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Wim Wenders
Reisen zu sich selbstRegisseur Wim Wenders (tsch) "Paris, Texas", ein Melodram inmitten der kalifornischen Wüste unter unendlichem Horizont, in dem ein Vater - der legendäre Harry Dean Stanton - seine Tochter sucht (Nastassja Kinski) und schließlich in der Kabine einer Peepshow findet: Das war wohl Wim Wenders' schönster Film. Er wurde 1984 in Cannes mit der Goldenen Palme geehrt. Nach Cannes wurde Wenders, der im Ausland wohl angesehenste lebende deutsche Regisseur, bislang acht Mal eingeladen. Auch in diesem Jahr wieder, mit "Don't Come Knocking", dem Film, der entfernt anknüpft an "Paris, Texas". Wieder drehte Wenders, wie so oft, ein Roadmovie, und wieder in Amerika. Sam Shepard, der damals das Drehbuch schrieb, ist jetzt als Schauspieler im neuen Film zu sehen, in dem sich ein gealterter Westernheld mit der eigenen Vergangenheit konfrontiert. Der Film startet am 25. August im Kino. Anzeige
Wenders' Filme waren immer Reisefilme. "Die Helden in den Filmen von Wim Wenders sind unstet, im Elend wie in der Fremde", schrieb der Kritiker Wolfram Schütte anlässlich des berühmten Wenders-Films "Im Lauf der Zeit" von 1976, der den Ruhm des Neuen deutschen Films wesentlich mitbegründen half. Ausfahrten in die Welt - von Wien ins Burgenland ("Die Angst des Tormanns beim Elfmeter"), in die USA ("Alice in den Städten"), von der Nordsee bis zur Zugspitze hinauf ("Falsche Bewegung") - waren Fluchtbewegungen, sollten nach Niederlagen doch noch persönliche Erfüllung bringen. Doch diese Reisen wurden allesamt zu "falschen Bewegungen", brachten nichts als Ernüchterung. "Im Lauf der Zeit" wurde zu Wenders' erstem Meisterwerk: Ein Reparateur von Kinoprojektoren, ein Arzt am Sterbebett des Kinos gewissermaßen, und einer, der seine Frau verlassen hat und nun in die Elbe fährt, begegnen hier einander und tingeln gemeinsam - auf einer "Reise nach innen" - an der innerdeutschen Grenze entlang. Landschaften, Tageszeiten, die Zeit selbst ziehen den Zuschauer in ihren Sog. Wenders drehte damals elf Wochen lang "on the road", suchte die Drehorte spontan, schrieb die Dialoge nächtens um. Er machte damals wie noch heute Filme mit viel Wagemut. Mit "Im Lauf der Zeit" wurde Wenders, der nach einem längeren Parisaufenthalt 1970 die Münchner Filmhochschule HFF absolvierte, zu einem der wichtigsten Verteter des Kinos der 70er-Jahre. Nach dem Film "Der amerikanischen Freund" von 1977, seiner ersten internationalen Koproduktion, holte ihn Frances Ford Coppola in seine Zoetrope-Studios nach Hollywood. Was damals der Höhepunkt einer Regiekarriere hätte werden sollen, geriet allerdings beinahe zum Flop: Nach jahrelanger Vorarbeit und nachdem der schwarze Krimi "Hammett" nahezu abgedreht war, zog Coppola nicht mehr mit. Mit Mühe gelang es Wenders, seinen eigenen, kleineren Film fertigzustellen. Als er damit 1982 zu den Internationalen Hofer Filmtagen kam, merkte man ihm an, welch zentnerschwere Last von seinen Schultern gefallen war. Gelassen rechnete er später mit dem in Portugal gedrehten "Der Stand der Dinge" mit Hollywood ab - und erhielt in Venedig prompt den Goldenen Löwen dafür. In "Paris, Texas" weiß - anders als in früheren Filmen - die Hauptfigur genau, was sie will: Travis (Harry Dean Stanton) sucht Frau und Kind, will die eigene Familie zurück. Wieder filmte Wenders wochenlang ohne zu wissen, wie der Schluss des Filmes aussehen würde. Dann folgte "Der Himmel über Berlin", mit Bruno Ganz und Otto Sander als gedanken lesende Engel in der geteilten Stadt - ein poetisches Meisterwerk, das Cannes abermals mit einem Preis belohnte, dem Regiepreis diesmal. Den "größten Grübler unter Deutschlands Regisseuren" hat man den teils in Los Angeles, teils in Berlin lebenden Wenders einst abschätzig genannt. Wenn man ihn sprechen hört, langsam und bedächtig, könnte man ihn in unserer schnelllebigen Zeit leicht unterschätzen. Doch im europäischen Ausland wurde der theologische Ehrendoktor der Sorbonne zur cineastischen Kultfigur. Inzwischen verlegte er sich auch auf Musikdokumentationen wie den berühmten "Buena Vista Social Club", produzierte mit einer eigenen Produktionsfirma Dokumentar- und Spielfilme mit kleinem Budget. Und wenn er erklärt, dass sein Film "Land of Plenty" vom vergangenen Jahr insgesamt genau so viel gekostet habe wie eine große Hollywood-Produktion an einem halben Drehtag, dann schwingt noch immer die alte Hassliebe zu Hollywood mit. "Aber diese Peanuts verschaffen mir Freiheit", so bringt er es auf den Punkt und schwärmt für die Digitalfilme mit kleinem Budget. Privat hatte Wenders lange Zeit beinahe so viele weibliche Musen an seiner Seite wie er Filme inszenierte. Inzwischen ist er mit einer Berliner Fotografin verheiratet, gibt mit ihr gemeinsame Fotobände heraus. Wenders, der alte Heimatsucher, wird stets ein heimatloser Weltbürger bleiben und hoch über der deutschen Tiefebene stehen. Wenders-Filme zum 60. Geburtstag im Fernsehen: "Der amerikanische Freund" (ARD, 10.8., 0.35 Uhr) "Der Himmel über Berlin" (Arte, 15.8., 20.40 Uhr) "Bis ans Ende der Welt" (ARD, 16.8., 0.35 Uhr) "Alice in den Städten" (Arte, 17.8., 23.00 Uhr) "Der amerikanische Freund" (Arte, 22.8., 20.50 Uhr) "Im Lauf der Zeit" (Arte, 24.8., 23.00 Uhr) "Hammett" (ARD, 24.8., 0.35 Uhr) "Der Stand der Dinge" (Arte, 29.8., 20.50 Uhr) Wilfried Geldner |
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