Ausführliche Besprechungen von Kinofilmen, Serien, Fernsehfilmen und Shows, die vor allem ein junges Publikum ansprechen
Herzentöter
(tsch) Wenn jemandem im Film das Auto vor seinen Augen geklaut wird, rennt er meistens schreiend hinterher. Hier schaut der Bestohlene nur verdutzt und sagt: "Geil." Denn "Herzentöter" (eine Koproduktion des RBB mit der Ziegler Film GmbH) ist irgendwie anders. Genial anders. Die Beschreibung "Neo-existenzialistischer Mystery-Pop im Spreewald" klingt zunächst kryptisch. Hat man das schrill-melancholische Roadmovie aber gesehen, stellt man fest: Das trifft es wirklich gut. Katja Flint, Xaver Hutter ("Mozart - Ich hätte München Ehe gemacht") und Paul Faßnacht geben diesem skurrilen und mutigen "Debüt im Ersten" eine Seele.
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"Herzentöter ist am Arsch." Das war die erste Idee, die Regisseur und Drehbuchautor Bernd Heiber nach eigenem Bekunden für sein Langfilmdebüt hatte - nach einer Flasche Rotwein. Und so beginnt dieses "philosophische Märchen", wie Katja Flint es beschreibt: Kobja (Hutter) will ein neues Leben in Neuseeland beginnen. Weil ihm dafür noch ein wenig Geld fehlt und die Frist für den Landerwerb in drei Tagen abläuft, entschließt sich der junge Mann ein letztes Mal zum Autoklau.
Kobja stiehlt einen Luxusschlitten, der vor einem Hotel im Spreewald parkt und den die Schauspielerin Mikitsch (Katja Flint) für ihr Taxi nach Berlin hält. Denn die Mikitsch, einst ein Star, ist am Ende, ständig betrunken und nun auch noch gefeuert. Sie spielte in einer B-Picture-Produktion, die dilettantisch versuchte, eine Bergman-Szene nachzustellen. Ein ebenso hübscher Einfall wie die Tatsache, dass später auf dem platten Land ein ambitionierter Regisseur Heiner Müllers "Hamletmaschine" inszeniert.
Kobja kann die Mikitsch, die sofort auf dem Rücksitz entschlummert, nicht mehr hinauswerfen, denn Goran (Waléra Kanischtscheff), der "Besitzer" des Diebesguts, stürmt aus dem Hotel. Kobja hat dummerweise das Auto eines Wagenschiebers erwischt. Nach einer Verfolgungsjagd landen er und die Schlafende in den Sumpfwiesen des Spreewalds, wo Bauer Hanusch (Faßnacht) sie aufgabelt und zunächst für Irrlichter hält: "Spontane Metaphysik in gleichgewichtsschwacher Umgebung." - "Zu Deutsch: Einbildung."
Kobja, Hanusch, die Mikitsch und der Spreewald, das sind für den Regisseur nur Aspekte eines komplexen Charakters in der Krise. Sie sind grundverschieden, träumen aber alle drei vom Neuanfang. Und der Bludnik, gegen den Bauer Hanusch kämpft, der hilft ein wenig nach, damit alles wieder ins Gleichgewicht kommt. Pardon, wer? "Der Irrwisch (wendisch BLUDNIK, von blud, der Irrthum) ist ein schadenfroher Gnom, der bei Nacht und Nebel die Menschen so verblendet, dass sie den Weg verlieren und irre gehen und dabei leicht in Sümpfe geraten", zitiert der Regisseur auf der Internetseite zum Film Haupts Sagenbuch der Lausitz von 1862.
Manchmal ist nicht ganz klar, ob er dem Zuschauer mit seinem Film, durch den sogar der gute alte Shakespeare immer wieder irrlichtert, einen Drogentrip oder Mystisches vorführt. "Herzenstöter" entschlüsselt die Mikitsch das Tattoo auf Kobjas Arm. "Das klingt ja wie einer meiner Filme." "Ohne S", korrigiert Kobja. Es gibt feine Unterschiede zwischen diesem vielschichtigen Kinovergnügen und der üblichen Fernsehkost.
Petra Fürst
Herzentöter
ARD
16.07.2007
22:45:00
Ist das Gras in Nachbars Garten wirklich grüner? Mikitsch (Katja Flint) und Hanusch (Paul Faßnacht) träumen von einem anderen Leben. (rbb / J. Vietinghoff / J. Gruber)
Einst war sie ein Star, jetzt hängt sie an der Flasche, die Mikitsch (Katja Flint). (rbb / J. Vietinghoff / J. Gruber)
Bauer Hanusch (Paul Faßnacht) will dem Bludnik ein für alle Mal das Handwerk legen. (rbb / J. Vietinghoff / J. Gruber)
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