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Der alte Robbie Williams in "Reality Killed The Video Star"

Robbie Williams Reality Killed The Video Star

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Erst einmal: Es ist gar nicht so, dass an "Rudebox", dem vor gut drei Jahren erschienenen siebten Studioalbum von Robbie Williams, alles schlecht war. Immerhin fanden sich mit "She's Madonna" und "We Are The Pet Shop Boys" zwei Songs auf der Platte, die in Zusammenarbeit mit den Pet Shop Boys, bekanntermaßen die beste Pop-Formation der Welt, entstanden, sodass zwischen all der Flickschusterei ab und an fein aufpolierte Momente der Erhabenheit hervorblitzten. Trotzdem ist beruhigend, dass nach dem Hören von "Reality Killed The Video Star" festzustellen ist: Williams hat sich offenbar zusammengerissen. Er hat konzentriert gearbeitet, vorher mit den richtigen Leuten telefoniert und eingesehen, dass diese Sache mit der großen Geste, mit der Riesenmelodie und der Musik, die nicht wie ein Messer, sondern wie ein Kissen ist, durchaus Sinn machen kann.

Trevor Horn produzierte "Reality Killed The Video Star", beim Songwriting halfen unter anderem Routinier Guy Chambers und Mark Ronson ("Valerie"). Eine ausnehmend hübsche Kombination - weil Ronson mit seiner eher in der Disko zu verortenden Biografie und "Angels"-Autor Chambers sicher die beiden sind, die die Pole des Albums definieren.

Einmal ist da die Ballade in ihrer klasischen Spielart. "Morning Sun" heißt sie diesmal, eröffnet das Album und möchte ganz offenbar sofort die Welt umarmen. Verschlafenes Vogelgezwitscher, Mundharmonika, ein "Sorry Seems To Be The Hardest Word"-Klavier und dann ein Meer von Streichern, später doch noch so eine Art Urgewalt in der Inszenierung. Dazu all die schönen Worte über das Zweifeln, über die dem Menschen eigene Blindheit: "The morning makes the mistery, the evening makes it history": Man kann sich jetzt schon vorstellen, wie sich Tausende von Casting-Show-Kandidaten an diesem Song verheben.

Eine Größe, die Williams im weiteren Verlauf des Albums noch zweimal erreicht: einmal im kleinen, ganz leicht Richtung Doo-Wop ausschlagenden "You Know Me" und schließlich in "Blasphemy", einem feinen Klagelied über die Bedeutung der Welt und die der eigenen Unpässlichkeiten. "What's so great about the great depression? Was it a blast for you? 'Cause it's blasphemy" heißt es hier. Und natürlich ist das Selbstmitleid. Aber so klug in Szene gesetzt und erklärt, dass man das Wort "augenzwinkernd" dafür benutzen könnte, würde das nicht immer auch so eine gewisse Albernheit transportieren.

Und der andere Robbie? Der Disko-Typ, der einmal ernsthaft ein Suchtproblem hatte, das sich in erster Linie auf Espresso bezog? Der Kerl, der sich wegen "Rudebox" nach Meinung vieler Fans auf die stille Treppe hätte setzen müssen? Der ist auch noch da, nachzuhören in der Single "Bodies": Gregorianerchöre! Dicker Beat! Nuscheliges Genöle, das an Manchester-Faktotum Ian Brown erinnert! Funktioniert, ebenso wie die Tanzboden-Exegesen "Last Days Of Disco" und "Difficult For Weirdos". Ins Klo greift Williams auf diesem Album ohnehin nur einmal - da aber konsequenterweise richtig: "Do You Mind" ist ein unfassbar affiger Rocksong mit stark müffelnder 80er-Jahre-Schlagseite, der abwechselnd nach dem Titelsong einer Videopremiere mit James Belushi in seiner schlechtesten Phase und einer miesen Stones-B-Seite klingt.

Jochen Overbeck


Datum: 15.11.2009

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