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Domino(tsch) Domino Harvey war tot, noch bevor der Film über ihr Leben in ihrer Wahlheimat in die Kinos kam. Ende Juni wurde sie mit einer Überdosis Drogen im Blut in ihrer Badewanne gefunden. Ihr Ableben war jedoch weder eine Überraschung noch der ultmative PR-Coup: Tony Scotts Action-Thriller "Domino" wollte in den USA kaum jemand sehen. Zehn Millionen Dollar Einspielergebnis bei 50 Millionen Dollar Produktionskosten - eine mittlere Katastrophe. Vielleicht lag es daran, dass die Geschichte der Tochter aus gutem Hause, die ihre Modelkarriere sausen ließ, um Kopfgeldjägerin zu werden, zu sehr nach miesem B-Movie klingt, um wahr zu sein. Vielleicht ist aber auch die Tatsache schuld, dass Scott mit Vollgas durch sein dreckiges, fiebriges und blutiges Road-Movie rast und den Blick fürs Wesentliche völlig aus den Augen verliert. Was schade ist, bezeichnete der mittlerweile 61-jährige Regisseur ("Staatsfeind Nr. 1", "Mann unter Feuer") Domino Harvey noch zu Lebzeiten als seine "verlorene Tochter". Doch Scott und sein Drehbuchautor Richard Kelly ("Donnie Darko") entfernen sich trotz der Beteuerung, es handle sich um eine wahre Geschichte, irgendwann vom realen Vorbild. Sie verschweigen die Drogensucht und Homosexualität Domino Harveys und lassen stattdessen ihre Hauptdarstellerin Keira Knightley unentwegt und unsagbar cool an einer Zigarette ziehen. Oder mit einem Vollblut-Latino in der Wüste vögeln. Überhaupt scheint es die junge Britin (diesmal mit kurzer Mähne) genossen zu haben, das böse Kick-Ass-Girl fernab ihrer braven Schön-Mädchen-Rollen in "Fluch der Karibik" oder "Stolz und Vorurteil" zu geben. Mit Inbrunst schießt, strippt, prügelt sie sich durch die Wirren des Drehbuchs, das in Tarantino-Manier eine Plotschlaufe um einen rachsüchtigen Mafiaboss, das FBI, einen Millionenraubzug, ein krankes Kind, einen skrupellosen Casinobesitzer und einen afghanischen Sprengstoffexperten zieht, den alle nur Alf nennen. Da verwundert es kaum mehr, dass irgendwann Tom Waits in der Wüste aufkreuzt und vom Tod, dem Leben und der Liebe predigt. Mittendrin in diesem grobkörnigen, gelb-grün-stichigen, unentwegt Haken schlagenden und Zelluid gewordenem Fiebertraum: Domino und ihre Kollegen Ed (Mickey Rourke, "Sin City") und Choco (Edgar Ramirez). Als unschlagbares Kopfgeldjäger-Team machen sie erfolgreich Jagd auf die Verbrecher des Landes und werden dafür mit einer eigenen Reality-TV-Show belohnt - inszeniert von einem verschrobenen TV-Produzenten (Christopher Walken), moderiert von den ehemaligen "Beverly Hills 90210"-Stars Ian Ziering und Brian Austin Green, die sich selbst spielen. Der medienkritische Subplot, den sich Scott scheinbar bei Oliver Stones "Natural Born Killers" entliehen hat, ist durchaus humorvoll, überfrachtet den bis in die Nebenrollen hervorragend besetzten Film aber vollends. Der lässt seinen Figuren ohnehin kaum Platz zur Entfaltung. Keira Knightley und Co. werden von Scott und seiner Regieexzentrik dazu verdonnert, stets nur stylish zu sein. Aber genau das hätte Domino Harvey - Tochter des Schauspielers Laurence Harvey ("The Manchurian Candidate"), benannt nach einem Bond-Girl - vermutlich gefallen. "Sie wollte nicht ein ganz normaler Mensch sein", sagte nach ihrem Tod ihr Onkel der britischen Presse, "sondern eine Legende". Gerd Hilber |
Credits: |
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