Kaum zu glauben. Zu Beginn seiner Karriere als Doppel-Null-Agent soll es James Bond tatsächlich egal gewesen sein, in welcher Form er seinen Martini zu sich nimmt. Die Frage des Kellners, ob er das Getränk "geschüttelt oder gerührt" trinken wolle, beantwortet 007 jedenfalls einigermaßen abfällig und desinteressiert. Eine Szene, die exemplarisch steht für den Neuanfang, den die Macher der populärsten Kinoreihe aller Zeiten 2006 versuchten. Bei "Casino Royale" sticht keineswegs alleine der blonde Daniel Craig als neuer Bond hervor. Der Agent Ihrer Majestät sollte endlich in die Jetztzeit transferiert werden. Fünfeinhalb Millionen Kinobesucher wollten die Geburt des neuen Bond alleine in Deutschland sehen, die ProSieben nun zum Abschluss einer kleinen 007-Reihe in der Free-TV-Premiere zeigt.
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Keine Frage: "Casino Royale" beginnt nach der schwarz-weißen Eröffnungssequenz, in der sich Bond das Recht auf den Doppel-Null-Status erwirbt, äußerst eindrucksvoll: mit einer Verfolgungsjagd auf einer Hochhausbaustelle. Zu Fuß wohlgemerkt - und dennoch spektakulär. Zwei weitere große Actionsequenzen werden folgen, doch an den Anfang reichen sie nicht mehr heran.
Ohnehin hatten die Filmemacher ein ganz anderes Ziel vor Augen, nämlich den Charakter Bonds zu erklären. Wer wissen will, warum 007 mit den Frauen so umgeht, wie er es später tat, wer wissen will, warum aus ihm dieser harte Kerl wurde, der muss zweifellos diesen Film sehen. Denn am Ende steht die geradezu romantische Frage danach, was denn nun schlimmer ist: eine Liebe, die stirbt? Oder eine Liebe, die verraten wird?
Bevor es so weit ist, so will es das Drehbuch von Paul Haggis ("L.A. Crash") und Neal Purvis, schlägt sich Bond als blutiger Anfänger mit Terroristen herum. Sein erster großer Auftrag indes ist eigentlich eine Nichtigkeit: Der Schurke Le Chiffre (Mads Mikkelsen) ist Bankier von Terrororganisationen, blutet bedeutungsschwanger aus einem Auge und hat derzeit keineswegs irgendwelche schlimmen Pläne. Nein, er braucht nur Geld. Weil das so ist, nimmt er an einem Pokerturnier teil. Und weil England nicht will, dass er dieses Geld bekommt, soll Bond, der beste Pokerspieler unter den britischen Agenten, gegen ihn siegen.
Mit "Casino Royale" inszenierte Regisseur Martin Campbell ("GoldenEye") mehr eine Personenstudie denn ein Actionabenteuer. Hier geht es nicht um Politik, nicht um England und schon gar nicht um das Schicksal der Weltbevölkerung. Hier geht es einzig und allein um die Person des James Bond. Er blutet reichlich, lacht fast nie und vor allem: Er verliebt sich in eine Beamtin des britischen Schatzamtes (Eva Green). Die kurze, aber heftige Beziehung schleudert Bond durch alle Extreme. Und sie macht - das glaubt man dem Film in jeder Sekunde - einen anderen Mann aus ihm.
Daniel Craig verleiht seiner Figur mit einfachen Mitteln Tiefe und Glaubwürdigkeit und schafft damit eine Version des James Bond, wie man sie zuvor nicht sah: kompromisslos, aber auch verletzlich und emotional. Eine Veränderung, die weit schwerer wiegt als die im Vorfeld eifrig diskutierte Frage, ob Daniel Craig nun eigentlich aussieht, wie James Bond aussehen muss.
"Casino Royale" darf sowohl künstlerisch als auch kommerziell als gelungene Operation am offenen Herzen eines Mythos verbucht werden. Doch schon der sperrige, von Rachsucht geprägte Nachfolger "Ein Quantum Trost" (2008) rief Kritiker und Skeptiker auf den Plan. Wie tragfähig das neue Fundament tatsächlich ist, zeigt womöglich erst das nächste Bond-Abenteuer mit Daniel Craig. 2011 soll es in die Kinos kommen und Gerüchten zufolge zu weiten Teilen in New York spielen.
Johann Ritter
Gerade erst hat er den Doppel-Null-Status erhalten und somit die Lizenz zum Töten: James Bond (Daniel Craig) weiß dieses Privileg frühzeitig zu nutzen. (ProSieben / Danjaq / United Artists / Columbia)
James Bond (Daniel Craig) soll im Casino Royale einen Schurken am Gewinnen hindern. (ProSieben / Danjaq / United Artists / Columbia)
Ein Bild, ein Mann: Daniel Craig überzeugte dann halt doch alle. (ProSieben / Danjaq / United Artists / Columbia)
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