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Sommer vorm Balkon

Sommer vorm Balkon

(tsch) Der Regisseur Andreas Dresen hat nicht nur gute Filme gemacht. Aber die meisten sind gut. Klar wird einem das erst im Alltag. In der Bahn zum Beispiel. Da sitzt diese Frau, Mitte 40. Die blonden, dauergewellten Haare sind etwas schlampig hochtoupiert. Die schwarz und glitzernd-weiß gestreifte Hose tragen womöglich junge Mädchen. Womöglich aber auch die nicht mal. Ihre Fingernägel sind künstlich, doch sie sieht nicht verlebt aus. Ihr Gesicht mit der mutigen Brille wirkt ernst, aber vertraut. Und sie hat eine rote Handtasche dabei, die sichtbar teuer war. Sehr teuer. Gewöhnlich wundert man sich kurz, blickt dann weg. Nach einem guten Film von Andreas Dresen aber ist das anders. Man fragt sich, wer diese Frau ist. Welche Geschichte hat sie? Wie war ihr Morgen? Und wie wird ihr Abend sein? Um wie um alles in der Welt kommt sie zu dieser Handtasche?

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Es mag etwas altertümlich wirken, aber es war längst an der Zeit, den Zusammenhang der Wasserzufuhr in der Küche und in der Dusche zu thematisieren. Frauen aus Altbauwohnungen vermögen mit ihm drastische Strafen zu erlassen. Mann duscht, Frau dreht Hahn in der Küche auf, Mann schreit, Frau lächelt. Doch Nike (Nadja Uhl) kann noch deutlicher werden in dieser Welt, die - man merkt es kaum - ohne Handys und Computer auskommt, und sich stattdessen auf das reduziert, was gestern das Wichtigste war: die Menschen und ihr Umgang miteinander. Dabei spielt "Sommer vorm Balkon" in der Gegenwart.

Es ist ein merkwürdiger Titel, der dennoch passt für diesen typisch deutschen Film. Für diesen typischen Berliner Film mit Prenzlauer-Berg-Flair, sagt man besser. Es geht um zwei Frauen, eben Nike und ihre Freundin Katrin (Inka Friedrich). Sie wohnen im gleichen Haus, eine oben, eine unten, und mit zunehmender Dauer fragt man sich schon, ob sie auch sonst Freundinnen geworden wären. Egal, nun sind sie es und bilden zugleich eine jeder Zweckgemeinschaften, die ihren Höhepunkt immer dann findet, wenn es Nacht wird und der kleine Balkon zum Philosophieren einlädt: "Der Richtige ist immer der Falsche."

Sowohl Nike als auch Katrin hätten gerne mal wieder eine Beziehung. Nike, Anfang 30, arbeitet tagsüber als Alternpflegerin, radelt durch die Stadt und besucht immer die gleichen drei alten Leute. Der Film wird erfreulich deutlich, wenn es darum geht, zu zeigen, was Nike dort zu tun hat.

Katrin sucht einen Job, geht zum Bewerbungstraining, führt Vorstellungsgespräche und kümmert sich um ihren kurz vor der Pubertät befindlichen Sohn Max (Vincent Redetzki), der in einer Art Parallelhandlung seine erste Liebe erlebt.

Doch Wolfgang Kohlhaase, einer der wichtigsten DEFA-Autoren, gehört zu jenen, die es nicht mögen, wenn sich ihre Bücher um zu viele Personen drehen. Und so stehen vor allem die beiden Frauen im Mittelpunkt: Nike, krass berlinernd, hat ihr Leben eine Spur besser im Griff, nimmt's leichter, was sie wohl der verbliebenen Jugend verdankt. Katrin indes, Ende 30, hat ab und an Probleme mit dem Alkohol, weil sie nach Lösungen sucht, die ihr das Leben nicht mehr zu bieten bereit scheint.

Dann taucht ein Mann auf. Ronald (Andreas Schmidt), Lkw-Fahrer, einfaches Gemüt mit Arschloch-Attitüde, aber wie sich zeigt ebenfalls vom Leben um einige Erfahrungen reicher gemacht. Nike baggert ihn an, ziemlich deutlich, er macht mit, und sie haben Sex. "Ein verbaler Ficker" sei er zwar nicht, gesteht Nike, aber eben ziemlich männlich. Eine Weile lang passt sie sich ihm an, schaut gleich mit ihm Fußball, weil er das will. Und am ersten gemeinsamen Morgen, es floss wohl einiges an Alkohol, zeigt sie sich am Frühstückstisch dann doch sehr verständnisvoll: "Ich wollte ja schon immer mal die anale Sache ausprobieren." Dabei hat sie das wohl gar nicht.

"Sommer vorm Balkon" ist ein chronologischer Film, ohne künstlerischen Schnickschnack, sichtbar mit einfachen Mitteln gedreht. Andreas Dresen verfolgt keine vorgezeichnete Handlungslinie, sondern reiht viele Momentaufnahmen aneinander. Ein paar Zufälle, kleine Triumphe, kleine und große Niederlagen. Er entfacht keinen banalen Small-Talk, wo es in Wahrheit keinen gibt. Die Dialoge klingen dabei authentisch und doch sind sie es nicht, fehlt doch jede Form moderner Sprache. Kohlhaase, Jahrgang 1931, entwickelt dennoch ein herausragendes Gefühl dafür, wie sich Freundschaft, Sehnsucht, Hoffnung, aber auch Wut und Verzweiflung auf ehrliche Weise ausdrücken.

Dass das auch auf der Leinwand funktioniert, ist den drei herausragenden Darstellern zu verdanken, die es verstehen, mit Worten ebenso viel auszudrücken wie mit ihren Taten oder sogar ihrer Kleidung. Helden sind das alle nicht, aber auch keine klassischen Verlierer. "Sommer vom Balkon" handelt von ziemlich normalen Menschen, sofern der Zuschauer bereit ist, Krawatten und Designer-Wohnungen anderswo nur als Tarnung zu begreifen und sich mehr für jene interessiert, die weit weg sind vor dem, was uns viel zu oft in langweiligen TV-Movies als Realität präsentiert wird. Der letzte Dialog belegt das: "So ist das Leben ...", sagt die eine. "Aber wirklich", lautet die doppeldeutige Antwort.

"Sommer vom Balkon" ist tatsächlich ein bisschen Wirklichkeitskino, übrigens unterstützt durch ein paar glänzende Laiendarsteller. Man muss solche Filme nicht mögen, aber diese Zeit verlangt ganz sicher nach ihnen. Sie braucht echte menschliche Geschichten, die nicht inszeniert sind. Die ohne pompöses Finale auskommen müssen. Augen auf für den überwundenen, kleinen Streit. Augen auf für die kleine Romantik zwischendurch ohne Kerze und ohne Sonnenuntergang. Andreas Dresen hat wieder einmal unsere Neugier auf den Alltag geweckt.

Kai-Oliver Derks

Credits:
V:Warner, D 2005, R: Andreas Dresen, D: Nadja Uhl, Inka Friedrich, Andreas Schmidt u.a.

Kinostart:
05.01.2006


Freundinnen am Anfang und am Ende des Films. Zwischendrin tun sie sich schwer. Klar, ein Mann ist schuld. Links: Katrin (Inka Friedrich), rechts Nike (Nadja Uhl).
Freundinnen am Anfang und am Ende des Films. Zwischendrin tun sie sich schwer. Klar, ein Mann ist schuld. Links: Katrin (Inka Friedrich), rechts Nike (Nadja Uhl). (X Verleih)

Im Vogelnest über der Stadt tauschen sich Katrin (Inka Friedrich, links) und Nike (Nadja Uhl) über das Leben aus.
Im Vogelnest über der Stadt tauschen sich Katrin (Inka Friedrich, links) und Nike (Nadja Uhl) über das Leben aus. (X Verleih)

Nike (Nadja Uhl) lernt den Lkw-Fahrer Ronald (Andreas Schmidt) kennen. Sie wird für ihn damit beginnen, Fußball zu schauen und "die anale Sache" auszuprobieren. Aber alles lässt auch sie sich nicht bieten.
Nike (Nadja Uhl) lernt den Lkw-Fahrer Ronald (Andreas Schmidt) kennen. Sie wird für ihn damit beginnen, Fußball zu schauen und "die anale Sache" auszuprobieren. Aber alles lässt auch sie sich nicht bieten. (X Verleih)

Datum: 01.01.2006

Diskussion: "Sommer vorm Balkon"

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