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Blicke unter die glatte Oberfläche der feinen Gesellschaft: “Chéri”

Chéri - Eine Komödie der Eitelkeiten

(vm/tsch) Kostümfilme müssen nicht unbedingt langatmig und ausschließlich für das weibliche Publikum bestimmt sein, das weiß man seit Stephen Frears’ Meisterwerk “Gefährliche Liebschaften” (1988). Doch die meisten Filme dieses Genres bestätigen leider das oben genannte Vorurteil. Frears’ neues Werk “Chéri” steht irgendwie dazwischen. Obwohl meilenweit entfernt von seinen spannungslosen, dafür aber oppulent ausgestatteten Genre-Geschwistern, bietet “Chéri” doch zu wenig jenes sarkastischen Untertons, der “Gefährliche Liebschaften” zu einem wahren Filmvergnügen macht. Und doch geht es um dasselbe: Lügen, Betrug und Heuchelei, Intrigen, die die Langeweile zu verdecken suchen, Liebschaften, bei denen es darum geht, unter keinen Umständen seine Schwächen zu zeigen… “Chéri” schaut eben auch unter die glatte Oberfläche jener spannenden Epoche und könnte damit auch wirklich überzeugen, würde sich der Vergleich mit “Gefährliche Liebschaften” nicht so aufdrängen.

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Die erfolgsverwöhnte Kurtisane Lea (Michelle Pfeiffer) spürt, dass ihr die Jugend entgleitet. Natürlich ist sie immer noch die Schönste in der Runde der Pariser Damen, die sich regelmäßig zum Lästern bei Madame Peloux (Kathy Bates) trifft. Wichtig ist in ihrem Beruf, sich nicht zu verlieben, immer die Kontrolle zu behalten und sich von den Männern natürlich reich beschenken zu lassen.

Lea liebt es, wenn sie ihr Bett für sich hat, was in letzter Zeit öfter der Fall ist, und verfügt über ein beeindruckendes Selbstbewusstsein. Den arroganten Fred, Spitzname: Chéri (Rupert Friend), nimmt sie sich gerne zur Brust, um ihn zum Mann zu machen, ihn in die Welt zu stellen. Ein Gefallen für ihre Freundin, Madame Peloux, seine Mutter.

Schließlich kennt Lea Fred, seit er ein Kind ist - und doch wird es schwierig, die Theorie in die Praxis umzusetzen. Kaum hat die Schulung begonnen, verlieben sich die beiden, leben sechs leidenschaftliche Jahre miteinander, bevor sie sich abwechselnd Lehrer und Demütiger sein werden.

Stephen Frears, der mit Michelle Pfeiffer bereits bei "Gefährliche Liebschaften" zusammenarbeitete, inszeniert eine Mischung, die man als sarkastischen Softporno bezeichnen kann, sehr opulent ausgestattet übrigens. Ein wenig leidet die Verfilmung des Colette-Romans unter der Vielzahl an Jahren und dementsprechend viel Inhalt.

Weniger geht es darum, die außergewöhnliche Liebe zu bebildern, sondern um den Kummer danach, den Ärger, wenn man Gefühle zuließ. Wenn das, was eben nur eine Weile dauern kann, zu Ende geht. Eiligst tippelt zunächst die Musik, begleitet aufgeregt die schlagfertigen Herrschaften, die süffisant lächelnd schlimmste Beleidigungen wundervoll verpacken. Später nach der Trennung agiert das Paar gönnerhaft, verweigert sich einander, nie vergessen beide die Etikette und Gehässigkeit. Die Geigen brausen auf, die Kamera schleicht oft nur zum Türrahmen, um die Handlung zu erspähen. Es herrscht Stagnation.

Obwohl die Schauspieler, allen voran Kathy Bates in ihrer kleinen Rolle, gute Arbeit leisten, die Dekoration an Mensch und Raum keine Wünsche offen lässt, wird die Gefühlskälte leidlich unter den schillernden Farben verborgen. So fühlt man sich als Zuschauer zwar anfangs unterhalten, aber auch immer auf Abstand. Schließlich bemüht sich hier jeder um mehr Schein als Sein. Sie alle haben ihr Schicksal selbst gewählt, entscheiden sich für materiellen Trost und Langeweile, weil die Liebe nicht in ihr Leben passt.

Immerhin achtet Frears (dessen Bandbreite von "High Fidelity" bis "Mein wunderbarer Waschsalon" reicht) darauf, zwischen Übereifer und den schmutzigen Tricks nicht zu stark zu polarisieren. So darf Edmée (Felicity Jones), Leas Nachfolgerin in Freds Leben, mehr sein als nur ein Pappaufsteller, der keiner Diskussion würdig ist.

Dennoch verpuffen die prickelnden Gespräche. Sie werden von wenigen beeindruckenden Monologen abgelöst, bevor "Cheri" zum allzu legeren Kostümfilm verkommt, bei dem man nach der Botschaft schon sehr graben muss.

Claudia Nitsche

Credits:
V:Prokino, GB / D / F 2009, R: Stephen Frears, D: Michelle Pfeiffer, Rupert Friend, Kathy Bates u.a.

Laufzeit: 93 Min.

Kinostart:
27. August 2009


Alt liebt jung, sarkastisch sind sie beide. Stephen Frears inszeniert eine französische Liebesgeschichte zur Zeit der Belle Epoque.
Alt liebt jung, sarkastisch sind sie beide. Stephen Frears inszeniert eine französische Liebesgeschichte zur Zeit der Belle Epoque. (Prokino)

Lea (Michelle Pfeiffer) und Fred (Rupert Friend) erleben durchaus harmonische und friedliche Momente.
Lea (Michelle Pfeiffer) und Fred (Rupert Friend) erleben durchaus harmonische und friedliche Momente. (Prokino)

Durch ihren jungen Geliebten wird die Kurtisane Lea (Michelle Pfeiffer) sehr nachdenklich.
Durch ihren jungen Geliebten wird die Kurtisane Lea (Michelle Pfeiffer) sehr nachdenklich. (Prokino)

Datum: 23.08.2009

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