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Provokation um der Provokation willen: "Antichrist"

Antichrist

(vm/tsch) Mit Filmen wie „Breaking the Waves“, “Die Idioten”, „Dancer in the Dark“ und „Dogville“ polarisierte der Däne Lars von Trier das Kinopublikum weltweit. Für seine schonungslos realistische Darstellung menschlichen Leids wird er geliebt wie gehasst. Doch dieses Mal hat er sich selbst übertroffen. Obwohl man vom kontroversen Filmemacher sicher keine leicht verdauliche Kinokost erwartet hat, schockierte sein neues Werk „Antichrist“ selbst das Cannes-Publikum, das sicher einiges gewohnt ist. Der Film ist wie ein Unfall: Man will nicht wirklich hinschauen, aber man kann es doch nicht lassen. Ein zweiter „Die 120 Tage von Sodom“, einem Bild von Hieronymus Bosch ähnlich. Seine eigene Depression wollte Trier mit „Antichrist“ therapieren und setzte der Hölle selbst ein filmisches Denkmal. Wenn man sich jedoch vom Schock erholt hat, stellt man fest, dass „Antichrist“ nicht viel mehr als düstere, symbolisch aufgeladene Bilder, biblische Metaphern und einen äußerst prätentiösen Inszeniergestus bietet, der in jeder einzelnen Kameraeinstellung darauf pocht, höchste filmische Kunst zu sein. Und das kann ziemlich auf die Nerven gehen.

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"Antichrist" ist der blanke Horror, und der beginnt mit einer stilisierten Problemstellung. Ein namenloses Ehepaar (Charlotte Gainsbourg, Willem Dafoe) liebt sich in enthusiastischer Inbrunst in schwarz-weißer Superzeitlupe, mit allen Details und zu Händelmusik. Ihr Kind befreit sich derweil aus dem Laufgitter und stürzt aus dem Fenster.

Aus dem Akt des Lebens wird ein Akt des Todes - die Libido lässt die Dämonen los, die zunächst einmal die Frau einkesseln. Aber weil der Mann Therapeut ist, ist schnell eine Strategie gefunden: In der Abgeschiedenheit von Eden, dem Wochenendhaus im Wald, wollen sich die beiden den Zweifeln, dem Hass, den inneren und äußeren Konflikten stellen. Und dort regiert das Chaos, wie Lars von Trier einen sprechenden Fuchs sagen lässt. Das Tier ist einer von drei Bettlern, die immer wieder auftauchen in einem Film, dessen metaphernreiche Symbolik jede Minute das Assoziationsvermögen fördert.

Lars von Trier verbannt sein Ehepaar auf ein veritables Schlachtfeld, dessen düstere Bedrohlichkeit die Seelenzustände spiegelt: Schnell herrscht offener Krieg mit immer drastischer werdender Gewalt. Schmerz, Trauer, Verzweiflung - die wiederkehrenden Motivvorgaben des Films, der sich in vier Kapitel, Prolog und Epilog unterteilt, sind nur Alibis für den ewigen Kampf zwischen Gut und Böse, der bei Frauenverschleißer Lars von Trier - das kennt man aus seinen früheren Filmen - der Kampf gegen die Verlockungen des Weibes ist. Streitpunkte sind die Rolle der Geschlechter, die Macht der Frau und ihre angeborenen Bösartigkeiten.

"Ich will doch gar nichts sagen, es ist einfach nur ein Film", verkündete von Trier vor einem Tribunal aufgebrachter Journalisten nach der Premiere in Cannes. Kein Film wurde an der Croisette in diesem Jahr so kontrovers diskutiert, so abgrundtief gehasst wie "Antichrist". Der Däne wollte sich ganz schlicht, das gibt er offen zu, eine ausgewachsene Depression von der Seele drehen.

"Der Film brachte mich zurück auf die Beine", sagte er und wirkt doch allen gelassen in einer feindlichen Welt mit seinem Film, den er "mittlerweile ins Herz geschlossen" habe. Seine Therapie jedenfalls ist eine konsequente Provokation, die Bergmans "Szenen einer Ehe" wie ein zärtliches Techtelmechtel erscheinen lässt, Andrej Tarkowskis (ihm hat Lars von Trier den Film gewidmet) Darstellung des Zusammenhangs von Natur und Seele zitiert und jedem Horrorregisseur die Schamesröte ins Gesicht treibt.

Denn das nordrhein-westfälischen Waldstück, gedreht wurde in der Nähe von Köln, wird zu einer echten Hölle: Geschlechtsteile werden mit Balken bearbeitet, ein Bein extrem blutig an einen echten Mühlstein gekettet, Genitalien mit Scheren verstümmelt. Diese Gewalt geht von der Frau aus - Charlotte Gainsbourg musste sich für ihre Rolle nicht nur die Kleider ausziehen: "Ich war bereit für diesen Film, die Sex- und Nacktszenen waren nicht so schlimm wie die emotionalen Ausbrüche meiner Figur. Aber ich konnte mich in jedem Fall auf Lars verlassen, der mich durch die schwierigen Szenen geleitete."

Diese Szenen sind die pure Provokation und brachten dem Regisseur offenen Hass ein. Als Gainsbourg in Cannes den Preis für die beste Darstellerin entgegennahm, dankte sie dem verbannten Kind Lars von Trier ausdrücklich.

Andreas Fischer

Credits:
V:MFA, DK / D 2009, R: Lars von Trier, D: Charlote Gainsbourg, Willem Dafoe u.a.

Laufzeit: 108 Min.

Kinostart:
10. September 2009


Lars von Triers "Antichrist" ist in gewisser Weise eine Zumutung. Aber eine, die sich lohnt.
Lars von Triers "Antichrist" ist in gewisser Weise eine Zumutung. Aber eine, die sich lohnt. (MFA+)

Aus Schmerz, Trauer, Verzweiflung wird offene Gewalt: Hauptdarstellerin Charlotte Gainsbourg musste an ihre Grenzen gehen.
Aus Schmerz, Trauer, Verzweiflung wird offene Gewalt: Hauptdarstellerin Charlotte Gainsbourg musste an ihre Grenzen gehen. (MFA+ / Christian Geisnaes)

Der Rabe ist unsterblich: Willem Dafoe entdeckt seine eigenen Abgründe.
Der Rabe ist unsterblich: Willem Dafoe entdeckt seine eigenen Abgründe. (MFA+ / Christian Geisnaes)

Datum: 06.09.2009

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