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Gelungenes Porträt der Techno-Szene: "Berlin Calling"

Berlin Calling

Hannes Stöhr, der Realo unter den deutschen Filmemachern, beleuchtet die Musikszene zusammen mit Techno-DJ Paul Kalkbrenner ganz vorzüglich.

(mb/tsch) „London Calling“ hieß ein grandioses Album der Band „The Clash“ von 1979, ein Meilenstein des Punkrock. Und so, wie „London Calling“ treffend die Punkszene beschreibt, will nun ein Film namens „Berlin Calling“ dem Zuschauer die deutsche Technoszene näher bringen. Und wenn man das hört, fragt man sich, warum so etwas nicht schon früher passiert ist. Immerhin ist die Techno-Welle, die die ganze Welt überflutet hat, ein deutsches Produkt, auf das man wirklich stolz sein sollte. Und dieses hat seine Wurzeln in Berlin. Da wohnt auch Paul Kalkbrenner, der prominente Techno-DJ, der die Hauptrolle in „Berlin Calling“ spielt. Hannes Stöhrs Szene-Studie überzeugt und unterhält vor allem dadurch, dass sie zu keinem Zeitpunkt zu belehren versucht. Obwohl die Schattenseiten des hippen Szenenlebens mehr als präsent sind, werden auch die Vorteile von Drogen und abenteuerlichem Lifestyle vorgeführt.

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Ein Berliner Techno-DJ erlebt den Horrortrip seines Lebens und landet in einer Nervenanstalt: Paul Kalkbrenner, selbst angesagter DJ, spielt unter der Regie von Hannes Stöhr mit eigenen Erfahrungen. Im jetzt auf DVD erhältlichen "Berlin Calling" (2008) erzählen die beiden unprätentiös, aber nicht trist vom hippen Leben und seinen Schattenseiten. Ihrer fiktiven Figur Ickarus (Kalkbrenner) schmelzen die Flügel beim Höhenflug aus Beats und Drogen.

Es beginnt mit einer Techno-Großveranstaltung, bei der DJ Ickarus ein Shirt mit der Nummer 10 trägt. Es ist die Nummer des Spielmachers, Fußballfreunde wissen es. Er hat die tanzende Meute im Griff. Der DJ mit dem bürgerlichen Namen Martin Karow fühlt sich gut, bis zu dem Moment, als seine Labelchefin (Megan Gay) zu seinen neuen Kompositionen meint: "Deine letzten Sachen sind beliebig." Er meutert: "Mein Kram rockt" und spielt Türen knallend das bockige Kind.

Dass er genau das nicht ist, zeigt sich in der Szene mit seinem Vater, einem evangelischen Pfarrer (Udo Kroschwald). Das Verhältnis ist konfliktgeladen, und wie so oft bricht Hannes Stöhr mit den gängigen Klischees. Ickarus, das schwarze Schaf, das aber seit seinem 18. Lebensjahr eigenes Geld verdient, präsentiert einen ebenso lustigen wie treffenden Kommentar über die studierte Generation Praktikum.

Stöhr nimmt solchen Momenten die Tragik, weil er, wie er sagt, die Welt selber gar nicht ohne Humor ertragen könnte und die Dinge beschreibt, wie sie sind. So fehlen bei Ickarus nicht die Pillen, nicht der Absturz. Doch Stöhr denkt immer an die Hintergründe, erwähnt den Vorteil von Koks und Tabletten.

In seinem musikreichen Zeitporträt (alle Kompositionen stammen von Kalkbrenner) hetzt Stöhr schließlich den Technostar und eine 68er-Professorin (Corinna Harfouch) aufeinander. Sie streiten über liberales Denken und Körperarbeit. Bei all dem ist "Berlin Calling" zu keinem Zeitpunkt belehrend, zeigt nie ein Bild zu viel und ist der Gegenwart zugewandt.

Natürliche, leicht entsättigte Farben und ordentliche Schärfewerte zeichnen das 16:9-Bild der DVD aus. Der sehr offensiv gemischte Sound hält sich vor allem in der 5.1-Variante nicht mit räumlichen Effekten zurück. Die Surroundboxen werden dabei aber vor allem von der Musik genutzt. Die vielfältigen Extras, der größte Teil wurde auf eine Bonus-Disc gepackt, bestehen aus einem coolen Making Of, einem Storyboardvergleich und interessanten Interviews. Außerdem gibt es zahlreiche Zusatz-Clips von Kalkbrenner.

Claas Nielsen

bewertungsbox

bildformat 1,78:1 (anamorph)
sprachen Deutsch (5.1 / 2.0)
untertitel Englisch
extras Making Of; Musikvideos; Storyboard; Entfallene und verpatzte Szenen; Bonus-Clips; Interviews
laufzeit 105 Min.
tonsystem Dolby Digital
regionalcode Regionalcode 2
preis ca. 20 Euro
bewertung bild befriedigend
bewertung ton gut
bewertung extras gut

Credits:
(D 2008, R: Hannes Stöhr, D: Paul Kalkbrenner, Corinna Harfouch, Rita Lengyel u.a.)


In "Berlin Calling" erlebt ein Techno-DJ den Horrortrip seines Lebens und landet daraufhin in einer Nervenanstalt.
In "Berlin Calling" erlebt ein Techno-DJ den Horrortrip seines Lebens und landet daraufhin in einer Nervenanstalt. (Movienet)

Die Professorin Petra Paul (Corinna Harfouch) hofft, dass Martin freiwillig in der Klinik bleibt.
Die Professorin Petra Paul (Corinna Harfouch) hofft, dass Martin freiwillig in der Klinik bleibt. (Movienet)

Martin Karow (Paul Kalkbrenner) und seine Freundin Mathilde (Rita Lengyel) hängen mal wieder am Flughafen ab.
Martin Karow (Paul Kalkbrenner) und seine Freundin Mathilde (Rita Lengyel) hängen mal wieder am Flughafen ab. (Movienet)

Datum: 12.09.2009

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