Was haben Lindsay Lohan, Horst Lichter und Ursula von der Leyen gemeinsam? Erstens: Ihre Nachnamen beginnen mit L. Zweitens: Alle drei wurden bereits mit Preisen ausgezeichnet, um die sich absolut niemand reißt. Während Lohan und Lichter jedoch bereits 2008 "Goldene Himbeere" beziehungsweise "Saure Gurke" nicht in Empfang nahmen, ist die Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend erst seit Kurzem "stolze" Preisträgerin: Die "Big Brother Awards" wurden am vergangenen Freitag zum zehnten Mal an Personen und Unternehmen verliehen, die sich in puncto Datenweitergabe und Eingriff in die Privatsphäre besonders hervortaten.
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Was wäre das für eine Überraschung gewesen, wenn Ursula von der Leyen in diesem Jahr nicht zumindest einen Negativpreis erhalten hätte. Schließlich mutierte "Zensursula" in den vergangenen Monaten von der Heldin der Kindertagesstätten zum Feindbild der deutschen Internetgemeinde. Und da die Kandidaten für die "Oscars für Datenkraken" aus den Vorschlägen der User rekrutiert werden, konnte die Ministerin quasi als gesetzt gelten. "Sie hat innerhalb der letzten zwölf Monate ein System zur Inhaltskontrolle im Internet vorangetrieben, das zu einer Technik von orwellschen Ausmaßen heranwachsen kann", begründete die Jury, die sich aus sieben Datenschützern und Menschenrechtlern zusammensetzt, ihre Entscheidung auf der Homepage www.bigbrotherawards.de.
Dass die Ministerin darauf verzichtete, die Ehrung auf ihrer Homepage zu erwähnen, wundert ebenso wenig wie der Trend, der sich aus dem Feld der Preisträger herauslesen lässt: Das Internet ist ein wahres Paradies für Datenkraken. So wurden neben dem Berliner Organisationskomitee der Leichtathletik-WM, das Journalisten nur nach Überprüfung auf das Wettkampfgelände ließ, und überwachenden Unternehmen im Allgemeinen webaffine Problematiken fokussiert. Über den Wirtschaftspreis konnten sich deshalb "deutsche Firmen, die Überwachungstechnik für Internet und Telefon anbieten" freuen. "Technologien, die die Überwachung ganzer Gesellschaften ermöglichen, führen zu einem Klima des Misstrauens und der Angst", fasste Laudator Frank Rosengart vom Chaos Computer Club e.V. zusammen.
Zu den Stichwörtern Misstrauen und Angst fiel den Abstimmenden jedoch noch ein anderer ein: Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble räumte nicht nur den Publikumspreis, sondern auch den für sein Lebenswerk ab. "Er ist einfach unerreicht. Und wird hoffentlich unerreichbar bleiben" lautete eine Begründung der User, die dem Politiker ein Drittel aller Stimmen schenkten. Die Jurybegründung für den Lifetime-Award fiel da ein wenig umfangreicher aus - Online-Durchsuchungen und Vorratsdatenspeicherung natürlich inklusive.
Ob es den beiden Politikern ein Trost sein wird, dass sie in bester Gesellschaft sind? So wurden im Vorjahr alle Mitglieder des 16. Deutschen Bundestages "für das Durchwinken mehrerer Gesetze, die eine Erhebung, langfristige Speicherung und Weitergabe von detaillierten Daten über Reisende erzwingen" berücksichtigt. 2007 tat sich die scheidende Justizministerin Brigitte Zypries mit ihrem Gesetzesentwurf für die Vorratsdatenspeicherung hervor und erhielt bereits ihren zweiten "Big Brother Award".
Ein weiteres Trostpflaster für Schäuble: Innenminister haben es von vornherein nicht leicht. Otto Schily wurde nach einer ersten Auszeichnung 2001 im Jahre 2005 mit dem Preis fürs Lebenswerk bedacht, der hessische Innenminister Volker Bouffier nennt auch schon zwei Trophäen sein Eigen. Oder drei, wenn man es genau nimmt: Die Innenministerkonferenz gewann 2006 mit der Einrichtung der Antiterrordatei geschlossen den Politikpreis. Nominierungen für 2010 können übrigens bereits jetzt eingereicht werden.
Annekatrin Liebisch
Dekorativ ist er nicht, der "Big Brother Award". Aber das ist nicht der Grund, warum er eher ungern entgegen genommen wird. (Thorsten Möller)
Eine Auszeichnung, die sich Ursula von der Leyen nicht ins Regal stellen wird: Die Politikerin erhielt den "Big Brother Award 2009". (www.ursula-von-der-leyen.de)
Wolfgang Schäuble räumte ab: Der Innenminister erhielt sowohl den Publikumspreis als auch einen Award für sein Lebenswerk. (www.wolfgang-schaeuble.de)