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Quentin Tarantino nach "Inglourious Basterds"

Liebes Deutschland, böse Vergangenheit

Regisseur Quentin Tarantino

Er ist 46 Jahre alt und hat dem US-Kino bereits seinen unverkennbaren Stempel aufgedrückt. Seit Quentin Tarantino 29-jährig mit seinem düsteren Gangsterfilm "Reservoir Dogs" einen Achtungserfolg erzielte und zwei Jahre später "Pulp Fiction" nachlegte, hat sich eine Fangemeinde an seine Fersen geheftet, die ihm bis heute die Treue hält. Jedes seiner Folgewerke feierte Kritiker- und Publikumserfolge: "Jackie Brown" (1997), dann nach langer Pause die furiose Rache-Orgie "Kill Bill" in zwei Teilen (2003/2004) und schließlich das klassische Action-Stück "Death Proof" (2007). Mit "Inglourious Basterds" (Kinostart: 20.08.) widmet er sich nun auf gewohnt eigentümliche Weise dem Genre des Kriegsfilms. In seiner Satire lässt er ein jüdisches Spezialkommando der US-Armee im von Deutschland besetzten Frankreich Nazis töten und skalpieren. Im Interview erklärt Tarantino, warum er fast sämtliche Rollen mit deutschen Darstellern besetzte und weshalb er nach Drehschluss plötzlich sang- und klanglos alle Zelte abbrach und niemandem Lebewohl sagte.

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teleschau: Mr. Tarantino, Sie lebten während der Dreharbeiten zu "Inglorious Basterds" für einige Monate in Berlin. Wie hat es Ihnen als Südstaatler hierzulande gefallen?

Quentin Tarantino: Ich war gerne hier und habe die Stadt ins Herz geschlossen. Wenn ich mir eine Stadt auswähle, in der ich einen Film drehen möchte, dann achte ich schon darauf, dass es ein Ort ist, den ich unter normalen Umständen nicht genauer kennenlernen würde, geschweige denn dort leben würde. Das Jahr 2008 wurde mein Jahr in Deutschland. Und glauben Sie mir: Ich habe es nicht bereut. Ich habe sogar etwas Deutsch gelernt.

teleschau: Nämlich?

Tarantino: "Das ist verdammter Mist!"

teleschau: Eine typische Regieanweisung ...

Tarantino: Das stimmt: Der Spruch erwies sich als äußerst praktisch (lacht).

teleschau: Das lag doch aber nicht an den vielen hiesigen Schauspielern, die Sie besetzt haben!

Tarantino: Oh, nein! Deutschland sollte sich der Qualität seiner Schauspieler bewusst sein, vor allem die männlichen. Deutschland muss sich dahingehend nicht hinter großen Schauspielnationen wie England oder Australien verstecken: Ihr könnt da locker mithalten.

teleschau: Die Hauptrolle spielt dennoch Brad Pitt: Was bewog Sie dazu, ihn als Anführer der "Inglorious Basterds" auszuwählen?

Tarantino: Ich habe mir von der ersten Idee des Films an niemand anderes für die Rolle des Lieutenant Aldo Raines vorstellen können als ihn. Üblicherweise kann eine Rolle immer unterschiedlich besetzt werden: Entweder man wählt Warren Beatty oder David Carradine - jeder Schauspieler drückt seiner Figur einen unverkennbaren Stempel auf, und ein völlig neuer Film entsteht. Aber in Bezug auf Aldo gab es keine Alternative zu Brad. Ich ging dabei ein großes Risiko ein, denn wie wäre es wohl für den Film ausgegangen, wenn er nicht zugesagt hätte? Solch eine Frage muss man sich schon stellen, wenn es um den wichtigsten Filmstar dieser Tage geht.

teleschau: Halten Sie das Brimborium um seinen Starstatus für gerechtfertigt?

Tarantino: Es gibt keine bessere Zeit als jetzt, mit Brad Pitt zu arbeiten. Er befindet sich auf dem absoluten Höhepunkt seines Starruhms. Sein Image als hübscher Junge ist verschwunden. Er ist nun der attraktive Mann, der alt genug und erfahren ist, um das klassische Filmstarimage wieder aufleben zu lassen. Er hat nun die Statur, um das Dreckige Dutzend anzuführen. Vor zehn oder zwölf Jahren hätte es dafür noch nicht gereicht.

teleschau: Was bewegte Sie letztlich dazu, bis auf wenige Ausnahmen fast alle Rollen in "Inglorious Basterds" mit deutschen Schauspielern zu besetzen?

Tarantino: Abgesehen davon, dass ich den Film in Deutschland gedreht habe, brauchte ich einheimische Darsteller, weil die Mehrheit der Rollen deutsche Charaktere sind. Mir war es wichtig, auch im Detail deutsche Schauspieler zu finden, auch wenn es nur um Rollen wie Hermann Nummer 3 geht, der kurz am Ende auftaucht und von Michael Kranz gespielt wird. Oder nehmen sie die große Film-Party kurz vor dem Showdown, bei der im Hintergrund ständig Gesprächsfetzen in Deutsch zu hören sind - natürlich auch in der Originalfassung des Films! Erst dadurch wird die Szenerie glaubhaft. Es war von Anfang an eine künstlerische Entscheidung, nur deutsche Darsteller zu beschäftigen. Sonst hätten wir ja auch gleich in den Studios von Culver City in Kalifornien drehen können und nicht in den altehrwürdigen Ufa-Studios in Potsdam-Babelsberg.

teleschau: Inwiefern hat sie der Drehort inspiriert? Schließlich entstanden dort Meisterwerke der Filmgeschichte wie "Metropolis" von Fritz Lang oder "Der blaue Engel" mit Marlene Dietrich.

Tarantino: Für einen Filmexperten und Filmwissenschaftler wie mich war allein der Gedanke daran schon eine Inspiration. Ich halte das deutsche Filmschaffen der 20er-Jahre für einen der absoluten künstlerischen Höhepunkte des Weltkinos überhaupt. Wirklich vor Ort zu sein in denselben Studios, auf derselben Bühne zu drehen, auf der Josef von Sternberg Marlene Dietrich aufgenommen hatte. Zu wissen, dass Georg Wilhelm Pabst in denselben Gassen wandelte und in denselben Hallen drehte, ist einfach unglaublich.

teleschau: Wie viel Nachbearbeitung war für den Film notwendig?

Tarantino: Wir haben uns nach der Weltpremiere beim Filmfestival in Cannes noch einmal an den Schnittplatz gesetzt, weil wir hier und da noch ein wenig Verbesserungspotenzial entdeckt hatten. Der Zeitplan war so eng gesteckt, dass wir den letzten Überarbeitungsprozess vor Cannes nicht mehr geschafft haben. Während der Vorführung mit Publikum habe ich dann gemerkt, dass mancher Moment noch stärker zur Geltung kommen müsste, manch anderer aber von vornherein schon zu lang ausgearbeitet war - und dass an einer bestimmten Stelle gelacht wurde, was mich irritierte. Nach zwei Tagen sanften Handanlegens und Drüberbügelns waren wir fertig.

teleschau: Wer Ihre Filme kennt, wird sich auch dieses Mal über die Zusammenstellung der Filmmusik wundern. David Bowie singt "Putting Out the Fire" ...

Tarantino: Ich habe den Song das erste Mal in dem Film "Katzenmenschen" von Paul Schrader gehört, war aber so enttäuscht, dass Schrader Bowies Meisterstück in den Abspann verbannt hat, dass ich ihn einfach einmal prominenter unterbringen wollte. Ich wähle grundsätzlich bereits existierende Songs oder Kompositionen für meine Filme aus, weil ich es nicht mag, jemanden anzuheuern, um für eine Szene oder Figur ein Lied zu schreiben. Es ist viel reizvoller, Songs auszuwählen, die schon einmal in andere Kontexte eingebunden waren. Sie haben eine Second-Hand-Qualität und überraschen den Zuschauer, wenn sich herausstellt, dass ihr Inhalt oder ihre Stimmung vielleicht sogar viel besser zum neuen Zusammenhang passt, in den ich sie stelle. Bei mir fungieren Songs als interner Monolog.

teleschau: Auch dieses Mal verzichteten Sie bei der Produktion vollkommen auf digitale Hilfsmittel. Warum sperren Sie sich gegen die Filmtechnik der Zukunft?

Tarantino: Ich werde niemals digital drehen. Ich kann diese Technik nicht ausstehen. Alles, was dabei am Ende herauskommt, sieht furchtbar aus. Was ich gar nicht gebrauchen kann, sind hochauflösende Aufnahmen von schlechter Haut und Ohrenhaaren. Wenn irgendwann einmal der Schalter umgelegt werden sollte und Filme nur noch digital produziert werden können, werde ich anfangen, Bücher zu schreiben.

teleschau: Als Filmnarr stecken ihre eigenen Werke voller Referenzen, Querverweise, verborgener Anleihen und greller Hommagen: Denken Sie, dass auch weniger kundige Kinogänger ihren Filmen folgen können?

Tarantino: In meine Filme wird meist mehr hineingedeutet, als tatsächlich vorhanden ist. Gerade weil ich als leidenschaftlicher Filmliebhaber bekannt bin, spielen Kritiker gerne das Spiel, mir und dem Publikum beweisen zu wollen, wie viel sie selbst eigentlich über die Filmgeschichte wissen - und nehmen meine Filme als Anschauungsbeispiel.

teleschau: Ist das nicht in Ihrem Sinne?

Tarantino: Ach, ich bin genauso: Uns allen ist gemeinsam, dass wir nichts lieber machen, als unser Wissen der Welt zu präsentieren. So kommt es, dass eine meiner Filmszenen, in der eine Figur ein Glas anhebt, schon mal mit Fritz Langs "Auch Henker sterben" in Zusammenhang gebracht wird, ohne dass ich das beabsichtigt hätte. Dennoch ist es zweifellos sehr unterhaltsam, wenn das Publikum animiert wird, sich darüber Gedanken zu machen und einen Ehrgeiz entwickelt, Parallelen zu entdecken.

teleschau: Nach Abschluss der Dreharbeiten verließen sie sofort das Set, ohne sich von ihrem Team zu verabschieden. Was war geschehen?

Tarantino: Ich bin halt ein sehr emotionaler Mensch und bin überhaupt nicht geübt darin, Goodbye zu sagen. Ich wollte nicht monatelang meine Armee angeführt haben, um am Ende in Tränen auszubrechen. Vielleicht werde ich in ferner Zukunft erwachsener damit umgehen können, aber bis dahin ist es noch ein langer Weg.

Leif Kramp


Quentin Tarantino kam gemeinsam mit Tallulah Freeway zur Premiere nach Berlin.
Quentin Tarantino kam gemeinsam mit Tallulah Freeway zur Premiere nach Berlin. (2009 Universal Pictures / Sascha Radke)

Quentin Tarantino stellte seine "Inglourious Basterds" bei den Filmfestspielen in Cannes erstmals vor.
Quentin Tarantino stellte seine "Inglourious Basterds" bei den Filmfestspielen in Cannes erstmals vor. (Universal)

Selbstbewusst: Regisseur Quentin Tarantino (links) und sein Hauptdarsteller Brad Pitt.
Selbstbewusst: Regisseur Quentin Tarantino (links) und sein Hauptdarsteller Brad Pitt. (2009 Universal Pictures / Christian Schulz)

Datum: 17.08.2009

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