Ausgerechnet den ältesten Film seiner Charlie-Chaplin-Reihe hat ARTE bis zuletzt aufgespart. Nach Meilensteinen wie "Der große Diktator" (1940), "Moderne Zeiten (1936) und "Lichter der Großstadt" (1931) folgt abschließend Chaplins erster abendfüllender Spielfilm überhaupt: "The Kid" entstand 1920, und abendfüllend meint in der hier gezeigten Fassung eine Laufzeit von 51 Minuten. Indes, verschwendet hat der Hollywoodtausendsassa der Pionierzeit keine einzige. So unterhaltsam und rasant es zugeht, nie weiß man, ob dieses zutiefst menschliche Außenseitermärchen nun zum Lachen oder Weinen ist. - ARTE strahlt auch diesen zeitlosen Stummfilmklassiker in bestechender HD-Qualität aus.
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Den Slapstick-Charlie mit Watschelgang, der sich aberwitzige Verfolgungsjagden und Keilereien liefert, den zeigt auch "The Kid" zur Genüge. Nimmt man jedoch allein das Handlungsgerüst her, dann würde man nicht unbedingt urteilen, hier handle es sich um eine Komödie. Eine junge Mutter (Edna Purviance) verlässt mit ihrem Neugeborenen unterm Arm das Charity Hospital. In ihrer Verzweiflung legt die offenbar mittellose Frau den Säugling auf die Rückbank einer edlen Limousine. Der Wagen wird gestohlen, das Kind von den Dieben abermals ausgesetzt - in einem dreckigen Hinterhof neben einer Mülltonne.
Chaplin, hier nicht wirklich "Tramp", also Vagabund, aber doch fast, liest den Findling beim Morgenspaziergang auf. Und da er ihn nicht loswird, nimmt er ihn widerwillig mit in seine schäbige Baracke und kümmert sich fortan liebevoll. Fünf Jahre später hat sich der Bursche (Jackie Coogan) prächtig entwickelt. Es ist durchweg anrührend, wie Chaplin dem Jungen mit Spucke und Taschentuch den Hals wäscht und wie sich beide mit kleinen Gaunereien durchs harte Leben schlagen. Doch das fröhlich-traurige Rührstück aus der Gosse der Gesellschaft endet jäh: Ein Arzt macht die Behörden aufmerksam, und die Mutter, inzwischen eine gefeierte Schauspielerin, kommt zurück ins Spiel.
"Ein Film mit einem Lächeln - und vielleicht einer Träne", so steht's im Vorspann. Und der bringt es auf den Punkt. Chaplin benötigt kaum Zwischentitel, um seine zeitlose Geschichte zu erzählen, so ausgereift ist seine Filmkunst schon in jungen Jahren. Doch neben seiner Brillanz machte der Star auch früh mit Eskapaden auf sich aufmerksam. Die junge Lita Grey, die den Helden in einer Traumsequenz am Ende lolitahaft verführt, erweckte auch privat Chaplins Interesse.
Drei Jahre später, da war sie 16, wollte der Regisseur Grey in "Goldrausch" (ARTE zeigt den Film unmittelbar zuvor, um 20.50 Uhr) besetzen, als sie von ihm schwanger wurde. Um nicht wegen Vergewaltigung einer Minderjährigen verurteilt zu werden, musste Chaplin das Mädchen heiraten. Die Ehe, die so skandalträchtig endete, wie sie begann, hielt drei Jahre.
Jens Szameit
Der Tramp (Charles Chaplin) und sein Findelkind (Jackie Coogan): ein anrührendes, zeitloses Außenseiterstück. (ARTE / Roy Export Company Establishment)
Charlie (Charles Chaplin, Mitte) und der kleine John (Jackie Coogan) schlagen sich mit Gaunereien durchs Leben. Die Ordnungshüter sehen's mit Argwohn. (ARTE / Roy Export Company Establishment)
In der Fantasiewelt: Charlie (Charles Chaplin) träumt von einem paradiesischen Leben ohne Last und Mühen. (ARTE / Roy Export Company Establishment)
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