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Der Cannes-Gewinner "Das weiße Band" ist viel zu museal

Das weiße Band - Eine deutsche Kindergeschichte

(vm/tsch) Ein Lehrer, ein Priester, eine Hebamme, ein Arzt, ein Baron und eine Handvoll friedlicher, frommer Bauern: Leben auf dem Land. Eine Idylle? Von wegen, meint Michael Haneke („Funny Games“, „Die Klavierspielerin“) und macht sich daran, die Abgründe des geschlossenen, nach außen hin so harmonisch wirkenden Mikrokosmos ans Licht zu holen. „Eine deutsche Kindergeschichte“, so der ironische Untertitel von Hanekes Cannes-Gewinner „Das weiße Band“, ist das nicht. Es ist eher eine Studie über Werte und Moral in einem norddeutschen Dorf unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg. Warum gerade diese Zeit, fragt man sich, und man bekommt keine eindeutige Antwort. Sehr wahrscheinlich aber deshalb, weil der Fokus dieses Films auf die Kinder fällt. Die Kinder, die streng religiös erzogen wurden. Die Kinder, die Angst, aber keine Kindheit hatten. Die Kinder, die 20 Jahre später einander stolz mit „Heil Hitler“ grüßen werden. Nur ist das alles andere als neu. „Das weiße Band“ wendet sich entschieden gegen lebensverneinende, streng religiöse Werte, das ist die gute Nachricht. Er tut es in starren, altbackenen Bildern in Schwarz-Weiß, das ist die schlechte Nachricht.

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Haneke lässt einen Lehrer als Erzähler (Stimme: Ernst Jacobi) auftreten, der sich rückblickend an die Ereignisse zwischen den Sommern 1913 und 1914 erinnert. In artifiziell wirkenden schwarz-weißen Bilder wird ein Dorfleben gezeigt, das aus der Zeit genommen scheint. Was in diesen kunstvollen, statischen Tableaus passiert, ist weit weg vom Hier, vom Jetzt. Zumindest zu Beginn des Films könnte man sich in einer Galerie wähnen mit alten Fotografien aus einer längst vergessenen Zeit.

Doch die Bilder leben, denn Haneke ist erbarmungslos, fast schon perfide in seiner Autopsie der Gewalt. Im Dorf wird systematisch psychisch vergewaltigt, und die Misshandelten werden zu Misshandelnden. Dem Lauf der Dinge wohnt eine Unausweichlichkeit inne, die Haneke kühl und an der Oberfläche emotionslos darstellt. Der in München geborene Österreicher mag, das ist bekannt, die nüchternen, die glatten Oberflächen. Weil sie spiegeln und reflektieren, und das darunter Liegende doch nicht verbergen können.

Das protestantische Dorf, dessen Fixpunkte der Gutshof des Barons (Ulrich Tukur), das Schulhaus und der Dorflehrer (Christian Friedel), die Dorfkirche und der Pfarrer (Burghart Klaußner), sowie der Arzt (Rainer Bock) und die Hebamme (Susanne Lothar) sind, ist ein geschlossenes System mit strengen Moralvorstellungen und klaren Regeln. Ein Idyll des ländlichen Lebens, das zum ersten Mal gestört wird, als sich der Doktor bei einem Reitunfall verletzt. Ein Seil war heimlich gespannt worden, um Ross und Reiter zu Fall zu bringen.

In den folgenden Monaten häufen sich gewaltsame Merkwürdigkeiten. Tödliche Arbeitsunfälle, Brände, Selbstmorde, gefolterte Kinder - von Haneke ohne Voyeurismus geschildert. Ihn interessiert, was diese Ereignisse bei den Menschen auslösen, er schildert die strukturellen Zwänge des Dorfes, die Abhängigkeiten seiner Bewohner untereinander, die bigotte Interpretation ihres Wertesystems, das von blindem Protestantismus geprägt ist.

Natürlich wird im Dorf nach den Tätern gesucht. Verdächtig sind viele, die Beschuldigungen wandern von Haus zu Haus. Und die Suche offenbart eine Gewalt im Zusammenleben, die noch brutaler ist, als ihre Eruptionen in physischer Form zeigen. Es sind Worte, die das größte Unheil anrichten, und es ist das rigide Wertesystem, das auf Schrecken, Angst und Drohungen fußt, von Haneke trefflich analysiert in seinem universell gültigen Film.

Die Leidtragenden, die Opfer und die Täter - das sind vor allem die Kinder. Sie bekommen vom Pfarrer in einer der bedrückendsten Szenen des Films ein weißes Band um den Arm gebunden. Es soll sie erinnern an ihre Sünden und an ihre Schande, es soll sie auf den Pfad der Tugend zurückbringen. Doch dabei werden sie von den Erwachsenen systematisch fehlgeleitet. Haneke lässt sie ins Verderben rennen, weil sie ins Verderben rennen müssen.

Ursache und Wirkung hängen zusammen, auch ohne lineare Kausalität: Die Kinder sind Kinder ihrer Zeit und ihres Umfeldes. Insofern ist "Das weiße Band" natürlich auch ein Erklärungsversuch, wieso sich die unschuldig dreinblickenden Buben und Mädchen vom Faschismus werden verführen lassen. Mehr noch ist der Film aber eine allgemeingültige Parabel über die Entstehung von Gewalt im Umfeld von Zwang und willkürlicher Machtausübung.

Andreas Fischer

Credits:
V:X Verleih, D / A / F / I 2009, R: Michael Haneke, D: Christian Friedel, Burghardt Klaußner, Susanne Lothar u.a.

Laufzeit: 144 Min.

Kinostart:
15. Oktober 2009


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Datum: 10.10.2009

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