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Doku-Filmer Michael Moore

Wenn Unmögliches möglich wird...

Regisseur Michael Moore

Konzerne verdienen am Tod ihrer Mitarbeiter, weil sie Lebensversicherungen auf sie abgeschlossen haben. Schuldner wissen nicht mehr, an wen sie die Hypothekenraten fürs Häuschen zahlen sollen, weil ihr Kredit schon mehrfach weiterverkauft wurde. Und Privatfirmen betreiben Gefängnisse, für deren gewinnbringende Auslastung bestochene, staatliche Richter sorgen. Der Mann, der Abstrusitäten wie diese im Kino aufdeckt, heißt Michael Moore (55). Nach Erfolgsfilmen wie "Bowling For Columbine" oder "Sicko", die sich mit Waffengesetzen und Krankenversicherung beschäftigten, stürzt sich der streitbare Filmemacher diesmal auf die Wirtschaft. "Kapitalismus: Eine Liebesgeschichte" (Start: 12.11.) seziert mit beißendem Spott, viel Mitgefühl und amüsanter als so manche Komödie die Auswüchse einer enthemmten Wirtschaft, die nicht nur die USA in eine weltweite Finanzkrise führten.

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teleschau: Glauben Sie tatsächlich, wie in Ihrem Film geäußert, dass der "American Dream" nur die vorgehaltene Karotte ist, der der amerikanische Bürger wie ein Esel vergeblich hinterherjagt?

Michael Moore: Das Gute am so genannten amerikanischen Traum ist ja, dass wir in den USA unbeirrt daran glauben. Wir glauben an Demokratie und Gerechtigkeit. Ich finde allerdings, es ist schwer von einer Demokratie in einem Land zu sprechen, in dem die Wirtschaft das Leben der Menschen bestimmt. Das ist alles andere als demokratisch. Dazu kommt noch, dass die Menschen kein Wörtchen mitzureden haben bei der Art und Weise, wie die Wirtschaft geführt wird. Ich weiß jedenfalls nicht, was daran demokratisch sein soll. Vermutlich, dass wir alle zwei oder vier Jahre wählen dürfen.

teleschau: Aber Wahlen sind doch ein urdemokratisches Element?

Moore: Demokratie sollte jeden Tag und überall in der Gesellschaft herrschen, nicht nur, wenn eine Wahl bevorsteht. Man geht jeden Tag zur Arbeit und in dem Moment, an dem man die Stechuhr drückt, gibt man auch seine verfassungsmäßigen Rechte auf? Seine Rechte auf Freiheit und Demokratie? Das ergibt in meinen Augen keinen Sinn. Persönlich betrifft mich das, wenn ich anständige, hart arbeitende Leute in Amerika sehe, deren Leben ruiniert wurde - durch Entscheidungen von Leuten, die nicht ihr Bestes im Sinn hatten, sondern das Beste für die Firma, bei der sie arbeiten. Ich hoffe, dass dieser Film solchen Menschen eine Stimme verleiht und ihnen die Gelegenheit gibt, ihre Geschichte erzählen zu können - in den Vereinigten Staaten und auf der ganzen Welt.

teleschau: Glauben Sie denn an die Chance zur Veränderung?

Moore: Hätte man mich vor drei oder vier Jahren gefragt, ob ein Afroamerikaner Präsident der USA werden kann, hätte ich "Nein" geantwortet. Ich bin immer wieder überrascht von der Fähigkeit, nicht nur der Amerikaner, sondern der Menschen auf der ganzen Welt, Unmögliches möglich werden zu lassen. Wer von uns hätte geglaubt, dass die Mauer jemals fallen würde? Ich nicht. Wieviele hätten darauf gewettet, dass Nelson Mandela jemals aus dem Gefängnis kommen, geschweige denn Präsident von Südafrika werden würde?

teleschau: Aber beiden Ereignissen ging ein gesellschaftlicher Umbruch voraus ...

Moore: So viele Überraschungen sind in den letzten Jahren passiert, dass ich inzwischen glaube: Alles ist möglich! Menschen können auf gute Weise revoltieren, sie können gewaltfrei einstehen für das, was sie für richtig halten. So wie es die Osteuropäer taten, so wie es die Südafrikaner und wie es die Menschen in den Vereinigten Staaten vor einem Jahr taten ...

teleschau:... an der Wahlurne findet also doch Demokratie statt?

Moore: Die Revolte, zu der ich aufrufe, hat tatsächlich schon begonnen. Aber auch ein Barack Obama alleine kann nicht alles möglich machen. Die Amerikaner, die überwältigende Mehrheit, die ihn gewählt hat, müssen aktive Bürger sein. Demokratie ist kein Zuschauerspektakel, sondern zur aktiven Teilnahme gedacht. Wenn wir nicht mitmachen, ist sie zum Scheitern verurteilt. Barack Obamas Aufstieg oder Fall wird nicht so sehr von seinen eigenen Taten abhängen, sondern von dem, was wir tun, um ihn zu unterstützen.

teleschau: Unterstützung benötigt Obama bei der Einführung einer gesetzlichen Krankenversicherung ...

Moore: "Sicko" hat damals eine Debatte losgetreten. Und in den USA tobt derzeit eine Schlacht um die Einführung der Krankenversicherung. Man kann aber keinen riesigen Gewinn erzielen, in dem man kranken Menschen hilft. Sie können mir also glauben, dass die Gesundheitsindustrie alles tut, was sie kann, um Obama und den Kongress daran zu hindern, das zu tun, wofür sie gewählt wurden. Ich hoffe, dass er hart bleibt und auch die Mitglieder des Kongresses Rückgrat beweisen.

teleschau: Ihre Filme sind hochpolitisch. Warum wechseln Sie nicht in die Politik?

Moore: Mein oberstes Ziel ist es immer, einen guten Film zu drehen, der unterhält und zum Denken anregt. Ich möchte nicht, dass die Menschen am Freitagabend in meinen Film gehen und sich danach fragen: Warum habe ich für diesen Schrott auch noch einen Babysitter bezahlen müssen? Wäre das nicht mein oberstes Ziel, würde ich ja vielleicht versuchen, ins Oval Office zu kommen oder eine politische Organisation zu gründen. Aber ich drehe lieber Filme.

Margarete Richter


Achtung, Amerika: Michael Moore ist mal wieder unterwegs.
Achtung, Amerika: Michael Moore ist mal wieder unterwegs. (Concorde / Geoffrey Vail Brown)

Michael Moore ist unermüdlich: In "Kapitalismus - Eine Liebesgeschichte" steigt er Großkonzernen auf die Füße.
Michael Moore ist unermüdlich: In "Kapitalismus - Eine Liebesgeschichte" steigt er Großkonzernen auf die Füße. (Concorde)

Auf den Spuren des Kapitalismus: Oscar-Preisträger Michael Moore.
Auf den Spuren des Kapitalismus: Oscar-Preisträger Michael Moore. (Concorde)

Datum: 08.11.2009

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