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Eminem

Die Werkschau vor dem Ruhestand

Rapper Eminem

(tsch) Natürlich gab es auch in den 90er-Jahren weiße Rapper. Die Beastie Boys zum Beispiel oder den als House-Of-Pain-Frontman damals noch fest im Sprech-Genre verwurzelten Everlast. Doch als Eminem 1999 seine "Slim Shady EP" veröffentlichte, wurde schnell klar, dass die Sache bei dem Rapper aus Detroit anders gelagert war. Das hier war keine Mittelstands-Mucke aus einem Wohnviertel, in dem wöchentlich der Rasen auf Halbmast gesetzt wurde und in dem auch bei Regenwetter die Sonne schien. Das war echter Untergrund aus dem Trailer-Park, dreckig, fies, thematisch so explizit, wie HipHop nur sein kann. Sechs Jahre sind seitdem vergangen - Eminem ist mittlerweile neben dem von ihm aufgebauten 50 Cent der wichtigste Mann im amerikanischen Rapgame. Jetzt erscheint ein Greatest-Hits-Album.

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Und das hat sich Marshall Mathers, wie Eminem mit bürgerlichem Namen heißt, redlich verdient. Schließlich ist er nicht nur einer der kontroversesten, sondern auch einer der am besten verkaufenden Künstlern seines Genres. Vier Alben veröffentlichte er - zuletzt das mediokre "Encore", das die künstlerische Klasse der Vorgänger nicht halten konnte, aber zu einem kommerziellen Erfolg wurde. Das lag auch an "8 Mile", dem Kinofilm, mit dem er 2002 die Lichtspielhäuser enterte. Der Blockbuster erzählte die Geschichte eines Jungen, der um Anerkennung buhlte, immer auf der Suche nach einem kleinen bisschen Macht, die einen da draußen am Leben hält.

Und auf gewisse Weise war es auch die Geschichte seines Lebens. Als Eminem am 17. Oktober 1972 als Marshall Bruce Mathers zur Welt kommt, ist es eine reichlich graue. Ohne Vater, bei einer überforderten Mutter, die im Jahr mehrmals umzieht, entwickelt sich ein Kind, das nur schwer Freunde findet, das sich selten akzeptiert fühlt. Früh beginnt Marshall Mathers, sich für HipHop zu interessieren, mit zehn hört er Ice-T, drei Jahre später rappt er selbst. Die Schule verlässt er mit 15, um sich mit Fabrikjobs durchzuschlagen - und um nebenher als Rapper groß zu werden.

Er träumt vom Fame und von dem Respekt, der mit kommerziellen Erfolg im Rapgame Hand in Hand geht. Doch als Weißer - heute dürfte ihm das unterm Strich zum Vorteil gereichen - hat er's in der HipHop-Szene Detroits schwer. Er muss sich durchbeißen, muss sich durchkämpfen - und schafft das dank der wirklich herausragenden Skills. M&M, der sich bald Eminem nennt, hat den Flow, und so verwundert es nicht, dass bald ein ganz Großer auf ihn aufmerksam wird: Dr. Dre macht ihn zu seinem Protegee - 1998 unterzeichnet Eminem bei Interscope, es folgen in rascher Abfolge ein Gastauftritt auf Kid Rocks "Devil Without A Cause", oben erwähnte E.P. und das Debütalbum, für das Eminem abermals in die Rolle des Slim Shady schlüpfte.

Was dann kam, waren Skandale und Skandälchen. Ein paar hässliche Drogengeschichten, die Eminem übrigens in seinem aktuellen Video verarbeitet, später vor allem Auseinandersetzungen im Courtroom: Eminem vs. Christina Aguilera, die vor Gericht zog, als Eminem über Sex mit ihr rappte. Eminem vs. seine eigene Mutter und die Mutter seines Kindes. Eminem vs. Moby. Eminem vs. Elton John, was durch einen wenig glücklichen gemeinsamen Auftritt ad acta gelegt wurde. Was blieb, war der Vorwurf der Homophobie und des Sexismus - beides nicht selten im Rap, beides konnte Eminem bis heute nicht ganz ausräumen. Aus den Kämpfen innerhalb seines Genres, aus dem Konflikt zwischen West- und Eastcoast hielt sich der Rapper indes vornehm zurück.

Jetzt also "Curtain Call". Fällt der Vorhang endgültig? Eminem, mittlerweile altersweise, hat's bereits mehrfach angedeutet, angeblich will er verstärkt als Visionär und Produzent tätig werden - nicht nur im HipHop. Und einer der drei neuen Songs auf dem Greatest-Hits-Album heißt entsprechend "When I'm Gone". Bis es soweit ist, unterhält Eminem aber noch bestens - jetzt soll er ein fieses Stänker-Stück gegen Richard Gere aufgenommen haben. Hoffen wir einmal, dass er das nicht mit in den Ruhestand nimmt.

Jochen Overbeck


Mit "Curtain Call" beendet Eminem den ersten Teil seiner Karriere.
Mit "Curtain Call" beendet Eminem den ersten Teil seiner Karriere. (Universal)

Vom radikalgehässigen Slim Shady zum zahmen Rapper: Eminem.
Vom radikalgehässigen Slim Shady zum zahmen Rapper: Eminem. (Universal)

Eminem ist einer der wichtigsten Akteure im Rapgame.
Eminem ist einer der wichtigsten Akteure im Rapgame. (Universal)

Datum: 03.01.2006

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