(tsch) Es ist gefährlich, den Zuschauer gezielt verwirren zu wollen. Spätestens seit M. Night Shyamalans "The Sixth Sense" liegen Filme im Trend, die sich am Ende selbst auf den Kopf stellen. Nicht immer funktioniert dieser Kunstgriff, Shyamalan selbst musste diese Erfahrung bei "Unbreakable" machen. Im Jahr 2001 legte Cameron Crowe mit "Vanilla Sky" ein Stück Star-Kino vor, das hundertprozentige Aufmerksamkeit des Betrachters fordert. ProSieben wiederholt nun diese in vielerlei Hinsicht außergewöhnliche Produktion.
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Im Mittelpunkt der Ereignisse, die rund eine Stunde lang in konventionellen Bahnen bleiben, steht David Aames (Tom Cruise), ein junger, selbstbewusster, erfolgreicher Typ, der sich sein Liebesleben praktisch zurechtgelegt hat. Er hat eine lose Liaison mit Julie (Cameron Diaz), die sich vor allem aufs Schlafzimmer beschränkt. Liebe ist es nicht.
Bei einer Party lernt er Sofia (Penélope Cruz) kennen. Dass diese Frau in Davids Leben fortan eine besondere Rolle spielen wird, erklärt Cameron Crowe mit dem Holzhammer. Ein paar kitschige Blicke, verfängliche Worte - die werden ein Paar, das weiß der Zuschauer. "Vanilla Sky" will ein intelligentes Verwirrstück sein, und so wäre auch hier etwa mehr Subtilität wünschenswert gewesen.
Nach einer Liebesnacht mit Sofia wird David am nächsten Morgen von Julie im Wagen vor der Tür erwartet. Er lässt sich zum Einsteigen überreden, und es beginnt eine Auseinandersetzung. Julie steigt wütend aufs Gas und lenkt das Fahrzeug über ein Brückengeländer in die Tiefe. Ab hier ist es vorbei mit der klaren, verständlichen Geschichte.
Sicher scheint nur zu sein, dass Julie bei dem Unfall wohl ums Leben kam. David wiederum wurde verletzt, sein Gesicht ist entstellt. Im Gespräch mit dem Psychiater McCabe (Kurt Russell) kramt er in seiner eigenen Vergangenheit und Gegenwart. Was ist wirklich geschehen? Es geht um "seine Reise zur Selbsterkenntnis", erklärt Cruise selbst. Dabei wird klar, dass Realität und Traum verschwommen sind. Immer wieder berichtet David dem Seelendoktor seine Erlebnisse, ein Mord kommt ins Spiel, merkwürdige Erinnerungen, die nicht wahr sein können. Es ist nicht immer einfach, dem Geschilderten zu folgen und es als sinnvollen Stein in das große Mosaik einzuordnen. Schließlich bietet "Vanilla Sky" eine Lösung, die sich vorher unmöglich hätte erahnen lassen, bewegt sich das Drehbuch doch am Ende in Science-Fiction-Sphären.
Der spanische Thriller "Abre Los Ojos" (1997), in dem Penélope Cruz übrigens die gleiche Rolle spielte wie in der Neuverfilmung, bot die Grundlage für "Vanilla Sky". Kaum jemand dürfte das Original gesehen haben, sodass die Drehungen und Wendungen des neuen, aber der Vorlage treuen Drehbuchs von Cameron Crowe den Zuschauer garantiert überraschen werden. Der Regisseur und Autor packt die Story jedoch in ein glitzerndes, sauberes Amerika der Schönen und Reichen und verstellt so den problemlosen Zugang zu seinen Charakteren. Cruise ist als David Aames der einzige Halt in diesem Psycho-Chaos, das sich erst beim zweiten oder dritten Mal vollends erklären dürfte.
Die eigentliche Stärke von "Vanilla Sky" ist seine Fähigkeit, den Zuschauer neugierig zu machen. So unsinnig der Film am Ende erscheinen mag, so faszinierend ist er inszeniert. Ohne Längen jagen sich die Ereignisse durch mehr als 130 Minuten, die - unterstützt von der glänzenden, ästhetischen Kameraarbeit John Tolls - zu fesseln verstehen.
Kai-Oliver Derks
David (Tom Cruise) wandelt in Cameron Crowes Mixtur aus Mystery-Thriller und Drama auf den schmalen Pfaden zwischen Traum und Realität. (ProSieben / Paramount Pictures / Neal Preston)
Eine Weile lang auch im wahren Leben ein Paar: Tom Cruise und Penélope Cruz in "Vanilla Sky". (ProSieben / Paramount Pictures / Neal Preston)
David (Tom Cruise) hatte eine Affäre mit Julie Gianni (Cameron Diaz), die bei einem spektakulären Autounfall endet. (ProSieben / Paramount Pictures / Neal Preston)
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