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Jarhead

Jarhead - Willkommen im Dreck

(tsch) Ein Mann zieht in den Krieg. Ihm fehlt das Geld für das College. Das Militär verspricht ihm die Finanzierung seiner Ausbildung und Altersvorsorge. Also verpflichtet er sich. Seine Freundin, ein echtes American Dreamgirl, bleibt zu Hause. Wer könnte schon vorhersehen, dass ein Krieg droht, zudem in weiter Ferne im Irak? Sam Mendes hat sich mit "Jarhead" an die Memoiren des Ex-Marines Anthony Swofford von 2003 gewagt und beleuchtet den Irakkrieg von 1990/91 aus der Sicht eines einzelnen Elitesoldaten. Es ist ein Antikriegsfilm ohne erschütternde Kampfspektakel, ohne Tod und Verderben geworden. Nur ein Mann stirbt vor der Kamera: Ein Marine während der harten Ausbildung im Boot-Camp.

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Sam Mendes ist ein Theatermann, der in Hollywood zum gefeierten Newcomer wurde, weil sein Psychogramm der US-amerikanischen Gesellschaft mit dem Titel "American Beauty" ein Dauerbrenner an den Kinokassen wurde. Sein zweiter Film beschäftigte sich ebenfalls mit den USA: "Road To Perdition" setzte sich mit der gewalttätigen Historie des urbanen Amerikas auseinander. In "Jarhead" mit dem markigen deutschen Untertitel "Willkommen im Dreck" ist es nun das außenpolitische Militär-Engagement der wohl mächtigsten Nation der Erde, dessen Konsequenzen für die eigenen Soldaten aufgezeigt werden. Es ist keine Polemik geworden, keine Dokumentation im Sinne eines Michael Moore. Mendes zeigt das ereignislose Leben der US-Marines beim Warten auf den Kampf, der nicht stattfindet: Sechs Monate Wüstenluft in den Lungen und die unbarmherzige Sonne auf der Haut und den kahl geschorenen Schädeln.

Es geschieht nicht viel in den zwei Stunden, die der Film braucht, um seine Botschaft zu vermitteln: Krieg ist etwas, für das sich Soldaten aufputschen, in das sie sich hineinsteigern und das sie, wenn sie zu lange darauf warten müssen, innig herbeisehnen, nur um eine Beschäftigung zu haben.

Einen moralischen Zeigefinger sucht man bei Mendes vergebens. Vielmehr findet man mit Jake Gyllenhaal und Peter Saarsgard zwei Protagonisten, die ihre Filmcharaktere offenbar dermaßen verinnerlicht haben, dass der Eindruck erweckt wird, niemand anderes hätte den Scharfschützen Swofford und seinen Späher Troy ähnlich authentisch verkörpern können. Gemeinsam spielen sie trotz Gefahr eines Hitzschlags Rugby in Atemschutzmasken, laufen auf dem ausgedörrten Boden ins Nichts, schießen auf imaginäre Feinde und - das indes wird aus dem Off erklärt - onanieren am laufenden Band.

Wenn Gyllenhaal alias Swofford zu Weihnachten blank zieht und nur mit Santa-Mütze und String-Tanga bekleidet vor seinen Kameraden tanzt, obwohl er eigentlich für die Wache des Feuerwerklager eingeteilt war, das in die Luft geht, weil sein Kumpel lieber Würstchen brät als aufzupassen, dann spricht das Bände von der inneren Verfassung sich langweilender Männer. Später muss der Protagonist für das Delegieren der Verantwortung in sengender Mittagshitze den Inhalt der Plumpsklos verbrennen.

Freilich hätte niemand geglaubt, dem Soldatensein hafte etwas Romantisches oder Abenteuerliches an. Dafür haben nicht allein Antikriegsfilm-Klassiker wie "Die durch die Hölle gehen", "Full Metal Jacket" oder "Apokalypse Now" gesorgt. Die werden im Camp aber groteskerweise dazu benutzt, die untätige Soldatenschar zu motivieren, um Kriegsbegeisterung zu säen. Auf den ersten Blick fehlt "Jarhead" ein roter Faden, und das Ganze mutet eher wie ein minimalistisches Soldatenportrait an, das sich in simpler Dokumentation gefällt.

Doch genauer hingeschaut, entpuppt sich das spannungslose Treiben auf der Leinwand als scharfsinnige Analyse der Situation, in der die Fuß-Soldaten im Hightech-Krieg steckten. Vieles wird angerissen: Kritik am militärischen Drill, Stumpfsinn der Kriegstreiberei am Ende der Befehlskette, die Primitivität einer Gruppe von Männern, die monatelang unter sich sind und an nichts anderes mehr denken können als ans Kräftemessen und Frauen(körper). Das alles wirkt auf den Zuschauer mit der Kraft der szenischen Authentizität und braucht daher seine Zeit, um seine volle Wirkung zu entfalten.

So wird sich erst lange nach dem Abspann das Rätsel dieses Films vollständig vom einzelnen Zuschauer lösen lassen. Über Sinn und Unsinn des Dargestellten nachzudenken, erfordert weitaus mehr Zeit, als die Inszenierung einem lässt. Nur wenige Szenen zeugen in brachialer Deutlichkeit von einer Schizophrenie der in diesem Fall männlichen Psyche, wenn der Staff Sergeant Sykes vor brennenden Ölquellen sitzt und von Schönheit spricht. Jamie Foxx ist nach seinem schauspielerischen Debakel in "Stealth - Unter dem Radar" endlich in einer Rolle mit einer Ausdruckskraft zu sehen, die seinem Genius in "Ray" nahe kommt.

"Jarhead", das ist eine böse Bezeichnung für einen US-Marine, weil die geschorenen Köpfe der Elitesoldaten angeblich an ein Glas erinnern. Nicht nur die Schrecken des Krieges, sondern - und das macht der Film mehr als deutlich - auch der Krieg an sich und seine Begleiterscheinungen wie das Warten sowie die Vorbereitungen sorgen unfreiwillig wie freiwillig für die Entleerung jener Gläser, als die man die Köpfe der Soldaten bezeichnet - eine in ihrer Deutlichkeit und Ausschließlichkeit neue Perspektive des Antikriegsfilm-Genres.

Leif Kramp

Credits:
V:UIP, USA 2005, R: Sam Mendes, D: Peter Sarsgaard, Jamie Foxx, Jake Gyllenhaal u.a.


Der Scharfschütze Anthony Swofford (Jake Gyllenhaal) wird im Nahen Osten eingesetzt.
Der Scharfschütze Anthony Swofford (Jake Gyllenhaal) wird im Nahen Osten eingesetzt. (2005 Universal Studios)

"Swoff" (Jake Gyllenhaal, rechts) und sein Partner Allen Troy (Peter Sarsgaard) kämpfen sich durch den Wüstensand.
"Swoff" (Jake Gyllenhaal, rechts) und sein Partner Allen Troy (Peter Sarsgaard) kämpfen sich durch den Wüstensand. (2005 Universal Studios)

Sergeant Sykes (Jamie Foxx, links) nimmt sich seinen Schützling Anthony (Jake Gyllenhaal) zur Brust.
Sergeant Sykes (Jamie Foxx, links) nimmt sich seinen Schützling Anthony (Jake Gyllenhaal) zur Brust. (2005 Universal Studios)

Datum: 01.01.2006

Diskussion: "Jarhead"

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