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Der ewige Gärtner, nach John LeCarré

Der ewige Gärtner

(tsch) Fernando Meirelles ist zurück. Nach seinem meisterhaften Portrait "City of God" der Slums von Rio de Janeiro mit ihren Verbrechern, Opfern und den Menschen, die aus den armseligen Verhältnissen zu fliehen versuchen, hat sich der brasilianische Regisseur nun einen Roman von John LeCarré vorgenommen, einen Thriller erster Ordnung. Es geht um Verschwörungen auf Regierungsebene, internationalen Konzernkomplott, Korruption, Mord und medizinische Versuche an ahnungslosen Afrikanern. Der Titel: "Der ewige Gärtner".

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Aufgedeckt werden die Missetaten von einer engagierten Studentin namens Tessa (stark: Rachel Weisz). Ihr Mann Justin Quayle (Ralph Fiennes) ist Diplomat in der britischen Hochkommission und Hobbygärtner. Er, ein ruhiger, etwas langweiliger Kopfmensch, der seine Erfüllung im Kressesamenzählen findet, und sie, eine emotionale, fast schon halsbrecherisch leidenschaftliche Aktivistin im Kampf um Menschenrechte, könnten kein unterschiedlicheres Paar abgeben.

Als Tessa gemeinsam mit einem belgischen Arzt herausfindet, dass in Kenia möglicherweise noch nicht zugelassene Tuberkulose-Medikamente an einheimischen HIV-Infizierten getestet werden, bringt sie sich und ihren Mann in höchste Gefahr. Als sie bei einer ihrer Touren ermordet wird, sieht zunächst alles danach aus, als hätte der belgische Arzt sie umgebracht - schließlich soll er mit ihr ein Verhältnis gehabt haben. Doch freilich ist alles anders, als die offiziellen Ermittlungsergebnisse es erscheinen lassen.

Es geht nicht nur darum, dass die Pharmaindustrie den Entwicklungsländern wichtige Medikamente im Kampf gegen Aids nur zu unbezahlbaren Preisen anbietet und der rigide Patentschutz gleichzeitig eine billigere Herstellung dieser Arzneien verbietet. Im Film rückt auch die Angst der Industriestaaten vor einer weltweiten Tuberkulose-Epidemie mit resistenten Krankheitserregern ins Zentrum. Mit Angst lässt sich freilich viel Geld verdienen. Und so zählt jeder Tag im Rennen um die Zulassung eines schützenden Medikamentes. Das ist aber noch längst nicht ausgereift, also testet ein ehrbarer Pharmakonzern lieber in Massenreihenversuchen am lebenden Objekt und sorgt damit für tödliche Konsequenzen, als sich noch einmal ins Labor zu begeben. Dauert zu lange. Milliarden winken am Horizont. Gedeckt werden die Experimente von der britischen Regierung. Die Gründe bleiben lange im Dunkeln, aber freilich spielt - hochaktuell - der Erhalt heimischer Arbeitsplätze eine wichtige Rolle.

Nach dem Tod seiner Frau, von der er sich innerlich durch die Untreue-Gerüchte schon entfernt zu haben glaubte, vertieft sich Quayle in die Überbleibsel ihrer Arbeit, in die sie ihn nie hat Einblick nehmen lassen, um ihn zu schützen. Langsam beginnt er zu verstehen, trotz vehementer Versuche seiner Vorgesetzten, ihn mit subtilen und freilich indirekten Morddrohungen davon abzuhalten. Doch kommt der sonst so beherrschte Diplomat viel mehr auf die Spur als dem Verbrechen an der Menschlichkeit, dass tausendfach in Afrika begangen wird: erst post mortem lernt er seine Frau richtig lieben.

LeCarrés kritischer Roman über die Pharmaindustrie und ihre Arzneipolitik gegenüber den Dritte-Welt-Staaten bietet allerhand Material für eine starke filmische Umsetzung. Gewidmet hat der Autor sein Buch der Wohltätigkeitsarbeiterin Yvette Pierpaoli, die 1999 im Alter von 60 Jahren während einer Hilfsaktion in Albanien bei einem Autounfall zu Tode kam. Meirelles hat sich auf den fesselndsten Handlungsstrang der Buchvorlage konzentriert: die Liebesgeschichte zwischen zwei Menschen wie Feuer und Wasser.

Erzählt wird die erste Hälfte des Films mithilfe von Rückblenden: Das Kennenlernen zwischen Lektor und Zuhörerin, die Leidenschaft des Augenblicks, die gemeinsame Reise nach Afrika und die ersten Zweifel: Ist die Ehe nur eine Zweckgemeinschaft, damit die junge Aktivistin sich unter diplomatischem Schutz frei bewegen und - daraus hat sie nie einen Hehl gemacht - ihrer wahren Berufung nachgehen kann?

Meirelles versteht es, eine Geschichte mit handwerklichen Mitteln packend zu erzählen. Er arbeitet viel mit Farbfiltern und schafft damit je nach Ort des Geschehens eine ganz eigene, dichte Atmosphäre. So finden sich auch in seinem ersten Hollywood-Film zahlreiche Merkmale wieder, die den intensiven Erzählstil von "City of God" prägten - nur wirken die wackeligen Handkamera-Sequenzen mit ihren schnellen Schnitten diesmal deplatziert. Angesichts der Tragik der spät entdeckten Leidenschaft auf Seiten des spröden Diplomaten und der damit einhergehenden Intensität seines Erkenntnisprozesses sind es vor allem die farbenprächtigen Panoramaeinstellungen, die voller Stille und Nachdenklichkeit die emotionale Wirkung voll zur Geltung bringen.

Ralph Fiennes brilliert - ähnlich meisterhaft wie zuvor in dem unbeachteten Charakterdrama "Spider" - als zunächst schüchterner, sein Liebesglück kaum fassender Biedermann und entwickelt diesen Charakter in bemerkenswerter Authentizität weiter zu einem todtraurigen, leidenschaftlichen Mann, der erst in der Rückschau die Möglichkeit bekommt, seine Frau nicht nur aus staunender Zurückhaltung heraus, sondern auch mit Haut und Haar und wichtiger: mit dem Kopf inbrünstig zu lieben. So wird der "ewige Gärtner", ohne Frage hier als Klischee des Langweilers verwendet, zum aufopferungsvollen Kämpfer, der sein Zuhause nicht im heimischen Garten, sondern in der Liebe gefunden hat. Das macht das Finale in der einsamen Wildnis Afrikas freilich umso tragischer. Doch hebt dies Meirelles' LeCarré-Verfilmung weit aus der Masse anderer Verschwörungsthriller hervor, die allein dem Suspense huldigen.

Leif Kramp

Credits:
V:Kinowelt, GB / D 2005, R: Fernando Meirelles, D: Rachel Weisz, Ralph Fiennes, Daniele Harford u.a.


Der Diplomat Justin Quayle (Ralph Fiennes) sucht den Mörder seiner Frau.
Der Diplomat Justin Quayle (Ralph Fiennes) sucht den Mörder seiner Frau. (Kinowelt Filmverleih)

Als Tessa Quayle (Rachel Weisz) Justin das erste Mal sieht, verliebt sie sich sofort in ihn.
Als Tessa Quayle (Rachel Weisz) Justin das erste Mal sieht, verliebt sie sich sofort in ihn. (Kinowelt Filmverleih)

Tessa (Rachel Weisz) und Justin (Ralph Fiennes) freuen sich auf das Baby.
Tessa (Rachel Weisz) und Justin (Ralph Fiennes) freuen sich auf das Baby. (Kinowelt Filmverleih)

Datum: 08.01.2006

Diskussion: "Der ewige Gärtner, nach John LeCarré"

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