn Robert Kennedy das Hotel betritt, nie ist übrigens sein Gesicht zu sehen, außer in Originalaufnahmen, lässt der Soundtrack in Vorahnung der bald drohenden Untat den Atem stocken - vor Wut, vor Trauer. Das verfehlt seine Wirkung nicht, doch bleibt es bei einem bloßen Gefühl. Die zuvor knapp zweistündige Schilderung des Treibens im und rund ums Hotel bleibt Makulatur, Kulisse, Beiwerk einer Katastrophe, die, so die offenkundige These, eine ähnlich verheerende Wirkung hatte wie das JFK-Attentat: Amerikas Hoffnung auf ein friedliches Leben wurde zerstört. So kann man es schließlich kaum erwarten, dass der Abspann beginnt, um flugs ins Internet zu gehen, um mehr über den Mord zu erfahren - über all das, was der Film ausgelassen hat ... Jan Treber |
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