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"Die Rettung liegt in uns selbst"Schauspieler Christoph Maria Herbst Die Sache mit der Kunstfigur ist Christoph Maria Herbst noch immer eine Betonung wert: "Bis heute glauben viele Ihrer Kollegen, ich spiele mich selbst." Ob die Unterstellung zutrifft, sei mal dahingestellt. Dass man mit einer Type wie Stromberg nicht unbedingt privat identifiziert werden möchte, ist allerdings verständlich. Wie ein Anachronismus hat sich die ebenso komische wie niederschmetternd tragische Mockumentary-Serie im ProSieben-Programm breitgemacht. Ab 03.11. läuft dort bereits die vierte "Stromberg"-Staffel - immer dienstags, 22.15 Uhr. Ein prima Anlass für den 43-jährigen Schauspieler, seinem armseligen Antihelden einmal einen psychopathologischen Befund auszustellen - ein paar Randbemerkungen zur deutschen Humorlandschaft inklusive. Anzeige teleschau: Herr Herbst, der lange Wahlkampf, der hinter uns liegt, wäre doch genau die richtige Spielwiese für Stromberg gewesen ... Christoph Maria Herbst: Absolut. Ich bin mir nur noch nicht sicher, wo er selbst sein Kreuzchen gemacht hätte ... teleschau: Das wäre die nächste Frage gewesen ... Herbst: Ich denke, er käme mit der bürgerlichen Regierung jetzt wesentlich besser klar als mit den Sozen. Ich glaube, dass sich der gute Bernd Stromberg als liberal empfindet und darüber hinwegsehen könnte, dass der zukünftige Außensuperminister sexuell nicht in seinem Sinne orientiert ist. Wahrscheinlich wäre er sogar eingefleischter FDP-Wähler. Er glaubt, etwas Besseres zu sein als die anderen, und vergisst darüber, auf seinem Gehaltszettel rechts unten zu gucken, was tatsächlich übrig bleibt. teleschau: Wenn er seine verbalen Ausfälle besser im Griff hätte, wäre eine Politikerkarriere für Stromberg denkbar? Herbst: Ganz klar. Neben der Tatsache, dass Stromberg ein Fleisch gewordener Schrei nach Liebe ist, war er für mich immer schon eine Mischung aus Politiker und Gebrauchtwagenhändler. Da sind die Grenzen ja äußerst fließend, und die Schnittmenge ist der gute alte Bernd. teleschau: Derzeit grassiert unter Humoristen so ein Alter-Ego-Trend. Wo man hinschaut, wimmelt es von Horst Schlämmers, Uwe Wöllners und Brünos. Dachten Sie auch schon mal daran, den Stromberg aufs wirkliche Leben loszulassen? Herbst: Die Idee liegt gerade vor dem Schlämmer-Hintergrund tatsächlich nahe. Ich muss aber sagen: So sehr ich Hape Kerkeling verehre, so wenig traue ich mich, in seinen Kinofilm zu gehen. Da gehört das Ganze irgendwie nicht hin. teleschau: Schreckt Sie der flächendeckende Hype? Herbst: Genau. Dass eine solche Figur über den Status des Besonderen hinaus zu einem Kultstatus erhoben werden muss und im Kino auftaucht - das sehe ich nicht zwingend. Bei Stromberg kann ich mir das auch deshalb nicht vorstellen, weil ich den Aktionskünstler und Alltagscomedian in mir noch nicht recht entdeckt habe. So ein Oliver Pocher oder Hape Kerkeling, wenn ich die mal in einem Atemzug nennen darf, sind da viel abgebrühter. teleschau: Und umgekehrt sind sie weniger detailverliebter Schauspieler als Sie? Herbst: Ich fühle mich mit dieser Kunstfigur in der Tat viel wohler. Bis hin zu dem Umstand, dass diese Figur Sätze spricht, die gescriptet sind. Ich setze mich zu Hause hin und lerne die auswendig! teleschau: Könnte es sein, dass die Serie auch ohne eine Stromberg-Partei hochpolitisch ist? Zeigt sie womöglich, wie der Kapitalismus im Kleinen, in den Abteilungen scheitert? Bei der Capitol-Versicherung wird ja nicht gerade ökonomisch gearbeitet ... Herbst: Absolut. Unter den komödiantischen Fernsehformaten empfand ich "Stromberg" immer schon als besonders politisch. Und zwar in der ursprünglichen Bedeutung des Wortes: polis - die Stadt. Es betrifft die Menschen. Das sehe ich an Zuschriften, die ich bekomme. Die Serie funktioniert gewissermaßen als Spiegel, im besten schillerschen Sinne als moralische Lehranstalt. Die Menschen gehen verwandelt aus dem Anschauen einer "Stromberg"-Folge heraus: "Mein Gott, ich habe mich erkannt und gelobe Besserung!" teleschau: Der Katharsis-Effekt. Herbst: So ist es! Der gute Aristoteles freut sich ein zweites Loch in den Po, wenn er sieht, dass das im ach so gescholtenen Medium Fernsehen möglich ist. Mancher Kabarettist würde sich heute wünschen, dass die Zielgruppe des Spotts ins Kabarett geht. Letztlich gehen ja immer die Menschen rein, die eh alles abnicken, was der Publikumsbeschimpfer da oben erzählt. teleschau: Bei "Stromberg" ist das anders? Herbst: Anscheinend. In meinem Postkasten landen natürlich nicht kübelweise kathartische Phänomene in Schriftform. Aber das kommt vor. Wenn ich das lese, hüpft mein Herz, und ich entwickle auf meine alten Tage noch ein Sendungsbewusstsein. teleschau: Einen Ausweg aus der Arschloch-Logik weist die Sendung aber nicht. Stromberg landet immer wieder auf den Beinen. Herbst: Das ist richtig. Aber Stromberg fällt zwischendurch auch oft auf die Schnauze. Da greift das Prinzip Fremdschämen. Ich weiß von Leuten, die eine komplette Folge gar nicht durchstehen. Weil sie sich zwischen Sprühstuhl und Blitzherpes hin- und hergerissen sagen: "Ich muss morgen wieder ins Büro, das ertrage ich jetzt nicht mehr." teleschau: Gibt es aus der Versicherungsbranche gelegentlich auch Beschwerden nach dem Motto: "Ihr macht uns das Image kaputt?" Herbst: Die wenigen Reaktionen aus der Ecke strahlen eine erstaunliche Gelassenheit aus, die Menschen fühlen sich durchaus nicht verkannt. Für die ist "Stromberg" ein herrliches Ventil. Manche schreiben: "Wenn Sie wüssten ..., bei uns ist alles noch viel schlimmer!" Spätestens dann bin ich froh, dass ich damals wagte, Schauspieler zu werden, und es mir nicht in der Dienstleistungsbranche gemütlich machte. teleschau: Sie spielen auf Ihre Banklehre in den 80er-Jahren an ... Herbst: Ich war damals Jahrgangsbester. Mein Personalchef fiel vom Stuhl, als ich sagte, ich wolle Schauspieler werden. Unter Umständen wäre ich heute ein echter Stromberg mit Reihenhaushälfte im Frankfurter Raum, hätte verschiedene Scheidungen hinter mir, wäre vielleicht Leiter der Kreditabteilung und hätte bei dem ganzen Stellenabbau Angst um meinen Job. teleschau: Erkennen Sie Ihre Büroerfahrungen bei "Stromberg" wieder? Herbst: Es kommt mir manchmal so vor, als habe unsere Ausstatterin damals mit einer Tarnkappe Mäuschen gespielt. Ich habe das Gefühl, die Großraumbüros, die ich während meiner Banklehre kennenlernte, seien eins zu eins nachgebaut worden. Das ist unfassbar. Darüber hinaus baute ich mir auch den einen oder anderen Chef aus der damaligen Zeit eins zu eins nach. Zumindest äußerlich. Bis hin zu Lateinlehrern meiner Schulzeit. Der Studienrat an sich hat ja auch eine Halbglatze und einen Kloschüsselbart. Das sind alles Klischees. Aber das Tolle ist: Man frisst diese Figuren. Da hilft natürlich der pseudodokumentarische Look der Serie, die Interviews, die Unschärfen. Die Ästhetik ist ein Traum. teleschau: Wann hatten Sie zuletzt privat mit einem Versicherungsvertreter zu tun? Herbst: Erfreulicherweise länger nicht. Ich bin jetzt 43 - die wichtigsten Versicherungen sollte man in dem Alter haben. Wenn ich allerdings zur Bank gehe, erkennen mich die Menschen hinterm Tresen durchaus und kommen aus dem Schmunzeln nicht raus. teleschau: Auch weil sie erkannt haben, dass Stromberg ganz tief im Inneren womöglich ein lieber Kerl ist? Herbst: Schön, dass Sie das so ausdrücken und überhaupt die Frage stellen. Ich bemühe mich ja durchaus, Stromberg eine menschliche Seite zu verleihen. Ich wollte den immer sehr rotlippig haben und zumindest so tun, als würde in ihm ein Herz schlagen. Altherrenwitze und Machosprüche reißen - das kriegt jeder hin. Ihm aber im besten dialektischen Sinn - mein Gott, jetzt streifen wir Brecht! - eine Doppelbödigkeit zu geben, war mir immer das größte Anliegen. Als Arsch ist er ja schon geschrieben, so muss ich ihn nicht auch noch spielen. teleschau: Könnte ihn eine Frau erretten? Oder ist es komplexer? Herbst: Es ist komplexer - wie im wirklichen Leben. Eine Frau kann einen nicht retten. Ein Mann auch nicht. Die Rettung - jetzt werde ich auch noch christlich-abendländisch - die liegt in uns selbst. Das schnallt Stromberg natürlich nicht. Der definiert sich nur über seinen überdachten Parkplatz, nur darüber, wie andere auf ihn reagieren. In ihm selbst ist ja nicht viel. Bei Menschen, die so funktionieren, ist das Außen viel wichtiger als das Innenleben. Wehe, das bröselt mal weg, dann hängt man da wie ein Schluck Wasser in der Kurve. Das ist dann zutiefst tragisch. teleschau: Der Imagegewinn, den "Stromberg" bewirkt, scheint ProSieben sehr zu behagen. An der Quote kann's ja eher nicht liegen, dass nun schon die vierte Staffel in Auftrag gegeben wurde. Herbst: Bei den ganzen Sternchen, die irgendwelche Ställe ausmisten oder auf dem Bildschirm Kinder gebären, ist der Sender sicher nicht unglücklich, dass er etwas hat, bei dem eine "Frankfurter Rundschau" oder die "Süddeutsche Zeitung" nicht gleich schreiend weglaufen. teleschau: Wären andere Gründe denkbar, die Serie in naher Zukunft enden zu lassen? Es gab immer mal Spekulationen ... Herbst: Ich wurde zum Start der dritten Staffel komplett falsch zitiert. Ich sagte nie: "Ich habe kein Bock mehr auf 'Stromberg'", sondern lediglich, dass mich die Figur nach drei Monaten Dreharbeiten ziemlich auslaugt. Mit der Zukunft der Serie hat das zunächst mal gar nichts zu tun. Der Rahmen - das Großraumbüro - mag irgendwann zu Ende erzählt sein. Die Figuren sind's noch lange nicht, die funktionieren auch in anderen Zusammenhängen. teleschau: Wäre es nicht auch eine Erleichterung, diese so dominante, kräftezehrende Rolle loszuwerden? Herbst: Jetzt hätte ich mich fast mit einer politischen Floskel aus der Frage rausgewunden, und wir wären wieder beim ersten Gesprächsthema. Natürlich ist die Drehzeit anstrengend. Mit dieser Fratze laufe ich ja auch durch mein privates Leben. Das ist schon eine Herausforderung für Mensch und Maschine. Neue Freunde finde ich in dieser Zeit selten. Das soll nicht wie ein Lamento klingen, aber es ist krass, ich kann es nicht anders sagen. teleschau: Ohne "Stromberg" wären Sie endlich für die Late Night frei. Herbst: Jetzt wollen wir uns doch erst mal anschauen, was Oliver Pocher aus dem Format Late Show noch so rausquetscht. teleschau: Die 30 Folgen gehen auch vorbei. Herbst: Ich gehe den Weg lieber andersrum als Harald Schmidt und möchte mich vorerst in der Schauspielerei austoben, um mich eventuell irgendwann zum Ende in einer Late Show auszubremsen und zu parken. Umgekehrt ist das schwierig. Das Brandmal des Late-Night-Talkers haftet dir einfach an. Du bist Subjekt und Objekt in einer Person. Andere Rollen nimmt dir dann keiner mehr ab. Das kann man gut bei Schmidt erkennen. So brillant er auf der Bühne ist: Da steht immer Harald Schmidt. teleschau: Da Sie ihn so ausführlich erwähnen: Schauen Sie Harald Schmidt ohne Pocher wieder lieber? Herbst: Also, das ist schon unfassbar bildungsbürgerlich geworden. Aber es zeigt, welche Macht Schmidt haben muss, dass ihn die ARD-Oberen einfach machen lassen. Wenn sich Claus Peymann hinsetzt und über irgendwelche Andrea-Breth-Inszenierungen redet, dann geht das an der breiten Masse vollkommen vorbei. Würde man Schmidt damit konfrontieren, dann würde er wahrscheinlich sagen: "Wenn ich weiter Eintagsfliegen einladen soll, die ihre CD in die Kamera halten, dann müsst Ihr in Kauf nehmen, dass ich depressiv werde." Das will natürlich keiner. Außerdem: Eine Late Show ist es eh nicht - die Sendung kommt einmal pro Woche. teleschau: Auch das war früher ganz anders ... Herbst: Ich vermisse die guten alten Zeiten, in denen mich Harald ins Bett brachte und ich mit einem ins Gesicht gefrästen Lächeln wegschlummerte. Inzwischen ertappe ich mich dabei, wie ich mit dem Lexikon auf der Brust einpenne, weil ich vieles nochmal nachschlagen muss. Jens Szameit |
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