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Ein cineastisches Wunder: "Das Kabinett des Dr. Parnassus"

Das Kabinett des Dr. Parnassus

(tsch) Trotz des unerwarteten Todes des Hauptdarstellers öffnet "Das Kabinett des Dr. Parnassus": Nachdem Heath Ledger während der Dreharbeiten im Januar 2008 starb, erklärten sich Johnny Depp, Colin Farrell und Jude Law bereit, in den unfertigen Szenen seine Rolle zu übernehmen. Das hätte sich Regisseur Terry Gilliam nicht leisten können, aber die drei Stars verzichteten auf ihre Gage. Damit war das größte Problem gelöst, eine Frage aber blieb: Wie passen sich die drei in den Film ein? Kann das überhaupt funktionieren?

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Und wie es das kann. Schließlich gehörte Terry Gilliam zur legendären Komikertruppe "Monty Python" und verfügt allein schon deswegen über ein hohes Maß an Improvisationstalent, von skurrilem Humor und überbordender Fantasie ganz zu schweigen. Außerdem hat der mittlerweile 69-Jährige im Laufe seiner Kinokarriere eine Art Lehre bei Rumpelstilzchen gemacht. Ohne den versuchten Babyklau freilich. Aber Gilliam weiß, wie man Stroh zu Gold spinnt.



Er hat es lernen müssen bei all den Rückschlägen: "Brazil" (1985) wurde vom Studio verhunzt, der wunderbare, exzentrische "Baron Münchhausen" (1988) war ein finanzielles Disaster, bei "Brothers Grimm" (2005) pfuschten ihm die Weinstein-Brüder ins kreative Handwerk, und der Film wurde von der Kritik unverhältnismäßig verrissen. Da kann man leicht in eine Depression verfallen, die Gilliam mit "Tideland" (2005) bekämpfte. Und dann ist da natürlich die Geschichte von Don Quixote, die Gilliam so gern verfilmen möchte. Der erste Anlauf scheiterte vor knapp zehn Jahren spektakulär und nach nur einer Woche Drehzeit: Ein Sturm zerstörte das Set, und Hauptdarsteller Jean Rochefort musste aufgrund einer Erkrankung aufgeben. Ein neuer Anlauf ist für dieses Jahr geplant, Robert Duvall ist im Gespräch für die Hauptrolle.

Weiter, trotzdem immer weiter: Für Terry Gilliam war schnell klar, dass er "Das Kabinett des Dr. Parnassus" trotz des plötzlichen Ablebens Heath Ledgers fertigstellen würde. Zum Glück, denn dieser Film ist ein Wunder, ein abgefahrener Ausflug in eine düstere, aber nicht hoffnungslose Welt der Fantasie. Und er ist sowohl Denkmal für Heath Ledger - ein würdiges! - als auch ein Vermächtnis des Regisseurs, der das Wesen des Daseins erklärt. Mit groteskem Humor und als ewigen Kampf, gute Absichten nicht den Verführungskünsten des Teufels zu opfern.

Man lässt sich nämlich nur allzu leicht verführen, wie Dr. Parnassus (Christopher Plummer), der seit Anbeginn der Zeit mit dem Teufel, der hier Mr. Nick heißt, um alles Mögliche, vor allem aber um die Seelen der Menschen spielt. Tom Waits stolziert mit Mantel und Melone durch Zeiten und Realitäten, als wolle er beweisen, dass die dunklen Seiten der Existenz von allgemeingültiger Eleganz seien. Aber das ist nur eine köstliche Randnotiz, in Gilliams mit köstlichen Randnotizen gespickten Film.

Vor ihrem letzten Duell retten Parnassus - der einst Unsterblichkeit gewann, sie tausende Jahre später gegen Jugend eintauschte und nun seine Tochter Valentina (Lily Cole) zu verlieren droht - und die Besatzung seines heruntergekommenen Jahrmarktwagens einen traurigen Fremden vor dem Freitod. Heath Ledger spielt diesen Tony, und es ist aufwühlend anzusehen, wie er in dieser Rolle gegen seine Dämonen kämpft. So ganz lässt sich das wirkliche Leben nie aus dem Kino ausblenden.

Tony heuert bei Dr. Parnassus an und tingelt mit ihm fortan durchs Land. Seine wichtigste Aufgabe: Er muss die Fantasie der Leute anregen, das schafft ihr klappriger Wagen nämlich schon lange nicht mehr. Die Menschen sind einfallslos geworden, können sich nichts mehr vorstellen ohne elektronische Hilfsmittel. Dabei bietet gerade der abgewrackte, herrlich altmodische Parnassus die einmalige Möglichkeit, durch einen Spiegel in ganz persönliche Wunschwelten zu reisen. Fünf Menschen muss er in seinem merkwürdigen Reisebüro für sich gewinnen, bevor Mr. Nick dasselbe tut - sonst gehört Valentina dem Teufel.

Einfallsreich, absurd, grotesk - Gilliam tobt sich nach Herzenslust aus, ganz so als wäre er selbst im Kabinett des Dr. Parnassus und könnte dort alles realisieren, was er sich vorstellte. Seine Parallelwelten sind große Fantasmen, in der auch Tony am Ende seine Bestimmung suchen muss. Drei Mal reist er durch einen Zauberspiegel in sein Innerstes, und dreimal findet er völlig verschiedene Aspekte seines Selbst. Und obwohl Heath Ledger in diesen Szenen aussieht wie Johnny Depp, wie Colin Farrell und wie Jude Law, ist er unschwer zu erkennen. Man braucht nur ein wenig Fantasie.

Andreas Fischer


Bild von: 2009 Concorde Filmverleih GmbH Terry Gilliam lädt in "Das Kabinett des Dr. Parnassus", das bis in den letzten Leinwandwinkel vollgestellt ist mit fantastischen Skurrilitäten.
Bild von: 2009 Concorde Filmverleih GmbH Terry Gilliam lädt in "Das Kabinett des Dr. Parnassus", das bis in den letzten Leinwandwinkel vollgestellt ist mit fantastischen Skurrilitäten.

Bild von: 2009 Concorde Filmverleih GmbH Parnassus' Tochter Valentina (Lily Cole) hat sich unsterblich in Tony (Heath Ledger) verliebt, doch der lässt sich nur widerwillig von ihr ins Leben zurückholen.
Bild von: 2009 Concorde Filmverleih GmbH Parnassus' Tochter Valentina (Lily Cole) hat sich unsterblich in Tony (Heath Ledger) verliebt, doch der lässt sich nur widerwillig von ihr ins Leben zurückholen.

Bild von: 2009 Concorde Filmverleih GmbH Johnny Depp übernahm nach dem Tod seines Schauspielkollegen Heath Ledger einen Teil seines Parts.
Bild von: 2009 Concorde Filmverleih GmbH Johnny Depp übernahm nach dem Tod seines Schauspielkollegen Heath Ledger einen Teil seines Parts.

Datum: 04.01.2010

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