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München

München

(tsch) Der große Mann des Hollywood-Kinos ist keiner, der sich festlegt. Eine Entscheidung zwischen Anspruch und Popcorn hat er nie getroffen. Oft spürt Steven Spielberg den Geschmack der Massen auf, doch immer wieder hat er auch ein Anliegen. Mit "Schindlers Liste" brachte er die Menschen zum Weinen. Mit "München" bringt er sie dazu, Fragen zu stellen und Feststehendes in Frage zu stellen.

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"München" ist ein umsichtig inszenierter Film über die Rache als solche und im Speziellen. Spielberg beginnt direkt im Kern, als in der zweiten Woche der Olympischen Spiele 1972 eine Gruppe Palästinenser das israelische Dorf stürmte und zunächst zwei, später dann weitere neun Menschen ermordete. Sein Kameramann - wie immer Janusz Kaminski - steht direkt vor den Betten, ist mitten drin im Geschehen. Obwohl keine der Figuren näher beleuchtet wird, stellt sich eine unmittelbare beklemmende Nähe ein. Hier und da ringen Menschen um Fassung, weinen vor den Bildschirmen. Es geht alles viel zu schnell, für den Zuschauer heute wie damals. Immer wieder werden diese realistischen Aufnahmen einer Entführung wie ein brennender Blitz in die Geschichte geschnitten.

Israel wehrt sich. Ein Mossad-Offizier (Geoffrey Rush) rekrutiert den jungen Geheimdienstler Avner (Eric Bana), einen Theoretiker, um vier Männer in gleichsam improvisierte wie präzise geplante Racheaktionen zu führen.

Spielberg balanciert hier auf weit gefährlicherem Terrain, als er es beispielsweise bei "Schindlers Liste" tun musste. Da waren die Seiten klar beleuchtet, es ging nur darum, wie sich das Gute seinen Weg durch das Böse bahnt. In "München" folgt man über zwei Stunden hinweg Männern, die Mörder sind. Spielbergs Anliegen, sie als Menschen zu zeigen, führt über Avner, den Eric Bana als grundehrlichen Durchschnittsmann mit verborgenem Potenzial verkörpert. Wie langsam er sich verändert. Zunächst macht seine Entschlossenheit den Dilettantismus wett. Dann scheint er zum Souverän zu mutieren, um schließlich festzstellen: Du kannst nur für eine Weile gewinnen. So lange, bis du die anderen genug gereizt hast.

Diese ganze Männerrunde, bestehend aus Bana, Daniel Craig, Hanns Zischler, Ciaran Hinds und Mathieu Kassovitz wirkt irritierend natürlich. Es gibt da eine lautlose Szene beim Abendessen, die einem das Gefühl vermittelt, hier säßen Menschen an einem Tisch, die sich zufällig getroffen haben und sich blind oder auch stumm verstehen. Tatsächlich reisten die fünf Hauptdarsteller, die alle aus verschiedenen Ländern stammen, frühzeitig am Set auf Malta an, diskutierten und lernten sich kennen und schätzen, was sich durchaus auf den Film übertrug und zur Folge hat, dass die interne Dynamik glaubhafter wirkt.

Ihre Arbeit, die hier als "historische Fiktion" bezeichnet und vom israelischen Geheimdienst "Operation Zorn Gottes" genannt wird, ist von schnellem Erfolg gekrönt. Trotz vorbestimmter Handlung, die elf "Schuldigen" von München zu eliminieren, haken die Reisen an allen möglichen Enden der Welt - die zum großen Teil auf der Insel nachgebaut wurden - nicht nur die Mission ab, die von leichten Morden zu schwierigeren Vorhaben reicht.

Zynismus war noch nie das Revier von Spielberg. Er suchte immer die Menschlichkeit. Diesmal tut er das sehr unaufdringlich und ist lediglich nicht bereit, sie aus dem Bild zu wischen. Kaminski behandelt den zittrigen Finger von Kassovitz, bevor er eine Bombe zündet, nicht als große Entdeckung, verzichtet auf die Totale. Er zeigt ihn nur und damit die Aufregung, die Furcht und das Zaudern.

Das knapp dreistündige Drama entgeht den Längen, indem es im Mittelteil mit Thrillerelementen arbeitet, das Ganze mit einer vorsichtigen Mischung aus cool und sexy im Stil des "Schakals" anhaucht. Nur um dann Platz zu schaffen für das Gewissen, das sich nicht länger unterm Kissen ersticken lässt. Die simple Tatsache, dass Menschen nicht isoliert existieren, wird beim Thema Rache normalerweise ausgespart. Hier ist sie der Anfang von Fragen, die zu weiteren führen.

Spielberg gibt dem Geschehen zwar seine Richtung, will aber weder detailiert Verbrechen der Vergangenheit widerspiegeln noch werten. Er greift die Deutschen von damals nicht an - und nicht die Amerikaner heute, auch wenn sich Analogien ziehen lassen. Die Gewaltspirale ist übertragbar auf viele Völker und Mentalitäten. Alleine durch die Tatsache, dass es verschiedene politische Meinungen gibt, wird man über das versöhnliche Anliegen streiten, was nur beweist, dass "München" diskussionswürdig ist. Wie soll man den ganzen Hass der Welt in einen dann doch vergleichsweise kleinen Film packen? Und wie, so sollte die zweite Frage an die Nörgler lauten, wie kann man das, worum es Spielberg hier geht, wirklich schlecht finden?

Claudia Nitsche

Credits:
V:UIP, USA 2005, R: Steven Spielberg, D: Daniel Craig, Eric Bana, Meret Becker u.a.

Kinostart:
26.01.2006


Avner (Eric Bana) und seine Frau Daphna (Ayelet Zurer) freuen sich über das Baby.
Avner (Eric Bana) und seine Frau Daphna (Ayelet Zurer) freuen sich über das Baby. (2005 DREAMWORKS LLC. / Universal Studios / Karen Ballard)

Offizier Ephraim (Geoffrey Rush, rechts) überredet Avner (Eric Bana), ein Killer-Kommando zu leiten.
Offizier Ephraim (Geoffrey Rush, rechts) überredet Avner (Eric Bana), ein Killer-Kommando zu leiten. (2005 DREAMWORKS LLC. / Universal Studios / Karen Ballard)

Der Sprengstoffexperte Robert (Mathieu Kassovitz, links) und Avner (Eric Bana) suchen die Terroristen.
Der Sprengstoffexperte Robert (Mathieu Kassovitz, links) und Avner (Eric Bana) suchen die Terroristen. (2005 DREAMWORKS LLC. / Universal Studios / Karen Ballard)

Datum: 22.01.2006

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Diskussion: "München"

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