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Caché

Caché

(tsch) Bereits die ersten Minuten von "Caché", dem neuen Film von Michael Haneke, sind verstörend. Auf der Leinwand passiert zunächst gar nichts, danach nicht viel. Die Kamera ist auf ein Haus gerichtet, und wer nicht genau hinsieht, könnte denken, es wäre ein Foto. Irgendwann läuft jedoch eine Frau vorbei und von irgendwo ertönen fremd wirkende Stimmen. Ein Minidialog. "Wo war sie?", fragt sie. "In einer Tüte vor der Tür", antwortet er. Diese Verwirrung hat Methode und ist ein Vorgeschmack auf die folgende Herausforderung für Wahrnehmung und Geist, die 2005 in Cannes die Golden Palme für die beste Regie gewann und neben der Auszeichnung als Europäischer Film des Jahres auch die Europäischen Filmpreise für Regie, Hauptdarsteller und Schnitt erhielt.

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Nach den etwas sperrigen "Code: Inconnu" (2000) und "Wolfzeit" (2003) ist Hanekes neuer Film trotz der intellektuellen Dichte durchaus zugänglich. Der Österreicher fragt nach dem Zusammenhang von Schuld und Sühne, Vergangenheit und Gegenwart - hat dabei ganz klare Vorstellungen von Moral, verzichtet aber auf das Moralisieren. Er erzählt sein Vexierspiel in einem ruhigen, sachlichen Ton, inszeniert es dabei ungemein spannend, fast schon mit Thrillerqualitäten.

Das Bild vom Anfang ist die Aufnahme einer Videokamera. Das gewöhnliche Haus in einem der beliebigen Straßenzüge, wie sie typisch für sind für Paris, gehört Anne und George Laurent (Juliette Binoche, Daniel Auteuil). Die beiden, ein Ehepaar aus der gehobenen, intellektuellen Mittelklasse, stehen vor ihrem Fernseher und schauen sich die Aufnahme an. Und das ist gruselig - bereits für jemanden, der im Kino sitzt und sich fragen muss, was Wirklichkeit und was Fiktion ist. Zumal sich Haneke nicht auf diese beiden trennscharfen Bereiche beschränkt, sondern sie nach Belieben vermischt, um endgültig für Verwirrung zu sorgen. Anne und George gruseln sich schlichtweg vor dem Gedanken, beobachtet zu werden.

Es bleibt nicht das einzige Tape, das über den wohlgeordneten, liberal-bürgerlichen Alltag hereinbricht wie eine Lawine. Adressiert sind sie an George, einen erfolgreichen Literatur-Talker im Fernsehen. Bleibt zunächst alles halbwegs geregelt, legt sich schon bald eine gewisse Unruhe über die Bilder, von denen man nie weiß, ob sie die (Film)Realität zeigen oder eine Scheinwelt. Die Diktatur der Bilder wird von bedrohlichen Kinderzeichnungen zementiert - blutige Fantasien, die auch in Georges Träumen vorkommen. Ein, von einem unschuldigen Jungen, geköpfter Hahn nimmt dabei eine Schlüsselrolle ein. Das Blut wird nicht das einzige bleiben, das aus einer Kehle fließt. Haneke inszeniert auf dem Höhepunkt des Films einen der schockierendsten Momente der Kinogeschichte.

Die krassen Bilder sind ein drastisches Mittel, um verständlich zu machen, wie brutal unaufhaltsam eine Ausnahmesituationen zur bedrohlichen Normalität wird - die Familien- und Gesellschaftsidylle bekommt natürlich Risse. George vereinsamt zwangsläufig und macht sich alleine auf die Suche nach dem Urheber des Terrors, die ihn bis in seine Kindheit führt. In ihm schlummert das Bewusstsein einer Wahrheit, die er lange verdrängt hat, und für die er sich nicht verantwortlich fühlen will. Es ist ein Ereignis aus Kindertagen - kann man dafür überhaupt verantwortlich gemacht werden?

Haneke gibt keine klare Antwort und riskiert damit eine weitere Provokation seines Publikums. Das scheint allerdings wohl kalkuliert. Denn "Caché" stellt nicht nur die Frage nach Schuld, Sühne, Verdrängung und Verantwortung, sondern in der Wahl der inszenatorischen Mittel auch nach dem Wesen der Realität. Die Bilderwelten sind meisterhaft verschachtelt, eine intellektuelle Herausforderung. Schein und Sein wollen erst einmal auseinander gepuzzelt werden. Während sich George durch die Videokassetten seiner Vergangenheit stellen muss, stellt sich dem Zuschauer die Frage nach dem Wesen und der Macht der Bilder. Und das ist nur scheinbar nebenbei eine selbstreflexive, fast schon zynische Auseinandersetzung mit medial produzierter Wirklichkeit.

Andreas Fischer

Credits:
V:Prokino (Fox), F / AUT / D / I 2005, R: Michael Haneke, D: Daniel Auteuil, Juliette Binoche, Annie Girardot u.a.

Kinostart:
26.01.2006


Die Nerven liegen blank bei George (Daniel Auteuil, Mitte) und Anne (Juliette Binoche) - der Frust entlädt sich auch an unschuldigen Passanten.
Die Nerven liegen blank bei George (Daniel Auteuil, Mitte) und Anne (Juliette Binoche) - der Frust entlädt sich auch an unschuldigen Passanten. (Prokino)

Die Angst kommt mit leisen Schritten: George (Daniel Auteuil) und Anne (Juliette Binoche) können sich gegen die geheimnisvollen Videos nicht wehren.
Die Angst kommt mit leisen Schritten: George (Daniel Auteuil) und Anne (Juliette Binoche) können sich gegen die geheimnisvollen Videos nicht wehren. (Prokino)

Momente der Unbeschwertheit, die längst vorbei sind: George (Daniel Auteuil) und Anne (Juliette Binoche) werden überall beobachtet.
Momente der Unbeschwertheit, die längst vorbei sind: George (Daniel Auteuil) und Anne (Juliette Binoche) werden überall beobachtet. (Prokino)

Datum: 22.01.2006

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Diskussion: "Caché"

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