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Match Point(tsch) Am Ende bleibt die bittere Erkenntnis, dass die Welt eine Hölle ist und Gerechtigkeit eine Frage von Glück und Zufall. Woody Allen, im Kinogedächtnis als Vorsitzender der New Yorker Selbsthilfegruppe für sexuell frustrierte Neurotiker abgespeichert, überrascht mit seinem neuen Film: "Match Point" ist eine düstere Parabel über Schuld, Sühne - und Glück. Kein typisches Allen-Werk, aber eines seiner besten und vor allem bösesten. Zuletzt bewies sich der New Yorker Vielfilmer am liebsten als virtuoser Variationskünstler. Seine Themenwahl war begrenzt: Liebenswerte Großstadt-Geschädigte kämpften mal mit ihrer Libido, mal mit der einen oder anderen Persönlichkeitsstörung. Mal mit beidem. Allen liebte seinen Kosmos und als genialer Dialogschreiber sorgte er dafür, dass aus den Zutaten New York, Jazz und Neurosen ein immer wieder unterhaltsamer Kinoabend wurde. Allen-Filme waren wie ein Markenwaschmittel, dessen Duft nur alle paar Jahre vorsichtig geändert wird. Auf die gleichbleibende Qualität war aber immer Verlass. Und nun "Match Point". Es ist eine echte Überraschung, die Woody Allen sich und seinen Fans zum 70. Geburtstag (war am 1. Dezember) gönnt. Mit 123 Minuten ungewöhnlich lang, spielt der Film in London, kommt ohne Klarinetten aus und ohne ein Alter Ego des Regisseurs. Die Dialoge sind scharfsinnig wie immer, vom bissigen Humor bleibt im bitteren Sarkasmus aber nur eine kühle Ahnung. "Match Point" lässt sich in kein Genre einordnen. Hier ist fast alles dabei: Gesellschaftsporträt, High-Society-Report, Liebesfilm, Tragödie und Krimi - meisterhaft verwoben zu einem spannenden Ganzen. Chris (Jonathan Rhys-Meyers) ist Mitte 20, ein Tennisprofi, der ein wenig antriebslos wirkt und sich vom Turnierzirkus verabschiedet hat. Der schnelle Reichtum, der fixe Aufstieg in eine höhere Klasse blieb aus. Also heuert er bei einem Londoner Nobelclub als Tennislehrer an. Ganz nahe bei den Menschen, zu denen er gern gehören möchte. Um dieses Ziel zu erreichen, setzt Chris ungeahnte Energien frei. Sein erster Schüler Tom Hewett (Matthew Goode) führt ihn in den Gesellschaftsadel ein, wo sich Chris mit traumwandlerischer Sicherheit bewegt. Toms Schwester Chloe (Emily Mortimer) ist sein Ticket nach oben. Sie bietet Chris Tisch und Bett - und später die Ehe. Der Vater stellt den smarten Jüngling in seiner Firma ein, wo er sehr schnell die Karriereleiter hinauf klettert. So reich und schön, zwang- und sorglos ist das Leben plötzlich, dass man sich unwillkürlich fragt, ob hier etwa Träume wahr werden sollen? Nein, sollen sie nicht. Dazu ist Woody Allen zu kompromisslos. Nach seiner sarkastischen Betrachtung der britischen Upper Class schickt er die sinnlichsten Lippen des Kinos vor die Kamera. Vorhang auf für die Romanze, die zur Tragödie wird. Nola (Scarlett Johansson) wartet bei einen Sommerfest auf "ihr nächstes Opfer". Sie ist Toms Freundin, eine scheiternde Schauspielerin aus Amerika, und passt so gar nicht in die weißbehoste Sommeridylle. Mit ihr schleicht sich auch die zentrale Frage des Films von hinten an, heimlich und leise. Was ist Glück? Im Fall von Chris ein Zufallsprodukt seines seelischen Abfalls und der Maxime: Zuerst komme ich, dann der Rest. In Nola findet er sein wirkliches Leben wieder, das er längst verkauft hat. Die Zwänge, die er sich aufbürdete, werden zur unerträglichen Last. Hier fängt Allen an zu spielen und ein wirkliches düsteres Szenario der schönen neuen Welt zu entwerfen. Er schickt Chris und Nola in ein regennasses Kornfeld, lässt sie schlammverschmiert, dreckig leidenschaftlich sein. Chris begehrt, Chris liebt vielleicht sogar. Diese zweite Seite seiner Persönlichkeit eröffnet eine neue Ebene des Films, in der das Gewissen vollends kalt gestellt werden muss. Zumal Nola schwanger ist. Denn Chris, der immer zielstrebiger seine restlichen Sympathien verspielt, verteidigt sein monetäres (Neu-)Reich mit allen Mitteln, lauter sind keine. Willkommen im Krimiteil, der mit Schrotflinte, zwei Leichen, irreführenden Beweisen und einer ungemein spannenden, psychologisch ausgefeilten Verbrecherjagd echte Thrillerqualitäten hat. Chris zittert. Die Polizei weiß, warum. Aber die Gerechtigkeit ergreift die Flucht. Zu Beginn des Films lässt Woody Allen jenen Chris in Dostojewskis "Schuld und Sühne" lesen. Da weiß er noch nichts von seiner Zukunft, in der zwei Frauen sterben. Das Glück, glaubt Chris, ist die Summe eiskalter Berechnung. Aber eigentlich ist es eher zufällig vorbeigekommen und kann ihn jederzeit wieder verlassen. Und da die Welt eine Hölle ist, dann schmort auch er im Fegefeuer. Andreas Fischer |
Credits: |
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