Peter Jacksons "King Kong" ist zu lieb
King KongMeistens sehen Katastrophenfilme so aus: Die ersten 75 Minuten ein wenig Handlung, danach die Katastrophe. Nach 100 Minuten ist das Schauspiel vorüber. Oft genug gingen Regisseure noch in diese dramaturgische Falle. Auch in Peter Jacksons "King Kong" (2005) dauert es eine ganze Weile, bis das Monster auftaucht. Rund 65 Minuten vergehen, und Peter Jackson tut sich schwer in dieser Zeit. Dann aber folgt Kongs Auftritt. Der Affe ist, wie soll man's sagen, erstaunlich lieb. RTL zeigt ihn nun Feiertagsabend und hofft auf das Sitzfleisch seiner Zuschauer. Die Werbeunterbrechungen werden dafür sorgen, dass das Monster im TV erst nach 205 Minuten, gegen 23.40 Uhr, endgültig bezwungen ist. Mit der Neuverfilmung von "King Kong" erfüllte sich Peter Jackson einen Herzenswunsch. Sicher, er hätte jeden Film fordern können. Nach dem gewaltigen Erfolg seiner "Herr der Ringe"-Trilogie hatte er nicht nur inhaltlich, sondern auch finanziell alle Möglichkeiten. 20 Millionen Dollar erhielt er selbst, mehr als jeder andere Filmemacher vor ihm. Der Regisseur als der Star? Dass er ausgerechnet den größten Katastrophenklassiker aller Zeiten als Thema wählte, passt zu den hohen Ansprüchen des Neuseeländers. Zumal "King Kong", wenn man so will, "erlaubt" war. 30 Jahre waren seit der letzten ernst zu nehmenden Verfilmung vergangen. Die moderne Technik ließ neue Möglichkeiten zu, die Jackson auch zu nutzen verstand - einem Budget von rund 200 Millionen Dollar sei Dank. Dabei beeindruckt weniger der Affe selbst und schon gar nicht das andere Getier, das er auf der geheimnisvollen Skull Island hausen lässt. Dinosaurier? Jawohl, Dinosaurier! Schon wieder. Und zwar happig viele. Nein, vielmehr bindet Jackson seine Computer-Helden ganz selbstverständlich in die Story ein und gibt ihnen dabei alle "schauspielerischen Möglichkeiten". Mimik und Gestik, spektakuläre Stürze und Kämpfe - es ist viel möglich. Die erste Stunde des Films hinterlässt Skepsis. In einer unnötigen Ausführlichkeit stellt Jackson die Protagonisten vor, die später von drei Ausnahmen abgesehen ohnehin irrelevant werden. Wichtig nur: der erfolglose Regisseur Carl Denham (Jack Black), der einen Film auf einer bislang unerforschten Insel drehen will. Jack Driscoll (Adrien Brody), der wider Willen die Schiffsfahrt zu dem Eiland antritt und auf dem Weg als Autor das Buch zum geplanten Film fertig stellt. Und, natürlich: Ann Darrow (Naomi Watts), die weiße Frau, die dem Monsteraffen den Kopf verdrehen wird. Die letzten zwei Stunden gehören dann der Jagd: Kong jagt die Frau, die Menschen jagen Kong, die Dinos jagen die Menschen, Kong jagt die Dinos, Kong jagt die Menschen, und am Ende die Menschen wieder Kong - hoch droben auf dem Empire State Building, auf dem der Affe diesmal deutlich kleiner aussieht als noch im Original. Wahrlich spektakuläre, wenngleich inhaltlich doch überzogene Szenen finden sich bei alldem, zuvorderst eine wilde Hatz aller Beteiligten durch den Dschungel, die im größten denkbaren Urzeit-Auffahrunfall mündet. Dazwischen macht Jackson Pausen, die er entweder mit den kleinen Widrigkeiten eines Dschungelmarschs oder der sich entwickelnden Beziehung zwischen King Kong und der weißen Frau füllt. Eben sie ist es, die dazu auffordert, den Film rückblickend sehr differenziert beurteilen zu müssen. Dass sich eine Form von Liebe entwickelt, daran ließ auch das Original ("King Kong und die weiße Frau" mit Fay Wray, 1933) keinen Zweifel. Doch Peter Jackson treibt es hier unglaublich weit und baut gar klischeehafte Romantik ein, wie sie einem Meg-Ryan-Weihnachtsfilm entstammen könnte. Nur zwei Beispiele: Kong und sein Mädchen vor dem Sonnenuntergang ließe man sich noch eingehen. Sie in New York gemeinsam eislaufen zu sehen, ist indes des Guten nun wirklich zu viel. Der Film, der in den deutschen Kinos 2,5 Millionen Zuschauer hatte, treibt die Vermenschlichung seines tierischen Hauptdarstellers schlicht zu weit, übermittelt seine Botschaft allzu deutlich, gibt sich damit am Ende beinahe der Lächerlichkeit preis und wird zum Opfer seiner eigenen Perfektion. Denn Kong verliert dank exzellenter Computer-Möglichkeiten, die ihm Langeweile, Wut und sogar eine Art Lächeln ins Gesicht zaubern, das Bedrohliche, das ihm sowohl im Original als auch in der ersten Neuverfilmung von 1976 innewohnte. Kai-Oliver Derks |
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